„dass sich selbst Gutes zu tun auch Gutes ins Allgemeine, ins Viele, einspeist“ Iris Julian, Performance Künstlerin_Wien 13.5.2022

Liebe Iris, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich mag das Adverb „jetzt“ in Deiner Frage – es lässt mich fragen wieviel Zeit „jetzt“ umspannt. Diese Woche? Dieser Monat? Dieses Jahr? Soll ich einen bestimmten Tag in meinem Leben auswählen? Oder eine Zusammenfassung bilden? Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden: Jetzt stehe ich morgens auf und mache ein bestimmtes körperliches Training, wobei ich bewusst mit meinem Geist experimentiere. Welche Bewegungen kann ich vor dem Ausführen genau visualisieren? Von welchen Bewegungen habe ich keine genaue physische Vorstellung? Im Anschluss, natürlich, eine schöne Tasse Kaffee und damit mache ich mich an die englische Übersetzung meines PhD. Im Zuge dieser Arbeit traf ich – purer Zufall – einen Lektor, den mir Scribendi (Native Check) zuwies. Wir kommunizieren über Scribendi, ich kenne seinen Namen nicht und dennoch wird aus seinen mitunter scharfen, immer präzisen, Anmerkungen ein Dialog, der uns über den Atlantik hinweg verbindet.

Iris Julian_Performance Künstlerin, Kulturwissenschafterin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für uns alle wichtig ist, kann ich nicht sagen. Für „uns“ zu sprechen, Plural zu sein, das ist eine Geste aus dem Bereich der Politik, die sich durch das Sprechen einer Stimme für viele auszeichnet. Stattdessen möchte ich fragen, wie andere das Verhältnis von Einem und Vielen, Singular und Plural, denken: Neben meiner Beschäftigung mit westlichen Philosoph*innen insbesondere der politischen Philosophie, die versucht Vielheit und Singularität zu denken, habe ich in der Zeit des Lock-Downs begonnen, mich mit buddhistischen philosophischen Ansätzen zu auseinanderzusetzen. Dort findet sich ebenfalls die Idee, dass wir immer bereits am Mit-Sein partizipieren. Vielleicht ließe sich daraus schließen, dass sich selbst Gutes zu tun auch Gutes ins Allgemeine, ins Viele, einspeist.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz/Theater, der Kunst an sich zu?

Welche Rolle und Erwartungen von der Gesellschaft an den Tanz (Anm.: mein Fokus ist zeitgenössischer Tanz und Performance Arts) herangetragen werden, lässt sich gegenwärtig kaum sagen. Vor 10 Jahren dachte man noch, dass Tanzperformances und das Theater sich gänzlich konzeptuellen und experimentellen Zugangsweisen zuwenden würden, also eine totale Loslösung von bisherigen Traditionen im Theater. Momentan scheint eher das Gegenteil der Fall. In Anbetracht unserer prekären Lebenssituation überträgt sich die Sehnsucht nach Sicherheit auch auf ästhetische Bereiche, das heißt Rückkehr zu traditionellen Formaten. Ich denke übrigens, dass das Prekärwerden von Lebensbedingungen bereits eine viel längere Entwicklung ist, die erst jetzt – vor Pandemie und Krieg – sichtbar wird. Lohnerhöhungen hinken Teuerungen seit langem hinterher. Meine Vision sind Lohnerhöhungen und Kampf der Ausbeutung, damit die Gesellschaft transparent bleibt. Was das Theater meiner Meinung leisten kann – durch alle Zeiten – ist das Einüben in ein Miteinander. Das liegt in der Natur der Sache: Für ein Stück (selbst ein Solo), bedarf es vieler Mitwirkender. Einüben ins Miteinander heißt auch mit Kritik umgehen zu lernen und selbst Kritik zu üben – wohlbemerkt – auf eine produktive Weise. Am zeitgenössischen Theater faszinieren mich Techniken, die für ein Miteinander-Sein entwickelt wurden, egal ob für den Auftritt auf der Bühne oder auch hinter den Kulissen, ich denke etwa an Feedback Sessions.

Was liest Du derzeit?

Ich lese über tibetische Schlaf- und Traummeditationen, verfasst von Tenzin Wangyal Rinpoche parallel mit westlichen Denker*innen wie Isabelle Stengers, Alfred North Whitehead und Gilles Deleuze.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Jean-Luc Nancy „singulär plural sein” (Frz.: 1996/ De.: 2004), S. 19: „Man wiederholt heute oft, dass wir unter Sinnverlust leiden, dass wir Mangel, folglich Bedarf an Sinn haben und folglich auf Sinn warten. […] Der gegenwärtige Diskurs […] macht klar, dass „der Sinn“ derart absolut gebraucht, der entblößte Name unseres Mit-ein-ander-seins ist. Wir „haben“ keinen Sinn mehr, weil wir selbst der Sinn sind, ganz und gar, ohne Rückhalt, unendlich, ohne einen anderen Sinn als „uns“.

Iris Julian_Performance Künstlerin, Kulturwissenschafterin

Vielen Dank für das Interview liebe Iris, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunst-, Wissenschaftsprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Iris Julian_Performance Künstlerin, Kulturwissenschafterin

http://www.iris-julian.com/

Alle Fotos_Walter Pobaschnig 5_22.

19.4.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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