Liebe Lena Inosemzew, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Morgen beginnt mit einer Tasse Kaffee, dabei starre ich auf den Morgenhimmel hinter dem Fenster – eine Art Meditation und Einstimmung auf das Kommende. Dann geht es wirklich danach, was der Tag bringt: den Job oder die Zeit im Atelier, tägliche Routinen, schreiben, eine Ausstellung besuchen, Familie anrufen… Ich bin sehr spontan und lege mir nichts fest. Und das Leben ist für mich nie langweilig. Ich wünsche mir aber mehr Zeit für meine Kunst.

Schriftstellerin, Kunst– und Literaturwissenschaftlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Jetzt wie auch immer (und das ist meine feste Überzeugung seit Jugendjahren) sind für uns wichtig der Frieden und die Freiheit. Auch, wenn es um persönliches geht: der innere Frieden und die innere Freiheit.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Den Zeitgeist zu erkennen und zu verstehen, und sich selbst als eine Persönlichkeit zu bewahren. In der Kunst kann man frei sein. Die Kunst sagt uns viel über uns selbst und über unsere Zeit. Der Zeitgeist wird in der Kunst sichtbar. Ich glaube aber, die Rolle der Kunst wird oft falsch geschätzt, indem ihr die Rollen der Politik, oder der Philosophie, oder der Bildung zugeschrieben werden. Kunst kann trösten. Kunst kann befreien. Kunst kann ein Spiegel sein, in dem wir uns betrachten, – eine Art des „Zauberspiegels“ sogar, in dem man das wahre Bild von sich selbst sieht. Für mich persönlich ist auch wichtig, dass die Kunst vor allem Kunst bleibt und ihre eigenen Ausdrucksmittel verwendet. Sonst kann sie schnell zu Propaganda werden, was ich in meiner Kindheit in der Sowjetunion auch erlebt habe. Kunst kann politisch sein, aber kann die Politik nicht ersetzen.
Was liest Du derzeit?
Ich lese vieles parallel und viel von zeitgenössischen Autoren, besonders die zeitgenössische Lyrik. Gerade jetzt lese ich 2023 erschiene Erzählung des jungen Leipziger Literaten Nils Müller, die heißt „Zwei Handbreit oder Die Mutter des Malers, ruhend“. Und „Die Schwestern Makioka“ von Junichiro Tanizaki.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Das sind zwei Zitate aus der Erzählung „Die Katze“ der frühgestorbenen Leipziger Literaten Anatolij Grinvald.
„Poesie ist die Konzentration und die Weitergabe der positiven Energie (Energie plus) von Mensch zu Mensch mittels eines äußerst kompakten Texts (das heißt, durcheine große Anzahl assoziativen Lösungen)“.
Und:
„Nun, der Kommunismus verlor für dich an Reiz, als du noch ein Teenager warst. Aber auch andere Religionen fanden keinen Platz in deinem Herzen. Also hast du dir eine eigene ausgedacht. Sozusagen: zur inneren Anwendung“.
(Anatolij Grinvald: Die Katze. In: Thomas Böhm, Robert Geselle und Ulrich Schreiber (Hg.): Ein Literarischer Rettungsschirm für Europa. Berlin 2013, S. 40-51. Übersetzt von Alexander Nitzberg).
Vielen Dank für das Interview, liebe Lena, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunst-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Lena Inosemzew, Künstlerin,
Schriftstellerin, Kunst– und Literaturwissenschaftlerin
Zur Person _ Lena Inosemzew wurde 1975 in Kasachstan geboren. Sie studierte Kunst in ihrer Heimatstadt Semipalatinsk, arbeitete als Kunstpädagogin, Illustratorin und Bühnenbildnerin sowie als Journalistin und Redakteurin.
An der Leipziger Universität absolvierte sie die Studiengänge Slavistik und Kunstgeschichte. Gründerin des mehrsprachigen Literaturzirkels buterbrod. 2012 – 2022 Kuratorin bei G 11 art project Leipzig Spinnerei. Doktorandin an der Ruhr-Universität Bochum im Fach „Russische Kultur“.
Zahlreiche literarische, wissenschaftliche und journalistische Publikationen in Deutschland, Kasachstan, Russland, Ukraine, USA.
Einzel-und Gruppenausstellungen in Deutschland, Kasachstan, Südkorea und in der Türkei. Zurzeit lebt und arbeitet sie als freischaffende Künstlerin malerisch und literarisch in Leipzig.
Foto_ privat.
Walter Pobaschnig _ 14.1.2024