„Es braucht eine feministische Revolution“ Elodie Arpa, Schriftstellerin _ Wien 19.1.2023

Liebe Elodie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das ist eine schwierige Frage, denn so eine richtige Routine habe ich gar nicht. Da ich Studentin bin, ist das je nach Woche bzw. Monat ganz unterschiedlich bei mir. Über den Sommer habe ich jeden Tag so viel wie möglich an meinem neuen Buch geschrieben, aber wenn Prüfungsphase ist, dann bin ich vorrangig damit beschäftigt, auf die Universität zu gehen und zu lernen. Manchmal habe ich dadurch das Gefühl immer etwas vernachlässigen zu müssen, aber zugleich tut mir dieser Ausgleich sehr gut und letztlich schaffe ich meist doch alles, was ich mir vornehme, wenn auch nicht gleichzeitig.

Im Vergleich zu der Zeit vor Beginn der Coronapandemie ist alles anders – wobei vieles davon weniger an Corona liegt und mehr daran, dass ich seither generell einiges in meinem Leben verändert habe. Ich studiere etwas anderes. Ich arbeite an anderen Projekten. Ich wohne wo anders. Und ganz grundsätzlich habe ich mich als Person in kurzer Zeit ziemlich fundamental weiterentwickelt, wobei ich mir da tatsächlich öfter die Frage stelle, ob das aufgrund der Pandemie so passiert ist oder ob das einfach damit zusammenhängt, dass man sich in den frühen Zwanzigern generell stark verändert.

Elodie Arpa, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Pandemie hat mich dazu gebracht, meine Prioritätensetzung grundlegend zu hinterfragen. Mir wurde klar, wie wichtig meine mentale Gesundheit ist und das es in Ordnung, ja geradezu notwendig ist, fürs eigene Wohlbefinden Grenzen zu setzen. In Krisenzeiten, wie wir sie derzeit erleben, ist es denke ich für uns alle wichtig, auf uns zu schauen. Auf sich schauen kann heißen, regelmäßig auszuschlafen, Yoga zu machen und genügend Zeit mit Freunden zu verbringen. Aber aus meiner Sicht hat mentale Gesundheit auch einen gesellschaftspolitischen, einen solidarischen Aspekt, der oft nicht als solcher erkannt wird. Aktivismus und Freiwilligenarbeit, sich informieren, formieren und Veränderung fordern – all das ist gerade jetzt besonders notwendig.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur,  dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

In unserer Gesellschaft läuft enorm viel schief. Die Klimakrise, die sich verschärfende soziale Ungleichheit und die Gesundheitskrise verdeutlichen uns das tagtäglich. Aus meiner Sicht braucht es eine grundlegende Transformation, eine feministische Revolution zur sozialgerechten Eindämmung der Klimakrise. Dafür braucht es von überall Veränderung und aus meiner Sicht kommen Kunst und Kultur da die ganz zentralen Aufgaben zu, Missstände aufzuzeigen und neue Ideen vorzustellen. Das ist ein unendlich schwieriges Unterfangen. An viele Dinge haben wir uns ja mittlerweile dermaßen gewöhnt, dass wir keine Ahnung haben, was Alternativen dazu sein könnten. Doch genau darin, also im Versuch Alternativen gemeinsam zu erarbeiten, sehe ich die Aufgabe der Kunst und Kultur.

Was liest Du derzeit?

„Patriarchale Belastungsstörung“ von Beatrice Frasl und „When Women Were Dragons“ von Kelly Barnhill.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich bin nicht die größte Zitate-Sammlerin, aber ein Zitat, an das ich in letzter Zeit (gerade auch bezüglich der traurigen Rückschritte in den USA) öfter denke und das ich ebenso treffend wie lustig finde, ist ein Gedanke von der großartigen Feministin Gloria Steinem: „If men could get pregnant, abortion would be a sacrament.“

Vielen Dank für das Interview liebe Elodie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute in diesen Tagen! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Elodie Arpa, Schriftstellerin

Zur Person: Elodie Arpa, geboren 1999, LL.B. in Wirtschaftsrecht, studiert aktuell Deutsch und Ethik auf Lehramt in Wien. 2018 war sie Abschlussrednerin des Gedenktags gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Im selben Jahr war sie Gewinnerin des bundesweiten Mehrsprachenredewettbewerbs SAG’S MULTI. Als Rednerin und Aktivistin setzt sie sich ein für Feminismus, Jugendpartizipation und ein handlungsfähiges und bürgernahes Europa. Als Autorin verarbeitet sie diese Themen zu Kolumnen und Spoken Word Poetry und tritt auf diversen Bühnen auf.

Neuerscheinung: Elodie Arpa „Freiheit“, Verlag kremayr-scheriau, 2/2023

Foto_ Elodie Grethen

5.1.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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