„Es ist jetzt Mitgefühl statt Sentimentalität notwendig“ Jutta Sauer, Schriftstellerin _ Osnabrück/D 19.8.2022

Liebe Jutta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich daheim bin, habe ich gern feste Strukturen: Aufstehen gegen 8 Uhr, danach die alltäglichen Notwendigkeiten, eine kurze Gymnastik gegen die Kreuzschmerzen, Folge der Schreibtischarbeit. Zum Frühstück ein belegtes Brötchen und zwei Tassen Kaffee. Es folgt die Zeitungslektüre mit den gleichen Nachrichten, die ich schon vor dem Aufstehen im Radio gehört hatte: der Krieg in der Ukraine hat die Corona-Meldungen längst überholt. Es wird Zeit, eingegangene Post und Mails zu lesen, zu beantworten, vor allem aber die Notizen vom Vortag für ein neues Buchprojekt zu überprüfen und zu ergänzen. Dabei wächst immer mehr die Lust, wieder Gedichte zu schreiben. Fragmente entstehen meist unterwegs, beim Autofahren, Spazierengehen, Einkaufen oder sonst wo. Irgendwann wird daraus dann am Schreibtisch etwas Ganzes.

Am Abend schließlich Gespräche mit Menschen, die mir wichtig sind. Lesen im Bett, bis mir die Augen zufallen und jede Nacht ein neuer Traum, oft Albtraum, der mich bis ins Morgengrauen verfolgt.

Jutta Sauer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für alle zu sprechen, steht mir nicht zu. Vielleicht brauchen jetzt alle aber mehr Demut angesichts des Wandels in unserer Gesellschaft. Die Pandemie und der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine haben das Leben international total verändert. Über allem liegt Melancholie und Unsicherheit, aber auch Ungeduld. Wichtig ist, sich trotzdem nicht selbst zu verlieren, sich nicht vom Chaos besiegen zu lassen. Es ist jetzt Mitgefühl statt Sentimentalität notwendig, daneben auch der starke Wille, sich nicht länger in Schockstarre auszuruhen, sondern jeden neue Tag zu begreifen und zu verstehen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die letzten zwei Jahre mit Restriktionen und Eingriffen in das persönliche Leben haben uns alle verändert. Quarantäne und Homeoffice haben zu gesellschaftlichen, aber auch psychischen Veränderungen geführt, bei manchen sogar eine Sozialphobie ausgelöst. Jeder Tag muss wieder ein Neubeginn sein. Ein Aufbruch kann nur geschehen, wenn man dazu bereit ist, jeden Tag als Herausforderung eines langen Lernprozesses zu leben.

Negative Veränderungen haben manchmal auch etwas Positives: mehr Menschen greifen wieder zum Buch und lesen. In der Literatur können sie zumindest eine Gegenwelt finden, sie kann aber auch ein Korrektiv der bestehenden Verhältnisse sein, in denen wir gerade leben müssen.

Was liest Du derzeit?

Wenn ich mich in Klausur, also im Schreibprozess befinde, lese ich am liebsten Sachbücher, um mein Wissen zu erweitern und wie beim Muskeltraining meine geistigen Zellen zu reaktivieren. Dazu gehören aktuell die ukrainischen Lektionen „Entscheidung in Kiew“ von Karl Schlögel, um zu begreifen, was in Europa gerade passiert.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Im Kapitel „Schreiben im Situation Room“ schreibt Schlögel:

„In gewöhnlichen Zeiten kann man sich die Bedingungen seines Schreibens aussuchen…Alles hat seine Zeit, ist überschaubar, machbar. Aber es gibt Augenblicke, Situationen, in denen alles über den Haufen geworfen wird und man sich neu einrichten, sich neu aufstellen muss, will man irgendwie Schritt halten mit der Zeit und sein Gleichgewicht zurückgewinnen.“

Mein um 1995 entstandenes Gedicht „Schwarzes Meer“ erfährt gegenwärtig eine völlig neue Bedeutung:

                        Mein Körper/eine Insel/im Meer

                        Von Sonne/verbrannt/und Salz/zerfressen

                        Kein Ort/für flugmüde/Eismöwen

                        Nachtschwarz/der Himmel/besetzt schon/von Raben

Vielen Dank für das Interview liebe Jutta, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Jutta Sauer, Schriftstellerin

https://de.wikipedia.org/wiki/Jutta_Sauer

Foto_privat.

13.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Ein Gedanke zu „„Es ist jetzt Mitgefühl statt Sentimentalität notwendig“ Jutta Sauer, Schriftstellerin _ Osnabrück/D 19.8.2022

  1. Liebe Jutta!
    Dieses Interview ist sehr einfühlsam – trotz der Krisen – berechtigten Ängsten – verordneten Rückzug – dieses Empathische darin ! Es eröffnet sich Neues.

    Gefällt mir

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