„Das alles hat eine Kraft, und die brauchen wir“ Elke Steiner, Schriftstellerin_Station bei Ingeborg Bachmann_ Wien 27.3.2022

Elke Steiner, Schriftstellerin_Wien _
Station bei Ingeborg Bachmann_Wien

Liebe Elke, ich sitze gerade im Zug und eine Sitzreihe dahinter telefoniert jemand – „Wer weiß, wie lange die Welt noch steht?“ – wie siehst, erlebst Du unser so dramatisches Zeitgeschehen derzeit?

Ich kann es nur schwer begreifen. Ich beschäftige mich im Alltag oft mit Worst-Case-Szenarien. Was ist das Schlimmste, was passieren kann?  In Anbetracht der Antwort relativiert sich ein Problem meist schnell und scheint zumindest bewältigbar. Das wirkt jetzt wie eine Micky-Maus-Strategie und lässt sich leider nicht auf die Weltpolitik umlegen und trotzdem erfahren wir gerade, dass sich die Politik mit der Frage nach dem Worst-Case-Szenario nicht auseinandergesetzt hat. Das wird langsam allen bewusst, es ist ein Gefühl des Grauens, macht betroffen und ist bitter. Unweigerlich fallen mir Ingeborg Bachmanns Zeilen aus „Alle Tage“ ein:

(…) Das Unerhörte ist alltäglich geworden. Der Held bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache ist in die Feuerzonen gerückt. Die Uniform des Tages ist die Geduld (…)

Was bedeutet diese Situation im Moment für Dich als Schriftstellerin? Gibt es unmittelbare Auswirkungen?

Ja die gibt es definitiv, weil ich an einigen Texten gleichzeitig arbeite. Und jene, in denen etwas Lustvolles oder vergnügliche Töne schwingen, von denen habe ich mich in der ersten Betroffenheit abgewandt, weil ich es unpassend fand. Nach vielen Gesprächen mit Autor*innen und anderen Künstler*innen war aber recht bald klar – und die Message ist eindeutig: Weitermachen. Stark bleiben. In dem was wir tun, in dem was wir können. Sich nicht beherrschen lassen von negativen Gefühlen oder gar in seiner Arbeit innehalten. Das würde niemandem helfen. Wir alle wollen mit viel Feingefühl in der Kunst weiterarbeiten.  

Im Literaturbetrieb gibt es unzählige Aufrufe, Gedichte und Texte gegen den Krieg zu schreiben, es entstehen Anthologien, Videos, neue Plattformen, Künstlerkollektive, etc. In manchen Fällen geht es um das Sammeln von Spenden, in anderen Fällen kann man nur sagen: Das alles hat eine Kraft, und die brauchen wir.

Wir sind hier beim Wohnhaus von Ingeborg Bachmann in Wien. Deine Wiener Arbeitswohnung befindet sich in Sichtweite, um die Ecke. Welche Bedeutung hatte und hat dies für Deine literarischen Projekte?

Die Wohnung hier hat große Bedeutung als Arbeits- und Rückzugsort. Viele Menschen brauchen ein Rückzugsort am Land, ein Wochenendhaus etc., bei mir ist es umgekehrt. Wenn ich mein Gehirn nicht zwischendurch in urbane Energie tauchen kann, fehlt etwas. Die meisten meiner Arbeitsbeziehungen und sehr viele persönliche Beziehungen spielen sich in Wien ab. Projekte, Termine, Lesungen, etc. Sitze ich jedoch im Zug und verlasse Wien, atme ich auf. Ich brauche beides. Aber da diese Haltung und überhaupt freier Wohnraum derzeit für mich moralisch kaum vertretbar ist, wird die Wohnung demnächst von einer ukrainischen Familie bezogen.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

In erster Linie bin ich Leserin ihrer Texte und Hörerin ihrer Gedichte. Als ich zu diesem szenischen Interview eingeladen wurde, habe ich mir noch angehört, was andere über sie sagen, da gibt es eine Fülle von Videos im Internet, manche sind sehr interessant, das grässlichste ist von Reich-Ranicki.

Mein stärkster Bezug ist wohl der Bachmann Preis, sprich die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt. Sie werden sehr früh im Kalender eingetragen und wenn möglich freigehalten. Dann sitze ich vor dem Fernseher und niemand darf mich ansprechen. Da verhalte ich mich wie ein Fußballfan bei der Champions-League, statt zu jubeln schreibe ich allerdings. Ich mache meine eigene Textanalyse, lausche, vergleiche, staune. Danach muss ich mich unbedingt noch mit anderen darüber austauschen, das volle Programm also. Da bin ich wie im Textrausch. Das gibt mir unglaublich viel.

Ansonsten gibt es noch diesen kleinen geografischen Bezug zu diesem Haus hier in Wien. Ingeborg Bachmann hat in der Severingasse in ihrer ersten Zeit in Wien gelebt, als Zwischenstation, gleich nachdem sie aus Kärnten zum Studium nach Wien gezogen ist und bevor sie in den dritten Bezirk gezogen ist. Aber ich glaube, die Severingasse war nicht so sehr ein Sehnsuchtsort wie die Ungargasse. Soviel ich weiß, hat sie nicht sehr lange hier gewohnt. Besser bekannt ist ja ihre Liebe zum „Ungargassenland“ die sie in „Malina“ der Protagonistin zuschreibt.

Eine meine Lieblingspassagen:

„Ich bin wieder in Sicherheit, nicht mehr am nächtlichen Stadtpark, Hauswände entlanghetzend, nicht mehr auf dem Umweg in der Dunkelheit, sondern schon ein wenig zu Hause, schon auf der Planke der Ungargasse, schon mit dem Kopf gerettet in mein Ungargassenland, ein wenig auch mit dem Hals aus dem Wasser. Schon beim ersten Gurgeln von Worten und Sätzen, schon beim Einsetzen, beim Anfangen.

Eine traumhafte Liebeserklärung an eine Gasse, so etwas Ähnliches erlebe ich hier, rund um die Währinger Straße. Ich bin sehr gerne hier. Und ich frage mich, wie es ihr damals in dieser Gegend ergangen ist, ob ihr Blick auf die Stadtbahnbögen beim Hinaufgehen in der Severingasse der gleiche war wie meiner, ob sich Blicke aus unterschiedlichen Zeiten überlappen können, ob ihre Schritte womöglich im Trottoir gespeichert sind.

Ingeborg Bachmann hat wiederholt gesellschaftspolitisch Position bezogen, auch unter schweren persönlichen Konsequenzen. Wie siehst Du dies, die Position als Künstlerin heute, angesichts der aktuellen Situation?

Es würde mich sehr interessieren, was Ingeborg Bachmann heute schreiben würde. Sie hat intensiv gegen den Krieg angeschrieben, als er ja offiziell vorbei war. Während die Welt um sie herum sich in einer Wiederaufbau-Euphorie befand, wurde sie nicht müde, die Dinge zu sehen, die noch da waren. Die Risse und Brüche, das Verdrängen. Mehr oder weniger verschlüsselt.

Hier fällt mir der großartige Satz aus der Erzählung „Das dreißigste Jahr“ ein:
(…) Ich, ernährt von Abfall aus Geschichte (…)

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Politik beginnt in jedem und jeder von uns, wie wir uns in der Gesellschaft wahrnehmen, darüber zu schreiben ist wichtig, in welcher Form und wie fiktiv auch immer.

Welche Bedeutung kommt Ingeborg Bachmann heute literarisch und gesellschaftlich zu?

Gesellschaftlich weiß ich nicht, aber literarisch wird sie immer eine Größe bleiben, weil sie polarisiert hat, sie hat verzaubert und verstört. Durch ihre Texte sowieso, aber auch durch ihre Stimme, ihre Auftritte, durch ihr ganzes Wesen, ihre Ambivalenz. Mir selbst ist sie auch ein Rätsel. Und genau deshalb wird sie vermutlich immer im Gespräch bleiben. Philipp Tingler hat sie vor längerer Zeit im Literaturclub als eine der meistüberschätzten Autorinnen des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet. Das ist für mich pure Unterhaltung, die Literatur lebt ja von diesen kontroversiellen Diskussionen und Spannungen. Und das ist gut so. Es ging aber damals um „Male oscuro“ und die Frage, wie notwendig dieses 2017 erschienene und von Ingeborg Bachmann nie autorisierte Buch für die Gesellschaft wirklich ist.

In Deinem großartigen aktuellen Roman „Die Frau im Atelier“ steht ein Künstler im Mittelpunkt, der Lebensereignisse, Erfahrungen und Sehnsüchte im kreativen Prozess reflektiert wie sich diesen hingibt. Wie kam es zur Entstehung dieses Romans und welche Bedeutung hat Kunst als Weg mit/zum Leben?

Mir war die Schilderung einer außergewöhnlichen Annäherung ein großes Anliegen. Eine Annäherung über ein Schweigen, ob und wie lange so etwas funktionieren kann. Die Geschichte ist stark verknüpft mit dem Thema der Schuld. Und Schuld ist ja – wie Liebe – eines der größten Themen in der Literatur und schon abertausend Male abgehandelt. Genau deshalb war es für mich eine Herausforderung, an dieser Linie entlang zu schreiben. Es geht auch sehr stark um die Frage, wie sehr kann sich ein „unschuldiges“ Kind schuldig machen? Das ist die essentielle Frage.

Marius, der Protagonist in meinem Roman, ist davon überzeugt, sich die Zacken im Bauch, die durch seine Schuldgefühle dort rumoren, „herausmalen“ zu können. Er hat Obsessionen und spleenige Rituale entwickelt, er stellt sich unzählige Wecker, weil er Angst vor dem Verschlafen hat. Er malt Bilder, auf denen immer die gleiche Frau zu sehen ist. Aus allen möglichen Perspektiven, aber niemals von vorne. Das alles führt zurück auf ein sehr spezielles Ereignis, von dem der versucht loszukommen. Wir können uns selbst aber nicht einfach abstreifen. Nicht durch die Kunst und nicht durch die Liebe. Aber beides hilft.

Welche Kraft hat Liebe in Krieg und Frieden, den persönlichen wie gesellschaftlichen?

Irgendjemand hat mal gesagt: Man kann doch nicht über die Liebe schreiben, wenn ringsum alles zugrunde geht. Ich meine, man kann. Denn die Liebe ist es doch, die nicht alles zugrunde gehen lässt und die Dinge zusammenhält, die Zuversicht bringt.

Wie wichtig ist das Moment familiärer wie erfahrungsbezogener lebensgeschichtlicher Emanzipation, um lieben zu können?

Ich denke, dass dafür das Bewusstsein für sich selbst in erster Linie ausschlaggebend ist. Sich selbst kennenzulernen, zu finden, wie auch immer man das ausdrücken möchte. Wenn ich meine Lebensgeschichte in meine Liebe ungefiltert mit hineinnehme, möchte ich vielleicht aus Bedürftigkeit oder aus Egozentrismus oder anderen Gründen geliebt werden und möchte Ähnliches vom anderen. Wenn ich mich davon emanzipieren und darüber reflektieren kann, kann ich lieben, mich selbst und andere. Dann wird vieles leichter. Aber wer kann das schon in vollem Umfang? Es ist meist die Lebensaufgabe schlechthin für uns alle.

Was macht die Kunst des Liebens aus?

Vielleicht genau diese lebensgeschichtliche Emanzipation. Für mich geht es darum, die Liebe in den kleinsten Dingen zu suchen und immer der Frage nachzuspüren, wie zu handeln wäre, würde man nur aus Liebe handeln.

Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?

Eine neue Buchidee befindet sich sehr fragmentarisch in meinem Kopf und auf wenigen Seiten Text, ich weiß nicht, wann ich das angehe. Vermutlich im Frühsommer.

Derzeit schreibe ich sehr gerne für Literaturzeitschriften, es sind einige Lesungen geplant, eine Radiosendung und ein Schreibaufenthalt in Triest.

Mein größtes Projekt – und große Liebe! – ist die Schreibpädagogik. Hier befinde ich mich im Endspurt einer zweijährigen Ausbildung und arbeite gerade an einem Abschlusstext. Im Mai steht dann noch ein letztes Kolloquium im Kalender. 

Darf ich Dich abschließend zu einem Ingeborg Bachmann Achrostikon bitten?

Im

Nebelriss

Geburt

Einer

Berstenden

Oper

Raketen

Gesungen

Elke Steiner, Schriftstellerin_Wien _
Station bei Ingeborg Bachmann_Wien

Herzlichen Dank, liebe Elke, für Deine Zeit in Wort und Bild hier am Lebensort Ingeborg Bachmanns in Wien! Viel Freude und Erfolg für alle Literaturprojekte!

Station bei Ingeborg Bachmann _ Wien_ im Gespräch und Fotoporträt:

Elke Steiner, Schriftstellerin_Wien

https://www.elkesteiner.at/termine/

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien, 1090

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 3_22

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