„Die richtige Mischung aus vernünftigem, ernsthaftem Protest und hochverdientem Entertainment“ Jens Rosteck, Schriftsteller _ Offenburg/D 17.3.2022

Lieber Jens, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit nunmehr zweiundzwanzig Monaten besteht er, pandemiebedingt, ausschließlich auf (bewährt einsamer) Schreibarbeit daheim, unterbrochen von Spaziergängen und Wanderungen, ausgiebigem Klavierspiel, intensiver Probenarbeit mit einer befreundeten Flötistin, regelmäßigem Austausch mit einer Handvoll guter Freunde und Kollegen. Eigentlich ist damit ein angenehmes, oft auch inspirierendes Kontrastprogramm im Alltag gegeben, nichts daran ist unkomfortabel. Dennoch verfestigt sich für mich der Eindruck ungewollter, aufgezwungener und nicht endender Monotonie – denn meine zweite Säule, der Gegenpol zur kreativ notwendigen Selbstisolierung (man könnte auch sagen: die Belohnung dafür), ist in Gänze weggebrochen. So gut wie keine Recherchereisen oder Buchpremieren gibt es mehr, keine Lesereisen oder Auftritte, keine Möglichkeit, direktes Feedback für die Bücher und vorgetragenen Texte zu bekommen. Die letzte Buchmesse in Frankfurt war nur ein Schatten ihrer selbst und kein wirklicher Trost, kein wirklicher Ersatz zur gewohnten literarischen „Normalität“.

Jens Rosteck
Schriftsteller, Musikwissenschaftler und Pianist

Es beschleicht mich seit einiger Zeit das ungute Gefühl, mitunter mit Eifer und Fleiß in einen leeren Raum hineinzuschreiben, aus dem nur ein ganz schwaches, klägliches Echo wieder zu mir zurück schallt. Bis zum März 2020 war ich in meinem Selbstverständnis ja ein ausgesprochen performativer Autor, für den die Präsentation meiner Bücher, der „Live“-Austausch mit Lesern und Publikum, das Auf-der-Bühne-Stehen und Vortragen mindestens ebenso wichtig war wie dessen unverzichtbare Voraussetzung, das Schreiben und die Genese meiner Buchprojekte.

Ich sehne mich deshalb immer häufiger nach wieder gut gefüllten Buchhandlungen und Veranstaltungssälen, nach gewohnt raschen, spontanen Reaktionen auf all das, was ich vorgelegt und formuliert habe. Und ich möchte nicht länger hinnehmen müssen, dass literarische Tätigkeit zum Selbstzweck verkommt. Man schreibt ganz gewiss auch für sich selbst, aber in erster Linie eben doch für andere. Man will gehört und verstanden werden, man riskiert, missverstanden zu werden, man ist auf die Außenwelt angewiesen. Man benötigt Lebendigkeit wie die Luft zum Atmen. Eingeschränkte Kreativität ist einfach auf Dauer unerquicklich. Zu lange abgekapselt zu bleiben, zumal wenn man sich nicht selbst ausdrücklich dafür entschieden hat, halte ich für ungesund und auch der Qualität der Texte letzten Endes abträglich.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zuallererst das Kämpfen für eine echte Debattenkultur. In den vergangenen zwei Jahren haben sich extreme Standpunkte verfestigt, hat kaum noch Austausch stattgefunden, sind Meinungen nicht etwa kontrovers diskutiert, sondern zu veritablen Waffen der Rechthaberei und Besserwisserei geworden – auf beiden Seiten. Eine unerträgliche, völlig überzogene Zuspitzung und Polarisierung. Wir benötigen darüber hinaus dringend mehr Gelassenheit in unserer Gesellschaft. Das geduldige Zuhören und freiwillige „Stehenlassen“ auch widersinniger Verlautbarungen muss wieder neu gelernt werden. Wir sollten es aushalten, uns selbst kritisieren zu lassen und uns erlauben, viel öfter auch zu eigenen Fehlentscheidungen zu stehen. Sollten uns im Gegenzug vor Panikmache und voreiligen Schuldzuweisungen hüten. Sollten unangebrachte Häme, die Neigung, Andersdenkende voreilig mundtot zu machen und trotzige Rumpelstilzchen-Mentalität aus den Diskursen verbannen. Dass man mit ehrenwerten Positionen und noch so gut gemeinten Maßnahmen eben auch scheitern kann, nolens volens, sollte für uns als Erkenntnis inzwischen selbstverständlich sein, anstatt uns in Rage zu versetzen, Selbstgerechtigkeit daraus abzuleiten oder uns ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Ferner müssen wir die Medienlandschaft endlich wieder für eine ganze Bandbreite von Themen und Fragestellungen öffnen, dürfen nicht zulassen, dass das öffentliche Terrain von einer einzigen dunklen Wolke beherrscht und monopolisiert wird. Einer Wolke, die uns zu Boden drückt und deren Last uns zu ersticken droht. Pusten wir sie ein für alle Mal weg, mit vereinten Kräften! Ich wünsche mir, wir könnten zu einer vorwärtsgewandten, lebensfrohen und aufbruchsbereiten Einstellung zurückfinden. Überall, wenn man genau hinschaut, existiert so viel positives Potential. Nutzen wir es. Bleiben wir neugierig und optimistisch.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Einerseits soll Literatur und Kunst aufrütteln und verstören – das gilt jetzt mehr denn je; andererseits darf sie ablenken, erleichtern und durchaus auch Vergnügen bereiten – das ist ebenfalls legitim. Wir brauchen momentan, wie ich glaube, beide Effekte und Wirkungen. Die richtige Mischung aus vernünftigem, ernsthaftem Protest und hochverdientem Entertainment. Wir alle sollten außerdem dafür sorgen, dass das Erschaffen von Kunst und die Beschäftigung mit ihr von der Politik nicht ein weiteres Mal zu etwas Nebensächlichem, zu etwas Nachgeordnetem herabgewürdigt werden kann. Der Kultursektor ist zuletzt unverhältnismäßig stark in Mitleidenschaft gezogen worden, hatte unter teils existenzvernichtenden, teils grotesken Verboten zu leiden. Damit das nicht wieder passiert, ist Wachsamkeit geboten. Müssen die Akteure auch auf dem literarischen Sektor schneller als bisher geschehen Widerstand leisten und Farbe bekennen. Das ist unverzichtbar. Wir sind jederzeit dazu aufgefordert, unseren Status nicht nur zu verteidigen, sondern uns auch für die Ausweitung unserer Wahrnehmung einzusetzen. Wir sind leider oft viel zu bequem, auch zu stolz auf unsere mühsam erworbene Kultiviertheit, zu „höflich“ und so manches Mal zu rasch eingeschüchtert. Nicht stöhnen und resignieren – handeln sollten wir! Hierbei können wir uns gern an einigen gesellschaftspolitischen Errungenschaften der Sechziger und Siebziger orientieren.

Was liest Du derzeit?

Den vor kurzem mit dem Prix Goncourt gekrönten Roman „La Vie secrète des hommes“ von Mohamed Mbougar Sarr – ausufernd und aufwühlend. Armistead Maupins Autobiographie „Logical Family“ – erfrischend aufrichtige Memoiren mit ironischem Unterton und erotischem Augenzwinkern, voller mit Seventies-Zeitgeist gewürzten Anekdoten, aber auch etlichen nachdenklich stimmenden Passagen. Dror Mishanis Erfolgstitel „Drei“ – beklemmend und unterhaltsam. Eine finnische Coming-of-Age-Saga von Kjell Westö: „Geh nicht einsam in die Nacht“ – episch und zugleich fesselnd. Nebenbei musikwissenschaftliche Fachliteratur: Monographien über Claude Viver und Harry Partch, außerdem die aufschlussreichen Notizbücher von Ian Bostridge, dem klugen und eloquenten Liedsänger.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„In der moralischen Entrüstung“, das wusste bereits Jean Genet, „schwingt auch immer die Besorgnis mit, vielleicht etwas versäumt zu haben.“ Rüsten wir also schleunigst ab bei vorschneller Entrüstung, bestimmen wir selbst den Puls unserer Zeit. Nur dann versäumen wir auch nichts, sondern tragen zur aktiven Gestaltung und zur Lösung wirklich wichtiger Probleme bei: angenehm unaufgeregt nämlich.

Vielen Dank für das Interview lieber Jens, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Jens Rosteck, Schriftsteller, Musikwissenschaftler und Pianist

http://www.jensrosteck.de/

Foto_Steffen W Mueller

30.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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