„Zartheit, Differenziertheit im Ausdruck, Schönheit als Wert an sich“ Elke Bludau _Lyrikerin _ Neuss/D 3.4.2022

Liebe Elke, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Beim Aufwachen bin ich tatsächlich erleichtert und dankbar, wenn alles am Platz ist – ich halte nichts mehr für selbstverständlich. Der Morgenkaffee mit meinem Lebenspartner ist seit 38 Jahren inspirierend. Wir reden viel über Politik, immer schon. Über alles, was uns umtreibt. Derzeit lachen wir allerdings nicht so viel wie sonst.

Tage ohne Termine sind wertvoll. Dann schreibe ich Lyrik, finde Impulse und schätze mich glücklich in meinem Sprachkokon. Ich arbeite gerne alleine – immer schon, die meisten meiner verschiedenen Berufe brachten das mit sich.

Wenn ich zwischendurch spazierengehe, dann ist es eher ein stop and go oder eine Flanerie, denn ich fotografiere ständig und schaue gern. Fotografie und Lyrik, das ist wie Yin und Yang für mich. Wenn Bilder im Außen – im Momentum der Aufnahme – dem Innen entsprechen, das ist schön. Eine flirtende Anbindung an Welt, das Licht, seine Vergänglichkeit. Ein Tanz. Und eine wunderbare Ergänzung zur sprachlichen Rezeption, dem Warten, Jagen, Ringen und Feilen, was den größten Teil meiner Kraft fordert. Und weil ich tagsüber viel lese und denke, muss ich abends etwas turnen und schaue später gerne Fernsehen. Am liebsten mochte ich Shtisel, aber noch eine Staffel drehen sie nicht.

Elke Bludau _Lyrikerin _ Neuss/D

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Als ich etwa fünf Jahre alt war, erklärte mir mein Vater besorgt, wie viele Milliarden Menschen im Jahr 2000 auf der Welt leben würden. In meiner Familie waren Optimisten rar. Ich weiß gerade auch nicht, wie wir als Weltgemeinschaft, zu der wir ja erst noch werden müssen, die immensen anstehenden Herausforderungen bestehen können.

Ich bin sechzehn Jahre nach dem zweiten Weltkrieg geboren und dachte, wir lassen Jahr für Jahr die Sprachlosigkeit, das Dunkle und Unfassbare hinter uns. Aber so ist es halt nicht.
Viele Menschen schaffen sich eigene Wirklichkeiten, die von Bitterkeit und persönlichem Frust genährt sind. Diese Befindlichkeiten sollten eine Relation finden können, die der Realität entspricht und sie nicht kippt. Eine Relation, die solidarisch ist. Die ein „Wir“ ermöglicht und schafft. Damit Bitterkeiten nicht erst entstehen, wäre unter anderem die Wertschätzung von Arbeitskraft – jeder Arbeitskraft – wesentlich.

Es gibt viele beiläufige Begebenheiten, die ich als schräg empfinde. Wenn Worte unachtsam und dadurch verfälschend gewählt werden, oder wenn schlichtweg Benehmen und Instinkt fehlen. Eine Haltung der Liebe zum Detail, das finde ich wohltuend und wichtig.
Ich bin u.a. gelernte Kunsttherapeutin. Tatsächlich würde sehr vielen Menschen eine therapeutische Begleitung guttun, als Reflexion. Es wäre eine Art Früherkennung. Was läuft schief, wie kann man sich mal wieder selbst überraschen. Was schleppt man transgenerativ mit, wie vereist ist das Herz, wie steht man in der Welt, und wie kam es dazu. Ich finde wichtig, dass jede/r bei sich beginnt, nicht nach dem Mund anderer redet, sondern Verantwortung für sein Tun übernimmt. Und einander Wohlwollen schenken – das ist wichtig.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur, der Kunst an sich zu?

Meine Kunstlehrerin sagte damals, man kann sich nicht belügen, wenn man Kunst und Literatur schafft. Jedenfalls letztendlich nicht, denn es ist ein Feilen hin zum Wesentlichen, zum eigenen Wahrhaftigsein. Diese Kostbarkeit des Wahrhaftigen ist auf seine Art wie die Radikalität des Guten, von der Hannah Arendt spricht.

Zartheit, Differenziertheit im Ausdruck, Schönheit als Wert an sich – Literatur und Kunst sensibilisieren, setzen Energie frei, wandeln Energie, heilen, halten, kommunizieren.
Auch kann die therapeutische Kraft von Literatur und Kunst geflüchteten Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten eine Unterstützung sein. Meine persönliche Aufgabe suche ich gerade neu.

Was liest Du derzeit?

Zurzeit flattere ich wie eine Motte im Licht verschiedener Lampen, denn ich lese auch viele politischen Analysen oder Beiträge. Und ich besuche Texte gerne noch einmal, alles ist derzeit anders in Farbigkeit und Gewicht.
– Ich fühle mich wohl mit Ulrike Bails „statt einer ankunft“ und Erec Schumachers „chapbooks“.
– Zu Cees Notebooms „Abschied“ suche ich Zugang.
– Amos Oz „Sehnsucht“ berührt mich tief.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

SCHMILZT
DER SCHNEE
WO BLEIBT
DAS WEISS

(Rémy Zaugg)

Vielen Dank für das Interview liebe Elke, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Elke Bludau _Lyrikerin _ Neuss/D

Fotos_privat.

24.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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