„eine zeitlos gültige, visionäre Schriftstellerin“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Brigitta Huemer, Schriftstellerin _ Nötsch/Kärnten 18.1.2026

Ingeborg Bachmann _ Brigitta Huemer

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom, um 1971

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Brigitta Huemer, Schriftstellerin

Liebe Brigitta, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Es manifestiert weibliches Hindurchsterben und Anfragen; Zeugt von erkämpftem Selbstverständnis, von konsequentem Sich – auffinden und Wiederzusammenfügen, an den zentralen Wendepunkten und Bruchlinien menschlicher Existenz. Auch meiner eigenen dicht gedrängten, wie unsteten Biografie. Es steht für eine nachhaltige Lebenserschütterung im allerbesten Sinn. Ingeborg Bachmann war mir Verhinderung, Maß und Anlass zugleich, den eigenen literarischen Ausdruck aufzuspüren, ihm zu trauen und ein früh verinnerlichtes ‚Schreibverbot‘ sukzessive zu überwinden.Meine Annäherung an ihr Werk, ist von einer forschenden und lernenden Haltung getragen; Einer achtsamen Auseinandersetzung, auf Basis großer Wertschätzung und geistiger Nähe, die weit zurückreicht und auf Lebenstangenten beruht. Ausreichend, um die ‚Hand des Schicksals‘ für den Umstand zu bemühen, dass ich heute – wie von ungefähr – ausgerechnet in unmittelbarer Nähe ihrer Herkunft lebe.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ingeborg Bachmann ist eine kritische, visionäre Schriftstellerin und Philosophin. Eine „lodernde Fackel“ für Freiheit und monetäre Unabhängigkeit.Eine Feministin, die den großen Themen der Menschheit einen klugen, radikal weiblichen Blick schenkt und den Finger in die Wunden des Zusammenspiels patriarchaler Strukturen und Unterdrückung legt. Bis zur Selbstaufopferung.

„Mit meiner verbrannten Hand, schreibe ich von der Natur des Feuers.“

Ihr gesamtes Werk ist von Musikalität durchdrungen. Es ist ausschließlich vor ihrem biografischen Hintergrund lesbar und politisch, psychologisch – philosophisch, weitgehend auch theosophisch interpretierbar. Nichts darin ist zufällig, in Allem verbirgt sich Wahrheit, Erkenntnis und Bezugnahme. Bachmann bedient eine tiefgründige Metaphorik und greift häufig auf Elemente der Mythologie zurück. Sie deutet an, verschlüsselt, gibt Rätsel auf, mahnt, mutet zu und deckt auf. Sie zielt auf ernsthafte Auseinandersetzung, auf Verstehen und entzieht sich einer oberflächlichen Deutung. In ihrer Prosa, wie auch in der Lyrik, verschreibt sie sich der Phänomenologie der Wahrheit. Sie ist eine präzise Analytikerin der Gelechterdifferenz und grassierenden Geschichtsvergessenheit.

MENSCH SEIN
(Hommage an Ingeborg Bachmann)


Als randvolle Gestalt
als Gegründete im Grundlosen
im Wissen um Wagnis
vor dich hinzutreten ist viel
Denn es ist was uns eint
nicht bloße Tändelei
Das zuunterst Erworbene
das Hindurch-Gestorbene
ist das Anfragende
Benennendes `Du`
Anderes /unterscheidbares SEIN

Nicht Lockung / noch Kurzweil
Nicht Andeutung
Spiel und Flammenwurf
Nicht betörend kluge Wortgirlanden
Meisterhafte Sprachimpulse
Wundersam geschlungen
um Sinnleere und ach –
so fragile Seele

Nein
Es ist was ich bin – das Urbare
Der dammbrechende Ruf
ins bekennende Lieben
Schnörkellos / zweifelsfrei
und ohne den raffiniert
hingestreuten Anreiz
eines `Vielleicht`
und `Irgendwann`

Brigitta Huemer
Aus: ‚GEDANKEN AN ROT‘
ISBN 978-3-903190-03-0

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Neben den Gedichtbänden ‚Die gestundete Zeit‘ und ‘Anrufung des großen Bären‘, natürlich den Roman ‚Malina‘, die Romanentwürfe ‚Requiem für Fanny Goldmann‘ und ‚Der Fall Franza‘; Den posthum erschienenen Lyrikband ‚Ich weiß keine bessere Welt – unveröffentlichte Gedichte‘, mit herausgegeben von den Geschwistern Isolde Moser und Heinz Bachmann;

Unter Vorbehalt, den Briefwechsel mit literarischen Größen ihrer Zeit. Setzt er doch voraus sich dem Spannungsfeld – Intimität und Geheimnis, versus literarisch relevantes Allgemeingut, bewusst zu stellen. Vielleicht legitimiert eine pietätvolle Haltung, den mannigfach darin enthaltenen Erkenntniszuwachs.

‚Undine geht‘, im Erzählband ‚Das dreißigste Jahr‘, hat mich in meinem Frausein besonders angesprochen und für ihre literarische Genialität eingenommen. Eine schonungslose Thematisierung der Geschlechterdifferenz, die dem Ursächlichen nachgeht und einem reif agierenden Feminismus das Wort redet. Dieser Text ist ein emanzipatorisches Monument und als solches zu meinem ‚persönlichen Evangelium‘ avanciert. Das Mann- Frau – Paradigma ist heute auch in meinem eigenen Schaffen zentral auffindbar.

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

In dieser generalisierenden Aussage scheinen mir ihre zahlreichen Kontakte und unterschiedlich gelagerten Beziehungen zu bekannten Männern der Literatur, Philosophie und Psychologie, ausgenommen zu sein.

Ingeborg Bachmann hielt ihre Dankesrede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden (1959), für ‚Der gute Gott von Manhattan‘ vor Kriegsversehrten. Im jüngsten Film von Margarethe von Trotta: ‚Reise in die Wüste‘, spricht sie symbolträchtig vor einer Armada von Männern mit Augenbinden und versteinerter Miene. Ob die Regisseurin diese Assoziation gezielt einsetzt oder nicht; Es drängt sich einem unweigerlich die Frage auf: Hat sich an dieser zur Schau gestellten Blindheit – auf zumindest einem Auge – bis heute etwas zum Besseren gewendet? Die Antwort darauf, gaben in ihrer Zeit und geben heute wieder, beklemmende Aktualitäten.

„Wir müssen wahre Sätze finden.“ riet Ingeborg Bachmann. Eindringlich. Sie hat sich selbst beim Wort genommen. Wahr ist ihr Satz. Er wagt den Alleingang. Er schält sich aus dem Kontext, steht frei. Ein Satz, wird zum Monument im Text. Er setzt sich aus. Er hält die Botschaft hoch. Ein Satz der bleibt. Schlicht und vollkommen:
„Die Geschichte lehrt dauernd, sie findet aber keine Schüler.“                   (Ingeborg Bachmann)     

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Ja, “es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren“. Vor Allem dann, wenn Schreiben Obsession ist, Überlebensmotiv, innerer Auftrag, alles bestimmende Notwendigkeit.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Einsamkeit, in die ich dir nachfolge. Und: „Wohin aber gehen wir?“

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ein weiteres Buchprojekt

Mehrere Beiträge zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann

Unter Anderem:

Kulturforum Amthof Feldkirchen (Kärnten)

SA, 13. Juni 2026, 20h

WAS WAHR IST

Musikalische Lesung anlässlich des 100. Geburtstags von INGEBORG BACHMANN, mit anschließender Podiumsdiskussion zu Leben und Werk

Es lesen: Brigitta Huemer & Claudia Rosenwirth-Fendre

Moderation & Diskussionsleitung: Ingrid Schnitzer

Musik: Friedegund Rainer (Violoncello)

Lieber Walter, ich danke für Dein vielfältiges Wirken im Dienst der Kultur, vornehmlich der Literatur.  

Herzlichen Dank für das Interview!

Brigitta Huemer, Schriftstellerin _im Bachmannmuseum Klagenfurt

Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze.

Fotos: Brigitta Huemer _ Station bei Bachmann/Klagenfurt _ Walter Pobaschnig 7/25

Walter Pobaschnig 1/26

https://literaturoutdoors.com

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