„Wir brauchen die eigenen Zweifel“ Ulrike Damm, Schriftstellerin _ Berlin 5.5.2025

Liebe Ulrike Damm, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Morgens mehrere Stunden schreiben. Danach ist jeder Tag anders.

Ulrike Damm, Schriftstellerin und Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir alle folgen unseren kleinen Alltagsmodellen. Aber es sind nur Modelle. Weder sind sie absolut, noch reine Wahrheiten. Es sind Spiegelungen unseres Gegenübers, bei denen es immer um die Beziehung zu anderen Menschen geht und um die Umgebung, in der wir leben: Wir setzen uns ins Verhältnis. In allem, was wir tun, vergleichen wir, wägen ab, lernen voneinander, beziehen Stellung. Das müssen wir auch, denn nur so funktioniert die Sache, genannt Gesellschaft.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Abgrenzung hilft uns nicht. Ausgrenzung, als Hauptziel unserer Sprache und Weltsicht, auch nicht. Wir brauchen Unvoreingenommenheit und die Einsicht, dass unterschiedliche Modelle innerhalb eines Lebens nebeneinander existieren können. Feiern wir also die Vielschichtigkeit und die Möglichkeit, besonders dadurch wach und offen ein reiches Leben zu führen.  Dazu kann Kunst und Literatur treibende Kraft sein.

Ich zum Beispiel, schreibe und lese vor allem, um das Eigene im Anderen und das Andere im Eigenen zu erfahren. Insofern ist künstlerisches Schaffen immer ein einziges Infragestellen an alles, was wir ‚Welt‘ und ‚Leben‘ nennen. Wir brauchen diesen eigenen Zweifel, um Erfahrungen, die als bewährt gelten und allzu selbstverständlich in unseren Hirnen hausen, immer wieder hinters Licht zu führen.

Was liest Du derzeit?

Helene Bracht „Das Lieben danach“, eine eindringliche Schilderung persönlicher Erfahrung und ein aufklärerisches Buch über die lebenslange Prägung von sexuellem Kindesmissbrauch. In dieser Unerbittlichkeit war mir vieles erschütternd neu.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 „Es will alles gut durchdacht sein, auch wenn es Unsinn ist.“

aus „Die Poesie des Buchhalters“, Ulrike Damm, 202

Vielen Dank für das Interview, liebe Ulrike, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen: Ulrike Damm, Schriftstellerin und Künstlerin

Zur Person: Ulrike Damm, Schriftstellerin und Künstlerin, studierte Visuelle Kommunikation. Seit 1984 arbeitet sie als selbstständige Designerin in Berlin. In ihrem 2008 gegründeten Damm und Lindlar Verlag verlegt sie vor allem Kunstbände.

Seit 2010 schreibt sie Romane und Erzählungen. Mit monumentalen Schriftbildern ihrer Texte, die in Ausstellungen und Künstlerbüchern zu sehen sind, verknüpft Ulrike Damm
kongenial ihre beiden Leben als Schriftstellerin und Künstlerin in Berlin.

Ihr bei DRAVA im März 2025 erschienener Roman »Die Poesie des
Buchhalters« ist Ulrike Damms viertes belletristisches Werk.

Ulrike Damm lebt, lehrt und arbeitet in Berlin.

Aktueller Roman von Ulrike Damm:

„Die Poesie des Buchhalters“ Ulrike Damm. Drava Verlag.
Format: Hardcover, Softcover
ISBN: 978-3-99138-101-3

€24.00 inkl. MwSt.

https://drava.at/buecher/die-poesie-des-buchhalters-978-3-99138-101-3/

Foto_ Holger Biermann, Berlin

Walter Pobaschnig 4.5.2025

https://literaturoutdoors.com

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