
Es sind Fotos, die als Erinnerungen Menschen wieder in Begegnungen, Erfahrungen, Lebensstationen sichtbar machen und gleichsam einen neuen stillen Dialog herstellen, der ein ganz besonderer Zugang in aller Freude wie Vergänglichkeit ist.
Wie im Privaten ist dies bei Künstler:innen nicht anders. Fotos stellen Gegenwart und Nähe von Person und Werk her. Sie sind Wirkung, bewusst inszeniert, ausgewählt und an die Öffentlichkeit gebracht. Es steckt eine Erzählung darin, die es zu vermitteln gilt. Stilbild, Projektionsfläche, Ansprache und Hingabe, Formen von Präsenz von Kunst und Öffentlichkeit, die erwünscht wie Spannungsfeld sind. Das ist heute wie schon Jahrhunderten so. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, es hat seine Macht und Gültigkeit. Davon gibt es kaum ein Entkommen in Kunst als Existenzform. Es gehört zum „Job“.
Auch bei der vor fünfzig Jahren verstorbenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Es gibt längere Fotostrecken von ihr, in denen sie gleichsam mit der Öffentlichkeit des Bildes spielt und etwa in Rom mit dem befreundeten Schauspieler und Fotografen Garibaldi Schwarze sich in einer klassischen hollywoodlike „homestory“ präsentiert. Lächelnd, entspannt in Küche, auf der Terrasse, in der Stadt. Bachmann wusste um gesellschaftliche Mechanismen. Durchschaute diese, litt an diesen, setze diesen das Wort und das Spiel entgegen. Die Bilder der Serie sind ganz direkter Ausdruck davon. Selbstbewusst sich entgegenstellend – „Da habt ihr, was ihr wollt, aber ihr bekommt mich nicht“, scheint der Subtext im Bild zu sein.
In der Fotoserie von 1962, die ihr Bruder Heinz anlässlich eines Familienbesuches anfertigte (über 70 Aufnahmen, die umfassendste Serie von Ingeborg Bachmann überhaupt), und von der auch das Coverbild des vorliegenden Bandes stammt, zeigt eine sehr persönliche Seite, die einem Requiem in reduzierter ernster Mimik gleicht. Es ist die Zeit des Trennungsprozesses von Max Frisch. Die Fotos entstanden in der letzten gemeinsamen Wohnung, Via de Notaris 1F, Rom. Die Zukunft ist dunkel und unsicher, Bachmann will gleichsam festhalten – „Mach` Fotos von mir!“ , lädt oder fordert sie ihrem Bruder auf. Der erfüllt diesen Auftrag genial. Wählt, obgleich weitestgehend ohne Erfahrung, sehr professionelle Portrait Perspektiven. Das ist erstaunlich und wohl einer dieser golden moments in der Kunst, gerade in der Fotografie, die nicht gänzlich zu entschlüsseln sind. Gut so.
Dies sind zwei exemplarische Fotostationen, welche Uta Degner, Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Salzburg und mit Irene Fussl Herausgeberin der Salzburger Bachmann Edition, in ihrem bemerkenswerten Fotoband zum 50.Todestag Ingeborg Bachmanns (*25.Juni 1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) vorlegt.
Es ist eine Fotoreise von der Kindheit bis zu den letzten Lebensjahren, die viele Facetten des privaten wie literarisch-öffentlichen Lebens zeigt und spannende Wege von Präsentation, Inszenierung in der Bildanalyse offenlegt.
Hervorzuheben ist die Bandbreite wie Auswahl der Fotos, die in diesem Querschnitt wie dem Kommentar, Kontext etwas ganz Besonderes sind.
„Ingeborg Bachmann im Bild. Eine ganz besondere Fotobegegnung zum 50.Todestag.“
Ingeborg Bachmann. Spiegelungen eines Lebens. Degner, Uta. wbg Theiss Verlag.
208 S. mit über 150 farb. Abb., 22 x 29 cm, geb. mit SU.
wbg Theiss, Darmstadt.
2023.
60,00 €
Walter Pobaschnig 10/23