„Literatur soll darüber erzählen, was geschieht, was den Menschen zustößt“ Wilhelm Kuehs, Schriftsteller _ Völkermarkt 14.3.2022

Lieber Wilhelm, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich mache mir einen Kaffee und sehe mir die Nachrichten an. Dann recherchiere ich für ein neues Projekt, und am Abend kehre ich zu den Nachrichten zurück.

Der Krieg in der Ukraine überschattet das tägliche Tun auf eine andere Weise, als etwa die Corona Epidemie. Es ist eine unmittelbar von Menschen gemachte Katastrophe. Das nährt die Hoffnung, dass der von Putin begonnene Krieg auch  durch menschliche Anstrengung bald beendet werden könnte. Doch das ist ein bisschen naiv. Es gibt so etwas wie eine Dynamik des Krieges, und uns wird dieser Konflikt noch lange begleiten.

Wilhelm Kuehs, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sich nicht von den Bildern des Krieges überwältigen lassen, und sich gleichzeitig bewusst bleiben, welcher Schrecken sich gerade abspielt. Das scheint mir jetzt entscheidend

Der Krieg in der Ukraine, die anhaltende Epidemie, die Klimakrise und die zahlreichen Konflikte auf der Welt, über die nicht oder nicht sehr prominent berichtet wird, könnten einen in die Verzweiflung treiben. Doch sie können auch Anlass sein, sich damit auseinanderzusetzen und sich dort einzubringen, wo es möglich ist.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Literatur hat den großen Vorzug gleichermaßen für Klarheit und Differenzierung sorgen zu können. Das ist ihre eigentliche Aufgabe in Zeiten des Kriegsgeschreis und der Vereinfachung. Sie soll darüber erzählen, was geschieht, was den Menschen zustößt. Denn mit der Erzählung ist es möglich, in andere Welten und Leben eintauchen. Das fördert den Perspektivenwechsel und die Empathie. Für die LeserInnen und für die AutorInnen kann das ein Weg der Hoffnung sein. Allerdings birgt Literatur auch immer die Gefahr, selbst Teil und Werkzeug der Propaganda zu werden.

Was liest Du derzeit?

Umberto Eco, Auf den Schultern von Riesen – Das Schöne, die Lüge und das Geheimnis.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Weil wir schon bei Umberto Eco sind, möchte ich auf seine 14 Thesen zum Ur-Faschismus hinweisen. Die Lektüre ist gerade jetzt erhellend und zeigt, wie die Denkbewegungen mancher Entscheidungsträger funktionieren und vor welchen ideologischen Herausforderungen wir stehen.

„Für den Ur-Faschismus gibt es keinen Kampf ums Überleben, sondern eher ein ‚Leben für den Kampf‘. Daher ist Pazifismus Kollaboration mit dem Feind. Pazifismus ist schlecht, weil das Leben ein permanenter Krieg ist. Das erzeugt jedoch einen Armageddon-Komplex. Da die Feinde besiegt werden müssen und können, muss es einen Endkampf geben, nach dem die Bewegung die Weltherrschaft antreten wird. Eine solche ‚Endlösung‘ impliziert jedoch eine anschließende Zeit des Friedens, ein Goldenes Zeitalter, das im Widerspruch zum Prinzip des permanenten Krieges steht. Keinem faschistischen Führer ist es jemals gelungen, diesen Widerspruch aufzulösen.“

 Umberto Eco. „Der immerwährende Faschismus“, in „Vier moralische Schriften“

Vielen Dank für das Interview lieber Wilhelm, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Wilhelm Kuehs, Schriftsteller

Foto_Melanie Kuehs

12.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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