„Das Theater lebt und überlebt die verschiedensten schwierigen Zeiten“ Marina Dordevic, Theaterregisseurin _Wien 5.4.2022

Liebe Marina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zwischen den Proben an der Academy of Acting STANISLAVSKI, die ich als Regisseurin leite, und der Abfassung eines Regiekonzepts für mein nächstes Theaterprojekt, das im Frühling aufgeführt werden soll, genieße ich lange Spaziergänge durch die Wiener Straßen und ihre Eindrücke – dem Knirschen des Schnees unter meinen Füßen, dem Geruch von heißem Kaffee, dem kalten Wind in meinem Gesicht und der Intensität des eisengrauen Himmels. Ich schaue jedoch genauso Filme, höre Musik und suche nach Kunst, die mich inspiriert. Ebenfalls lese ich Dylan Dog Comics und höre den Podcast der Dramaturgin Biljana Srbljanović “Zadovoljstvo u tekstu“ (=Freude am Text) mit eigener Freude.

Marina Đorđević, Theaterregisseurin

Am liebsten würde ich die Frage jedoch umformulieren, denn eine besser Antwort kann ich geben auf: Welche Gedanken hast du während eines Tages?

Als Theaterregisseurin liegt mein Fokus auf der Perspektive. Und wie der große Hitchcock sagte: „Inspiration steckt in allem“. Mein  Tag, genauso wie der Weg, den meine Gedanken nehmen, wird durch diesen Satz gesteuert. Und dementsprechend auch, wie viel meines Tages ich mit Malerei, Literatur oder Filmkunst verbringe. In dieser Phase der Arbeit am Theaterprojekt Die kahle Sängerin, nach dem Originaltext von Ežen Jonesko, befinde ich mich auf der Suche nach einzigartigen und frischen Eindrücken, die ich in die Regie dieses Projekts einfließen lassen kann. Aus diesem Grund liebe ich es, mit einem Dramatiker und einem Schriftsteller zusammenzuleben, der nicht nur mein bester Freund, sondern auch mein Verlobter ist. Das Leben mit ihm ist voll von thematischen Reisen und Träumen, Ideen und Szenen. Das Finden literarischer Spuren rund um unsere gemeinsame Wohnung, macht meinen Tag immer wieder aufs Neue besonders. Alle diese individuellen und subjektiven, von Kunst und Menschen inspirierten Eindrücke machen meine einzigartige Perspektive auf die Welt, die mich umgibt, aus und helfen mir, einen eigenen Weg zu finden, die Realität zu interpretieren und in meine Regie zu integrieren.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dies ist ein perfekter Moment, um die innere Verbindung mit uns selbst zu pflegen. Wir sollten nie vergessen, dass sich über dem Meer an Nachrichten ein grenzenloser Himmel menschlicher Kreativität befindet. Der Weg in diese Richtung ist für jeden anders, meiner ist gefüllt von faszinierender Filmkunst und der Zeit, die ich in vollen Zügen genießen darf und die mir gegeben wurde, um sie in ihre unerschöpflichen Quellen zu erforschen. Es ist diese Liebe, die zu etwas mehr werden kann, da ich mich nach meinem Theaterstudium an der Online-Filmschule eingeschrieben habe.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Für das Theater gibt es keinen Neubeginn. Das Theater ist nicht gestorben. Das Theater lebt und über-lebt die verschiedensten schwierigen Zeiten. Das Theater ist Teil unserer Realität, eine Reflexion unserer inneren Konflikte, unserer Leben, Tode und unserer Liebe – wie soll es aussehen, das Leben in der Realität oder das imaginäre Leben im Theater werden wir erst erfahren.

Was liest Du derzeit?

Verschiedenes. Hauptsächlich Texte über Film und Theater, vor kurzem habe ich ebenfalls angefangen den Roman Solaris von Stanislav Lem zu lesen, nach welchem der Film Solaris von Andrei Tarkovsky entstanden ist. Momentan bin ich jedoch sehr an der Science-Ficton und Cyberpunk interessiert, da ich gerade eine philosophisch spannende Geschichte in dem Genre filmen will.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich bin ein großer Fan von Zitaten und Referenzen allgemein, nicht nur von literarischen. Für mich ist Intermedialität sehr spannend und ich verwende gerne Zitate wie Kompositionen und Beleuchtung aus Renaissance-Gemälden, Filmszenen und Referenzen, die in einem anderen Kontext eine neue Dimension annehmen, Musikzitate und sogar Zitate, die vielleicht nur eine Bewegung sind, die dem Charakter Tiefe verleiht. Und so wie Hitchcock bekannt dafür ist, dass er in seinen Filmen als Statist einen Hund spazieren führt oder einen Bus zu fangen versucht, bekomme ich meinen Nervenkitzel, indem ich meine Theaterregie mit Referenzen versehe. Ich denke, dass das Publikum eine besondere Bewunderung erfährt, wenn es den Bezug zu diesen erkennt und zur Interpretation heranzieht. Um die Faszination der Theater- und Filmkunst für mich zu verdeutlichen, schließe ich mit einem Zitat von Philosoph Slavoj Žižek (A Pervert‘s Guide to Cinema): In order to understand today’s world, we need cinema, literally. It’s only in cinema that we get that crucial dimension which we are not ready to confront in our reality. If you are looking for what is in reality more real that reality itself, look into the cinematic fiction.

Vielen Dank für das Interview liebe Marina, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Regieprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Marina Đorđević, Theaterregisseurin

Fotos_privat.

18.12.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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