Bachmannpreis 2022 _“Ingeborg Bachmann ist im Sinne von Unabhängigkeit ein unglaubliches Vorbild“ Clemens Bruno Gatzmaga, Schriftsteller_Wien 10.6.2022

Clemens Bruno Gatzmaga, Schriftsteller_Wien _
Bachmannpreis Teilnehmer 2022 _
Station bei Ingeborg Bachmann _ Wien _ Lebensort der Schriftstellerin 1946-53

Lieber Clemens, herzliche Gratulation zur Teilnahme am Ingeborg Bachmannpreis 2022!

Wie gestalte sich der Text- und Bewerbungsprozess und wie hast Du Deine Teilnahmebekanntmachung erlebt?

Ich hatte zunächst mit dem Text eine große Freude, weil es wie bei einem Wasserfall rausgestürzt ist.

Ich saß im Flur und wir haben da in der Wohnung den Papierkorb, den unsere Tochter sehr gerne ausräumt. Und ich saß mit ihr da und während sie sortierte und zerriss, war die Geschichte da. Man weiß ja nicht, wo eine Geschichte dann hinführt, aber die Idee war in diesem Moment da. Ich habe dann einen Stift genommen und auf die raussortierten Verpackungen, Blätter raufgeschrieben und meine Tochter zerriss dann alles gleich wieder. Aber das war dieser Ideenmoment und ich dachte, dies wird vermutlich wieder verschwinden. Aber so war es nicht.

Die Geschichte war da und blieb und die nächsten Tage schrieb ich dann sechs, sieben Seiten am Laptop runter. Das war der Beginn des Textes und ich hatte da schon etwas den Gedanken, das könnte der Text sein, mit dem ich mich beim Bachmannpreis bewerbe. Ich habe mich dann mit meiner Wiener Lektorin Angelika Klammer darüber ausgetauscht. Wir haben dann an Verfeinerungen gearbeitet. Ja, und so wurde der Text dann eingereicht.

Als sich dann Brigitte Schwens-Harrant (Bachmannpreisjurorin, Anm.) meldete, habe ich das erst am nächsten Tag realisiert – „Ja, jetzt ist es wirklich passiert!“. Wir haben uns dann getroffen und haben auch viel über den Text, das Thema  – über das ich ja nichts verraten darf – gesprochen und gearbeitet. Und so ging es dahin (lacht).

Ein möglicher Preisgewinn in Klagenfurt geht dann also an Dich und Deine Tochter?

Vielleicht hat sie mich in diesem Moment befreit im Sinne von „mach` halt mal“. Der Schreibprozess ist bei mir generell so, dass ich zunächst auf Papier schreibe, bevor es auf den Laptop geht. Das sind Vorstufen, Notizen und es ist noch nicht so ganz ernst, einfach damit Ideen und Text „laufen“. Ich schreibe da auch mit Bleistift, damit es fließt. Und das war so ein Moment.

Dass man dasitzt und plötzlich hat man ein Bild von einer Person oder einer Geschichte, dies kommt nicht häufig vor. Meistens ist es ja im ersten Moment nur eine Idee und dann entsteht der Text im zweiten Schritt. Aber das war eine besondere Situation (lacht).

Bist Du ein Schriftsteller, der einen Schreibfluss ganz direkt aufnimmt und sich gleichsam von diesem „mitreißen“ lässt, wie etwa Jack Kerouac, dessen 100.Geburtstag sich heuer jährt und welcher seinen Beat-Kultroman „On the road“ in drei Wochen auf eine Papierrolle schrieb?

Nein, ganz im Gegenteil (lacht). Ich habe zwar meist schnell die Grundidee und auch das Ende, aber bis ich dahin komme, dauert es meist sehr lange.

Im Grunde versuche ich mir zunächst zu erlauben, nur zu schreiben, was ich denke, damit es da ist. Und wenn es da ist, dann fängt die eigentliche Arbeit an, das Verfeinern, das Abklopfen, das dauert bei mir viel länger als zu der Idee zu kommen. Es kann passieren, dass ich einen Roman habe und den schreibe ich auf drei Seiten runter, aber am Ende hat dieser Roman 350 Seiten.

Ich habe auch das Gefühl, dass bei mir die Figur erst Leben bekommt, wenn sie geschrieben wird. Dieses Leben ist nicht im Kopf schon da. Im Schreibprozess fängt die Figur an, ein Leben zu bekommen.

Meistens ist das Ende dann nicht so wie man sich das vorstellt, weil die Figur sagt, „klingt zwar schön, was Du Dir überlegt hast, aber das passt nicht zu mir, so bin ich nicht und du musst das jetzt anders machen“ (lacht).

Wie darf man sich diesen Dialog von Dir als Schreibenden und der sich entwickelnden Textfigur in Wort und Antwort vorstellen? Ist es ein Gespräch, ein Streiten, ein Ringen, ein Abwarten?

Die Figur ist ja am Anfang nicht wirklich da. Bis sie sich meldet, vergehen meistens Tage. Häufig brauche ich die Nacht oder auch eine Woche, weil die Figur dann erst merkt, das bin ich eigentlich gar nicht. Die Figur muss sich ja erst ihrer selbst bewusstwerden. So kann es passieren, dass ich glaube, ich habe die größte Idee entwickelt und den schönsten Text geschrieben und am nächsten Tag oder zwei, drei Tage später, muss das alles wieder weg, weil es einfach nicht passt.

Ich habe gelernt in den Jahren, in denen ich schriftstellerisch arbeite, dass ich sehr viel Geduld brauche mit mir (lacht) und dass ich das Leben des Textes sich entwickeln lassen muss.

Es kann ja sein, dass man erst nach dreißig Seiten draufkommt, dass es eigentlich nicht passt und dann muss man den Mumm haben, sich selbst zu sagen, das ist es nicht. Dann ist es halt schade, um diese dreißig Seiten, aber es geht nur so und nur so entsteht der Text, der am Ende rund ist.

Ingeborg Bachmann, die hier in der Beatrixgasse in Wien lebte und schrieb, überarbeitete ihre Texte immer wieder und es gibt sehr viele Textfassungen. Ist es bei Dir ähnlich?

Ja, für meinen Debütroman „Jacob träumt nicht mehr“ (2021, Karl Rauch Verlag) gab es sicher 300/400 Seiten Material und da war es so, dass ich sehr viele Geschichten hatte, die für die Gesamtgeschichte eher am Rande eine Rolle spielen und die ich unglaublich schön fand – die lagen mir am Herzen. Und wenn man dann langsam merkt, was der Kern der Geschichte ist, dann passen diese aber nicht mehr. Das kann ja sein, dass diese Textstellen feiner sind als der Rest, aber die Geschichte in ihrem Funktionieren diese feine Sprache gar nicht braucht.

Ja, und dann kocht man das runter und am Ende sind es dann 150 Seiten geworden. Es ist vieles rausgeflogen, einfach damit der Text, wenn man ihn in der Hand hält, einen Sog entfaltet und nicht diese Ablenkungen hat, diese bestimmten Fummel, die man noch reinhaben wollte, weil man das unglaublich schön fand. Aber diese Abzweigungen dienen nicht der Geschichte und da sind wir wieder bei der Figur und der Frage, wie kann ich diese so entwickeln, dass der Leser eine Sympathie, ein Interesse entwickelt für die Geschichte. Dies muss halt dann passen.

Du hast mit Deinem Debütroman „Jacob träumt nicht mehr“ viel Aufsehen in Publikum und Kritik erregt und für den Österreichischen Buchpreis Debüt 2021 nominiert – herzliche Gratulation!

Im Roman steht ein junger Mann mitten im Geschäftsleben moderner Zeit im Mittelpunkt, der plötzlich Brüchen dieser grenzenlos erfolgsorientierten Lebenswelt ausgesetzt ist und die ihn ganz neu nach Sinn und Hoffnung fragen lassen (müssen).

Woher beziehst Du Deine Schreibthemen?

Bei Leuten, die so Mitte Dreißig sind und einen Roman verfassen, da sagt man ja, das ist ein Quereinsteiger (lacht). Ich nehme natürlich viel aus meinem Arbeitsleben mit, das, was ich täglich sehe. Ich kann da sehr viel beobachten, erlebe sehr viel. Ich bin da mittendrin und komme nicht von einer Schreib-Uni. Die Beobachtungen, die ich da mache, helfen mir unglaublich und die Arbeitswelt ist etwas, was mich sehr interessiert. Und auch wie kann man vielleicht darin eine Poesie der Gegenwelt entdecken, wo vielleicht ein hoffnungsvollerer Ton drinsteckt als manchmal in der Arbeitswelt. Das ist so das, was mich zurzeit interessiert.

Ingeborg Bachmann hat in den Textsorten ihrer Werkgeschichte sehr variiert. Wie ist dies in Deinem Schreiben?

Ingeborg Bachmann hat ja mit Ihrem Roman „Malina“ geendet und mit der Lyrik begonnen. Vielleicht ist es bei mir andersrum. Bis zur Lyrik brauche ich glaube noch. Hin und wieder schreibe ich Gedichte, aber dies betrifft keine Veröffentlichung. Ich bin erstmal in der Prosa beheimatet.

Ingeborg Bachmann ist wie Du nach Wien zugezogen und hat hier Ihr Schreiben entwickelt.

Wo bist Du aufgewachsen und wie war Dein Weg zum Schreiben?

Ich bin in Düsseldorf aufgewachsen und zwar am Eiskellerberg, das ist ein sehr großes, altes Gebäude, von dem aus man auf die Kunstakademie schaut. Links schaut man auf eine Brauerei, Düsseldorf hat ja sehr viele Altbier-Brauereien mit sehr gutem dunklen Bier (lacht). Es gibt da auch noch diese Messingkessel, neben denen man direkt sitzt. Ich bin da auch durch die Altstadt zur Schule gegangen.

Aber wie das so ist, wo man aufwächst, das wird einem manchmal zu eng. Mir wurde es zu eng.

Die Entscheidung nach Wien zu gehen, war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Ich hatte Freunde hier, war zwei-, dreimal hier und hab` auch nur ebenso wenige Bezirke gesehen. Die Stadt war für mich noch ein Blick durchs Schlüsselloch.

Und dann zieht man rüber, arbeitet, schreibt. Wenn man so jung ist, dann erlaubt man sich noch nicht so viel darüber nachzudenken, was der große Plan ist.

Als ich hier vor zwölf Jahren ankam, habe ich mir nicht die Frage gestellt, was in fünf Jahren sein wird. Ich habe einfach sich das entwickeln lassen. Und jetzt bin ich zwölf Jahre da und immer noch glücklich (lacht). Ich habe immer noch das Gefühl, ich entdecke Wien.

Ich habe auch das Gefühl, dass diese Stadt irgendeinen Sinn hat für mein Schreiben. Festmachen kann ich das nicht, vielleicht ist es diese Melancholie, dieses Schwere. Ich weiß es nicht. Ich kann hier gut arbeiten. Meine Tochter ist jetzt auch Wienerin, was für mich noch immer lustig klingt in meinen Ohren (lacht). Mal sehen, ob es noch nach Rom – wo war Ingeborg Bachmann noch?

München, Berlin, Zürich…

geht (lacht).

Ingeborg Bachmann schrieb ihren Roman „Malina“ in Rom. Wenn ich schreibe „bin ich in Wien“, sagte sie.

Das finde ich interessant, dass diese Stadt irgendwas hat. Ich kann das nachvollziehen.

Fließt Wien in Dein Schreiben unmittelbar ein? Wie inspiriert Dich Wien?

Erstmal brauche ich die Distanz zu Düsseldorf, zumindest was die Topographie angeht. Düsseldorf ist immer noch sehr präsent und Wien erlaubt mir einen Blick aus der Distanz einzunehmen.

Wie fließt Wien ins Schreiben ein? Schwer zu sagen. Ich kann sagen, ich bin angekommen und das erlaubt mir einen gewissen Rhythmus zu haben, den ich fürs Schreiben unbedingt brauche.

Wenn ich einer Stadt wie in Berlin leben würde, was ich auch kurz tat, wo dauernd irgendwas ist, auf Dich einwirkt, was für viele unglaublich anziehend ist, so viele Eindrücke und fünftausend Veranstaltungen pro Tag, das habe ich Wien zu einem geringeren Teil. Ich brauche das auch gar nicht mehr, habe ich das Gefühl. Mir erleichtert es das Schreiben, wenn ich angekommen bin und einen Rhythmus habe, wenn ich Zuhause am Schreibtisch vor der weißen Wand sitze und meine Ruhe vor dem Außen habe, um mich dann wieder in das außen zu stürzen und mir etwas zu holen. Es ist ja auch nicht so, als würde man nur im Kämmerchen sitzen. In Wien kann ich mit der Bim bis zum Weinberg fahren und beim Heurigen sitzen.

Ich kann in Wien ins pralle Leben eintauchen und habe gleichzeitig die Ruhe.

Wie und wo schreibst Du praktisch gesehen?

Es führt immer vom Außen zum Innen. Ich beginne etwa im Kaffeehaus mit einem Notizheft – ich fahre auch unglaublich gern baden – da lass` ich dann erst mal die Idee aufs Papier, ohne mich damit aufzuhalten, wie schön ich es finden soll. Dann ist es da und dann sind halt ein paar Schreibhefte voll.

Und dann kommt das Schreibheft an die weiße Wand, den stillen Ort. Und das was dann überlebt, kommt in den Topf. Dann beginnt die Arbeit am Text, die ich nur machen kann, wenn ich am Laptop vor mir sehe, wie die Änderung auf den Text wirkt.

Strg+z ist für mich das Tastenkürzel überhaupt beim Schreiben.

Immer wieder vor und zurück. Lesen, laut lesen, schauen, ob der Rhythmus passt, ob es sich gut anfühlt. Und dann liegenlassen und die Nacht drüber schlafen. Nicht zu begeistert sein aber auch nicht zu zweifelnd. Ein bisschen warten und wenn es dann noch wirkt, dann geht es weiter mit der nächsten Zeile.

Wie gehst Du auf das Lesen im Wettbewerb in Klagenfurt zu?

Ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken, mich ein bisschen abzulenken, nicht wahnsinnig zu werden und den Text nochmal vorzubereiten, laut zu lesen. Zu schauen, wo sind die Betonungen, welche Dinge sind einem wichtig.

Und sonst freue ich mich einfach, die Autoren:innen kennenzulernen und auf das ganze Drumherum. Ich war auch noch nie in Klagenfurt.

Ich freue mich, mit offenen Augen dahinzufahren und alles auf mich einwirken zu lassen. Ganz offen zu sein und zu bleiben, das ist, glaube ich, auch der Versuch bei sich zu bleiben.

Welchen Wunsch hast Du für Klagenfurt?

Oh, was sag` ich jetzt (lacht).

Es ist ja das Interessante, man gibt den Text ab und dann liegt er da und es vergehen Wochen. Der Text ist geschrieben und ich bin Diener des Textes und muss schauen, dass ich ihn so vermittle, dass die Leute da draußen mitzuhören und sich womöglich daran erfreuen. Das ist der Wunsch, dass man das schafft. Alles Weitere kann man ja nicht beeinflussen.

Bei sich zu bleiben. Alles was drumherum passiert zu erleben, ohne die Bedeutung so groß werden zu lassen, dass man zu aufgeregt ist.

Und einfach auch Spaß zu haben und das Wunderbare einer live übertragenen Literaturveranstaltung im Fernsehen zu genießen. Bloß gut, dass es das gibt! Ganz unabhängig von Personen.

Das Baden, dass Du in Wien so schätzt, wird wohl auch in Klagenfurt nicht zu kurz kommen.

(lacht) das sagen alle, dass man zwischen zehn und fünfzehn Badehosen mitnehmen sollte für die Tage.

Wie hast Du in den letzten Jahren den Bachmannpreis mitverfolgt und welche Inspirationen gab es da für Dich?

Ich habe vor allem den Text von Nava Ebrahimi (Bachmannpreisträgerin 2021, Schriftstellerin, Graz; Anm.) nachgelesen.

Ich fand es aus verschiedensten Perspektiven interessant. Wie transportiert man Literatur nach draußen? Das ist ja auch eine Frage, die einem tagtäglich beschäftigte oder auch immer noch beschäftigt. Das fand ich interessant.

Ich mag auch sehr gerne die Portraitvideos.

Und bei den Texten. Viele vergisst man und an manche erinnert man sich und dann liest man sie nochmal. Auch der Text von Timon Karl Kaleyta (Schriftsteller, Berlin; Anm.) ist bei mir hängengeblieben und ich habe ihn später nochmal gelesen. Man verfolgt es natürlich und nachher guckt man immer wieder mal rein.

Den Text selbst dürfen wir ja erst am Lesetag kennenlernen. Dürfen wir vielleicht zu Deiner geplanten Leseperformance etwas erfahren? Wird es Spezielles geben, wie ja schon gesehen in Klagenfurt?

Der Text, so wie ich ihn geschrieben habe, hat einen Rhythmus und dieser Rhythmus wird mein Auftreten bestimmen. Ich könnte zum Beispiel versuchen, sehr distinguiert zu wirken mit einem Einstecktuch und dann versuchen den Text mit einer gewissen Distanz zu lesen, damit ich nicht rot im Gesicht werde. Aber das geht nicht. Der Text ist da und der Text entscheidet darüber, wie er performt werden muss. Und darauf versuche ich mich einzulassen. Man schaut einfach, dass man die Betonung trifft, die Pausen einzeichnet und dann zu sehen, dass man nicht zu aufgeregt ist, um diese nicht wieder zu überlesen.

Wir haben also keinen Aktionismus zu erwarten.

(lacht) nein, alle Rasierklingen sind gut weggesteckt.

Was sind Deine derzeitigen Pläne und Schreibprojekte?

Ich schreibe an meinem zweiten Roman, der nächstes Jahr erscheinen soll. Mehr darf ich wieder nicht darüber erzählen (lacht).

 Und ja, wenn der ganze Wahnsinn vorbei ist (lacht), habe ich wieder den Kopf mich daranzusetzen. Im Moment gelingt mir das nicht. Ich versuche mich zwar immer wieder dranzusetzen, aber es kommt nicht viel Sinnvolles dabei raus.

Der Rucksack, der Koffer für Klagenfurt wird in nächster Zeit in Wien gepackt. Was muss denn unbedingt hinein?

Sonnencreme (lacht).

Mit fortgeschrittenem Alter merkt man dann doch, wenn man jeden Sommer aus dem Urlaub einen Sonnenbrand mit nachhause bringt, dass es vielleicht doch ganz klug wäre, Sonnencreme zu benutzen und diesem Zwang fange ich mich langsam an zu beugen (lacht).

Ansonsten vielleicht ein bisschen Schokolade, so Seelengeschichten, wenn man dann abends im Hotel sitzt und durchatmet und das Erlebte rekapituliert, dass man sich dann einfach noch etwas Süßes gönnt und abschaltet.

Bevor es zum Bachmannpreis geht, noch ein Blick zu Ingeborg Bachmann bitte, die ja hier in der Beatrixgasse und der nahen Gottfried Keller Gasse in Wien wohnte. Welche Bezüge gibt es von Dir zum Werk der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*1926 Klagenfurt +1973 Rom)?

Ich habe ihren Roman „Malina“ mit Anfang Zwanzig gelesen. Und dann auch die Briefwechsel, die Lyrik.

Ich bewundere zwei Dinge an Ingeborg Bachmann. Das Verständnis, dass Sprache erstmal durch einen durchmuss, dass man erst für sich begreifen muss, bis man die Worte benutzen darf. Das finde ich ein unglaublich starkes Bild und es stimmt. Das Andere ist, sich eine Freiheit zu bewahren, zu sagen, ich höre jetzt auf mit der Lyrik. Das ist unglaublich konsequent und stark.

Ingeborg Bachmann ist im Sinne von Unabhängigkeit ein unglaubliches Vorbild. Wobei es überhaupt nicht einfach ist im Literaturbetrieb allgemein aber auch im Leben, sich seine Freiheit zu bewahren und das zu versuchen.

Welchen Anteil hat Literatur an persönlicher Freiheit?

Vielleicht ist es so, wenn man ein Mensch ist, der nicht tagtäglich in den Spiegel schaut und denkt, bin ich eine coole Sau, sondern zu den Zweiflern gehört, dann ist Literatur ein Mittel, um sich in der Welt wieder zu verorten und vielleicht zu erkennen, was wertvoll ist abseits des Alltags, der einem ja immer wieder vor gewisse Wertlosigkeiten stellt, mit denen man zu kämpfen hat und Literatur kann es vielleicht dann schaffen, dass man über den Tellerrand schaut.

Da steckt eine Freiheit drin, dass man sich das Buch nimmt und alles Andere sein lässt und diese Welt sich eröffnet und dadurch die eigene Welt leichter wird.

„Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich von der Natur des Feuers“, sagte Ingeborg Bachmann. Kommen die Worte immer aus dem (erlittenen) Leben und müssen sie das?

Ja, ich bin im Schreiben sehr nahe daran, an dem was ich erlebe.

Ich poetisiere, aber ich will rein in Situationen.

Ich habe das Gefühl, dass der Schmerz, den man dann hat, dass dieser einen befähigt, vielleicht nicht über das Feuer zu schreiben, sondern über andere Dinge, die schmerzhaft sind.

Man muss vielleicht nicht genau diese Situation erlebt haben, um darüber schreiben zu können. Aber mit dem Gefühl eine Geschichte zu erzählen, die vielleicht eine ganz andere ist, das geht. Das ist für mich interessant.

Wir sind hier im Dritten Wiener Bezirk, der Lebens- und Schreibwelt Ingeborg Bachmanns wie auch Deiner. Mit großer Kraft, Wucht schreibt Ihr über Wege und Menschen im Erleben und Erleiden. Doch es gibt auch ein Hoffnungsmoment, einen Sinnhorizont. Woher kommt dieser für Dich?

Ich wüsste nicht, worüber ich schreiben sollte, wenn nicht über diese Sehnsucht. Und gleichzeitig macht einem dies das Schreiben total schwer, weil man möchte ja nicht immer diese Utopien herbeirufen, weil dann immer die Gefahr besteht, dass man mit einem erhobenen Zeigefinger sagt, „so müsste es eigentlich sein“.

Ich finde es immer ganz furchtbar, wenn es in den Filmen den Guten und den Bösen gibt und man weiß in zwölf Sekunden, wenn man die Daumen drücken muss.

Ich finde es interessanter, wenn das Hoffnungsschema dort ist, wo es eigentlich ziemlich düster aussieht. Weil immer beides nebeneinander existiert. Vielleicht ist es auch das, was mich im Schreiben antreibt, dass man versucht, beide Seiten zu ergründen und die Leserin/der Leser kann sich dann die Frage stellen, was richtig oder was falsch ist. Der Autor wirft nur die Frage auf und sollte sie nicht beantworten, finde ich.  

Ingeborg Bachmann bezeichnet die Lebenswelt als „alltäglichen Krieg“ und im Roman „Malina“ steht am Ende das Verschwinden – „es war Mord“.

In Deinem Roman „Jacob träumt nicht mehr“ kommt es zu einer Rückkehr. Ist eine Rückkehr aus dem, und ein Überwinden des, „Krieges“ zwischen den Menschen heute, ein Beginnen in Frieden möglich?

Du sprichst mich da in einem Satz mit Ingeborg Bachmann aus. Das ist Weltliteratur, ich stehe ganz am Anfang. Ich wage diesen Vergleich nicht, ehrlich gesagt.

Ich kann nur sagen, was ich denke und ich denke, dass die Überzeugung davon, dass etwas auch gut sein kann, dieses Spirituelle, dieser erwähnte Hoffnungsschimmer, dass der in den Alltag zurückmuss, der kann nicht irgendwo verbleiben. Das ist meine Meinung, der Hoffnungsschimmer muss ins Beisl, muss auf den Fußballplatz, damit muss man konfrontiert werden und es wenigstens versuchen, auch wenn es manchmal nicht geht. Man muss es versuchen.

Von Bachmanns Wien, in Wort und Ort, zum persönlichen Ausblick auf den Bachmannpreis bitte.

Worauf freust Du Dich besonders?

Auf die Begegnung mit den Autoren:innen, das Autoren:innenfeld ist enorm spannend. Ich freue mich einfach, sie alle kennenzulernen.

Und auch auf das Drumherum, die Stadt, die sich, wie man hört, ja total verwandelt in diesen Tagen. Das einfach zu erleben und versuchen sich mit einer gewissen Neugier und Offenheit da reinzustürzen in diesen ganzen Wahnsinn, darauf freue ich mich.

Clemens Bruno Gatzmaga, Schriftsteller_Wien _
Bachmannpreis Teilnehmer 2022

Lieber Clemens, herzlichen Dank für das Interview und rundum viel Freude und Erfolg für Dein Lesen in Klagenfurt!

Station bei Ingeborg Bachmann _ Wien _ Lebensort der Schriftstellerin 1946-53

Bachmannpreis 2022 _ Teilnehmer:innenvorstellung:

Clemens Bruno Gatzmaga, Schriftsteller_Wien

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