„Wir alle sind jetzt herausgefordert“ Jacqueline Sattler, Schauspielerin und Theaterpädagogin _ Wien 27.3.2022

Liebe Jacqueline, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag sieht bei mir anders aus. Wenn man als freiberufliche Schauspielerin und Theaterpädagogin arbeitet, so wie ich, dann arbeitet man projektorientiert. Selbst während der doch eher ruhigeren Phasen der Lockdowns war ich stets herausgefordert meine alten Gewohnheiten über Bord zu werfen, umzudenken und umzustrukturieren. Trotz allem habe ich bemerkt, dass obwohl in dieser Zeit viele neue digitale Formate entstanden sind, die Menschen doch sehr froh waren, sich dann wieder im echten Leben sehen zu dürfen und miteinander arbeiten zu können.

Derzeit arbeite ich gerade an meinem Abschlussprojekt für die Universität der Künste in Berlin. Das biografisch-dokumentarische Projekt soll eine kritische Auseinandersetzung werden, die in weiterer Folge, ausgehend von der weiblichen Identität, verschiedene persönliche Verlusterlebnisse von zehn Frauen in eine partizipatorische Inszenierung beziehungsweise performative Intervention einfließen lassen soll.

Jacqueline Sattler, Schauspielerin und Theaterpädagogin _ Wien/Berlin  

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir müssen gerade alle mit der Situation zurechtkommen, dass wir im Begriff sind unser kollektives Sicherheitsgefühl zu verlieren. Derzeit stecken wir in einem riesigen Vakuum fest und denken, dass diese Ohnmacht, die uns übermannt, nie wieder enden wird. In den Medien jagt eine globale Katastrophe die andere. Die immer wieder vor uns hergeschobene Klimakrise wurde von der aktuellen Pandemie ebenso abgelöst, wie jetzt die Pandemie von einem Krieg mitten in Europa. Wie bei jedem Verlust durchwandern wir verschiedene schmerzhafte Phasen. Wir dürfen in diesem Bewältigungsprozess jedoch nicht in der Depression verharren. Wir müssen aufhören uns kleinzumachen und endlich anfangen Verantwortung zu übernehmen. Ich denke, es ist wichtig, dass Räume geschaffen werden, in denen wir uns alle zusammensetzen und wieder lernen uns besser zuzuhören. Jede*r von uns hat Ängste, Sorgen aber auch Sehnsüchte. Oft stimmen diese überein, auch wenn wir das am Anfang gar nicht vermuten würden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Was mich gerade sehr berührt ist, dass im Moment die Gemeinschaft in unserer Gesellschaft wieder in den Fokus rückt. Nach dieser langen Durststrecke sehnen sich die Menschen wieder danach, gemeinsam ins Theater zu gehen und mit anderen im selben Raum zu sitzen und ihre Erlebnisse zu teilen. Aber nicht nur im Passiven, sondern auch im Aktiven sehe ich einen Trend, der weg von hierarchischen Strukturen hin zu einem vermehrten kollektiven Handeln führt.

Wir Kunstschaffende setzen uns größtenteils das Ziel, den Ist-Zu­stand abzubilden und damit zum Nachdenken anzuregen. Ich denke, es ist Zeit, dass wir in die Zukunft sehen und damit einen Wandel in Gang bringen. Wir alle sind jetzt herausgefordert, selbst anzupacken und utopische Projekte in die Realität umzusetzen — und das kann nur gemeinsam klappen.

Was liest Du derzeit?

„Über Menschen” von Juli Zeh- ein Buch über den Versuch Mensch zu sein in dieser doch recht überfordernden unmittelbaren Gegenwart.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich halte es nicht für erforderlich, genau zu wissen, was ich bin. Das Wichtigste im Leben und in der Arbeit ist, etwas zu werden, was man am Anfang nicht war.” (Michel Foucault)

Vielen Dank für das Interview liebe Jacqueline, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Jacqueline Sattler, Schauspielerin und Theaterpädagogin _ Wien/Berlin

Foto_Jeremy Spieß.

24.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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