„Die Literatur muss mehr als sonst zeigen, was mit uns los ist“ Jesse Falzoi, Schriftstellerin _ Sardinien/Berlin 29.7.2022

Liebe Jesse, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An drei Tagen arbeite ich in der Schule und wache gegen 7 Uhr auf, dann trinke ich Tee und kontrolliere meine Mails, Schule und privat, dann bis halbacht Spiegel online, dann mache ich mich schnell fertig, um 8 Uhr fahre ich mit dem Fahrrad los. Montags wöchentlich, dienstags monatlich und am Wochenende ein paar Mal im Jahr gebe ich an der VHS Kurse im Schreiben, alle möglichen Formate, das Gute ist, dass ich mitmachen muss (eine meiner Regeln beim Unterrichten), deswegen bleibe ich immer im Fluss, auch wenn ich mal keine Lust habe. Manchmal treffe ich mich mit meiner Schreibgruppe, den Tulubees, die aus einem englischen Workshop entstanden ist, oder mit anderen ehemaligen Teilnehmer*innen zum Quatschen und zum Schreiben, drei Mal die Woche versuche ich, bei Shut up & Write dabei zu sein, ein Treffen von Menschen, die schreiben, alle aus ganz unterschiedlichen Motiven, über die Meetup-app. Ich kann dort konzentrierter arbeiten als zuhause und das letzte Projekt war ziemlich schmerzhaft, das wollte ich nicht zuhause überarbeiten. Die Truppe ist sehr international, die Kommunikation findet auf Englisch statt, und der Kaffee ist an allen Treffpunkten lecker.

Jesse Falzoi, Schriftstellerin 

Durchschnittlich schreibe ich alle 2 Jahre einen Roman, mit dem Überarbeiten bin ich ungefähr zehnmal so lange beschäftigt wie mit dem Erstentwurf, d.h. wenn ich einen weglege, um wieder mit frischen Augen rangehen zu können, überarbeite ich den anderen, usw. Zurzeit sind 3 bei mir am Rotieren. Ich habe aber auch schon mal 2 Jahre nix gemacht, als ich Ballett entdeckt habe. Aber am Ende packt es mich immer wieder, wenn ich etwas Inspirierendes lese. Bei Rachel Cusk oder Sigrid Nunez zum Beispiel, und Alexander Chee und Margaret Atwoods Katzenauge haben mich zu meinem aktuellen Erstentwurf regelrecht getrieben. Jetzt bin ich gerade auf Sardinien, der Heimat meines Vaters, der in den 60ern als Gastarbeiter nach Deutschland kam, und sitze ich meiner Wohnung, die ich mir nach langem davon Träumen endlich gekauft habe. Ein richtiges Schreibparadies habe ich geschaffen und der Plan ist, hier auch bald Workshops zu geben, vielleicht schon nächstes Jahr. Hier bin ich jetzt, so oft die Schule es zulässt.

Jesse Falzoi, Schriftstellerin _ Schreibatelier _ Sardinien

Zwei meiner Kinder sind bereits seit ein paar Jahren aus dem Haus. Mein jüngster Sohn wird auch langsam erwachsen, sodass ich das, was mir am wichtigsten war und ist, in meinem Alltag kaum noch habe, mich um meine Kinder kümmern. Es hat mir immer viel Kraft und Inspiration gegeben, und emotionalen Halt. Ich fühle mich ohne sie, wie ich in meinem letzten Roman beschrieben habe, oft ganz schön lost, wie im falschen Leben, ich muss mein neues erst finden. Auch wenn mein Sohn noch manchmal da ist, führt er sein eigenes, spannendes Leben und wir begegnen uns oft nur für eine halbe Stunde am Tag, manchmal gar nicht. Ich weiß, die Frage war, wie mein jetziger Tagesablauf aussieht, aber der besteht deswegen in dieser Form, weil dieser wichtige Faktor in meinem Leben nach so vielen Jahren nicht mehr vorhanden ist. Mein Tag besteht auch darin, viel an sie zu denken und sie zu vermissen.

Ansonsten lese ich viel, schau ich zu viel Netflix und gehe sehr gern lange spazieren.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht nur jetzt, immer: Genügsamkeit und Großzügigkeit und Empathie – und auf die Jungen zu hören, sprich, ihre Welt bewahren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Literatur muss mehr als sonst zeigen, was mit uns los ist.

Was liest Du derzeit?

Hot Milk von Deborah Levy

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Manchmal braucht eine Person eine Geschichte dringender als Nahrung, um am Leben zu bleiben,  Barry Lopez

Vielen Dank für das Interview liebe Jesse, schöne Zeit in Sardinien und viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Jesse Falzoi, Schriftstellerin _Berlin, Sassari (Sardinien).

Books

Fotos_privat.

20.7.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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