„Romy Schneider wollte auf Kriege und deren Folgen auf ihre Art reagieren“ 40. Todesjahr Romy Schneider _ im Gespräch_Autor Günter Krenn _ Wien 13.3.2022

Romy Schneider _ Schauspielerin _ (*1938 Wien +1982 Paris)

Sehr geehrter Herr Krenn, es sind herausfordernde Tage in Krieg, Zerstörung, Fluchtbewegungen wie Friedensbemühungen für die Welt. Hat sich Romy Schneider zu Kriegen wie politischen Spannungen Ihrer Zeit geäußert bzw. Position bezogen?

Es ist schwer, in Worte zu fassen, was man angesichts von so viel Leid, das so vielen Menschen völlig unnötigerweise zugefügt wird, empfindet. Krieg ist ein großer, abstrakter Begriff, der für manche immer noch eigentümlich attraktiv „parfümiert“ zu sein scheint. In Wirklichkeit umschreibt er nur eine Tortur für viele einzelne Menschen, die ihnen völlig unverdientermaßen zugefügt wird. Solche Einzelschicksale wiederum waren etwas, das die Schauspielerin Romy Schneider interessierte. Sie wollte auf Kriege und deren Folgen auf ihre Art reagieren, indem sie den Menschen in ihren Filmen ein Gesicht, einen Namen, ein Schicksal gab. Um uns damit zu berühren und auf das Leid der/des Einzelnen hinzuweisen.

Günter Krenn, Autor, Österreichisches Filmmuseum

Romy Schneider ist 1938 geboren und hat den II. Weltkrieg als Kind erlebt. Hat Sie darüber gesprochen bzw. dies thematisiert – etwa in Filmprojekten?

Ja, das hat sie und es war ihr auch besonders wichtig. Wie wenig andere Schauspielerinnen und Schauspieler ihrer Generation hat sie sich dem Thema sehr früh gestellt und nie davon abgelassen. Beispiele dafür sind Filme wie „Der Kardinal“, „Le train – Nur ein Hauch von Glück“, „Das alte Gewehr“, „Gruppenbild mit Dame“ oder „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“. Letzterer, der gleichzeitig ihr letzter Film war, ging sogar auf ihre Initiative zurück. Sie hatte das gleichnamige Buch von Joseph Kessel gelesen und wollte es unbedingt umsetzen lassen.

Wie ging Romy Schneider mit Ihrer Familiengeschichte in der Zeit des II. Weltkrieges um?

Was ihren Vater betrifft, so sind mir keine Äußerungen Romy Schneiders bekannt, damit dürfte sie sich nicht befasst haben. Vielleicht wusste sie auch zu wenig darüber. Mit Magda Schneiders Filmtätigkeit im Dritten Reich ging sie sehr wohl kritisch um. Man kann sich vorstellen, dass es am Familienanwesen in der Schönau zu einigen Diskussionen kam. Inwieweit Magda Schneider ihrer Tochter ihre Sicht der Dinge verständlich machen konnte, kann man nur erahnen.

Wie kam es zu dem Buchprojekt „Romy Schneider – Die Biografie“?

Ich bin eigentlich zu dem Stoff überredet worden. Zwei deutsche Kollegen von der Kinemathek in Berlin haben mich dem Aufbau-Verlag vorgeschlagen, um eine Biographie über Romy Schneider zu schreiben. Ich war mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich das kann und wollte reagieren, wie es für einen Österreicher typisch ist: Möglichst höflich nein sagen. Das hat bei meinen deutschen Kollegen aber nicht funktioniert… Im Nachhinein bin ich ihnen für ihre Beharrlichkeit sehr dankbar.

Wie gestaltete sich der Entstehungsprozess? Welche Schwerpunkte zu Leben und Werk wurden gesetzt?

Ich habe mir, bevor ich mit der Arbeit begann, angesehen, was es bislang an Büchern zu Romy Schneider gab und bemerkt, dass diese nicht gut recherchiert waren. Auch hatte sich davor niemand die Mühe gemacht, sich wirklich alle Filme anzusehen, in denen Romy Schneider mitwirkt. Das habe ich gemacht, mit der Ausnahme des Fragments von „L‘Enfer“. Das wurde zu der Zeit gerade rekonstruiert und war für die Außenwelt nicht zugänglich. Insgesamt war es mir sehr wichtig, Romy Schneiders Leben und Arbeit in einen historisch korrekten Zusammenhang zu bringen. Es sind schließlich unterschiedliche Voraussetzungen, ob man beispielsweise einen Film im Deutschland der 1950er Jahre oder im Frankreich der 1970er Jahre dreht. Mir war auch wichtig, meine Hauptperson nicht zu vereinnahmen, sie nicht zu „meiner Romy“ zu machen, die sie ja nicht ist, sondern mich ihr empathisch, aber in respektvoller Distanz zu nähern.

Welche biographischen Materialien haben Sie für Ihr Buch herangezogen?

Ich habe alle Dokumente studiert, die verfügbar waren. Manche befinden sich heute leider im Besitz einer, sagen wir so: nicht ganz unkomplizierten außerfamiliären „Nachlassverwalterin“ von Magda Schneiders Besitz. Diverse Zeitschriften boten Details, die längst vergessen waren und natürlich führte ich Gespräche mit Zeitzeugen. Das war allerdings in Frankreich schwierig, da zu jener Zeit manche aus dem Umfeld Romy Schneiders noch mit niemandem reden wollten, der aus Österreich oder Deutschland kam. Man hatte nicht vergessen, wie unfreundlich Romy Schneider von Teilen der deutschsprachigen Presse zeitlebens behandelt wurde.

Ihr Buch ist in zwei Kapitel unterteilt, die im Jahr 1964 einen Übergang finden. Warum haben Sie dieses Jahr gewählt?

Ich hatte das Gefühl, dass sich diese „Grenze“ anbot, da nach dem Ende der Beziehung zu Alain Delon ein neuer Lebensabschnitt für Romy Schneider begann. Kindheit, Jugend und der kometenartige Aufstieg durch den „Sissi“-Erfolg lagen hinter ihr. Die Perspektive war nicht sehr erfreulich, denn die internationale Karriere stagnierte, eine wichtige Beziehung war zerbrochen, in beides hatte sie große Hoffnung gesetzt. Diese Zäsur machte das Jahr für mich so signifikant und zur idealen Brücke hin zum zweiten Abschnitt ihres Lebens.

Sie stellen ein Interview-Zitat Romy Schneiders „Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider“ (1981) an den Beginn Ihres Buches. Warum wählten Sie dieses zentral aus?

Es ist ein berühmtes Zitat aus einem vielzitierten Interview, das sie in ihren letzten Lebensjahren gab und umschreibt ihre damalige Situation wohl recht genau. Es schien mir ein guter Einstieg zu sein, eine dramatische „Ist-Situation“, von der aus ich ihr Leben Revue passieren lassen konnte. Es besteht dadurch zwar ein bisschen die Gefahr, ihr Leben unter einem rein tragischen Aspekt zu sehen, wie andere das gerne tun, aber ich denke, ich habe das durch meine Darstellung von Leben und Werk insgesamt korrigiert.

Welche Beziehung hatte Romy Schneider zu Ihren Lebensorten Wien, Berlin, Paris?

Wien ist die Stadt, in der sie geboren wurde und später Filme drehte oder wohnte, wenn sie ihre Familie besuchte. Ein Ort für sentimentale Erinnerungen, zu dem sie immer ein gutes Verhältnis behielt. Berlin war einige Jahre ihr Wohnort, an dem auch einige ihrer Filme entstanden. Auch zu dieser Stadt empfand sie große emotionale Verbundenheit. Paris war der Lebensmittelpunkt und wohl der Ort, mit dem sie insgesamt am stärksten in Verbindung trat. Alle drei genannten Städte waren ihr wichtig. Es ist oft so: Wenn man eine Stadt aufmerksam betrachtet, öffnet einem das auch die Augen für andere schöne Orte.

Was waren Beweggründe für Romy Schneider in jungen Jahren nach Paris zu ziehen und hier bis zu Ihrem Tod zu bleiben?

Zunächst war es der Ort, wohin sie Alain Delon folgte, um dort mit ihm zu leben. Sie wäre dafür wohl überall hin gegangen, aber nach Paris zu fliehen fiel ihr leicht, denn sie war in die Stadt, die sie bereits von Filmaufnahmen her kannte, fast ebenso verliebt wie in Delon. Nach einem Zwischenspiel in Deutschland war es dann wieder Paris, wo Romy Schneider anfangs auf Zeit und dann schließlich bis an ihr Lebensende wohnte. Da die meisten Filmangebote in den späteren Jahren aus Frankreich kamen, war es sinnvoll, dort zu leben. Und sie tat es auch gern.

Überlegte Romy Schneider wieder in Wien zu leben?

Ich denke, sie sah ihren Lebensmittelpunkt in Frankreich, in oder rund um Paris, wollte dort den Rest ihres Lebens verbringen. Wien blieb der Ort, an den sie gerne reiste, wo sie Familie und Freunde hatte, die mit ihr Erinnerungen teilten.

Wie waren die Umstände Ihres Todes?

Es wurde von Anfang an viel darüber spekuliert, ob sie Selbstmord begangen hat. Ich denke eher, dass ihr Körper einfach kapitulierte. Das vielzitierte „gebrochene Herz“ scheint mir eine passende poetische Umschreibung. Es gab zu viel psychischen Stress davor und eine ungesunde Mischung aus Alkohol und Tabletten, die für den geschwächten Körper zu viel war. Der Zusammenbruch hätte sich auch einige Zeit früher oder später ereignen können. Sehr schön war die Entscheidung des untersuchenden Pariser Staatsanwalts, der keine Obduktion anordnete – was heute natürlich undenkbar wäre! – und Romy Schneider ihren Tod als ihr Geheimnis beließ.

Das Buch enthält auch einen ausführlichen ganz besonderen Bildteil. Wie kam es dazu und wie schwierig war es diese Fotos zu finden und auch veröffentlichen zu können?

Es ist im Falle von Romy Schneider ziemlich schwierig, Bildmaterial zu finden, das noch nicht so bekannt ist. Ich staune auch immer, wie viele Fotos in ihrem doch recht kurzen Leben von Romy Schneider offenbar gemacht wurden! Bei diesem, meinem ersten Buch kam sehr viel Material aus den Sammlungen der Deutschen Kinemathek, aus Zeitungsarchiven und privaten Quellen. Die Rechteinhaber sind teilweise schwer zu eruieren. In einem Falle meldete sich ein Fotograf, der das Bild gemacht hatte. In so einem Fall hat man sofort Angst vor Nachzahlungsforderungen. Allerdings stellte sich heraus, dass er selbst keine Kopie des Fotos mehr hatte und lediglich eine von uns erbat…

Romy Schneider wurde sehr oft, auch privat, fotografiert? Wie kam es dazu und welche Einstellung hatte die Schauspielerin zu dieser Form der Öffentlichkeit?

Abgesehen von indiskreten Paparazzi-Fotos, die vor allem in den letzten Jahren ihr Leben belasteten, war sie jemand, der sich eigentlich gerne fotografieren lassen wollte. Fotografen wie Robert Lebeck bestätigen, dass sie dabei auch selbst kreativ wurde, Dinge ausprobierte, sich inszenierte und inszenieren ließ. Aber eben mit ihrem Einverständnis, auf freier Basis.

Fotografierte Romy Schneider auch selbst?

Darüber weiß man wenig. Ich denke, außer ein paar Privatfotos, die sie selbst machte, hat sie sich wohl eher fotografieren lassen. Es war offenbar auch fast immer jemand zugegen, um Fotos von ihr zu machen…

Worüber konnte Romy Schneider lachen?

Sie war ein heiterer Mensch, hat gerne gelacht und das durchaus auch über sich selbst. Wenn man vom „Mythos Romy Schneider“ schreibt, so muss man bedenken, dass sie sich selbst absolut ohne Mysterium sah. Im Gegenteil. Sie lachte gerne über sich selbst, etwa, wenn sie meinte, sie hätte Knie wie der Fußballer Franz Beckenbauer. Oder sie beschreibt sich ihrem Bruder gegenüber auf einem Foto von der Kur aus Quiberon, auf dem sie in seltsamer Haltung im Bademantel zu sehen ist, als „vornehme Arscherlhalterin“. Sie hatte also zu sich selbst zeitlebens ein sehr entspanntes Verhältnis. Nur ihre Arbeit, die wollte sie ernst genommen wissen.

Was hat Sie bei diesem Buchprojekt an Romy Schneider am meisten überrascht?

Mir ist ihr Fleiß bewusst geworden, ihr großer Ehrgeiz, sich bei der Arbeit fordern zu lassen, einen schweren künstlerischen Weg zu gehen, es sich nicht leicht zu machen. Sie wollte sich ständig verbessern, mit guten Regisseuren arbeiten, sich unter ihrer Anleitung schwierigen Stoffen stellen. Das finde ich sehr imponierend.

Sind weitere Projekte zu Romy Schneider geplant?

Ich glaube, nach drei Büchern sollte ich mich dezent von dem Thema zurückziehen… Voller Respekt vor einer bemerkenswerten Frau allerdings.

Vielen Dank für das Interview!

Sehr gerne! Danke für Ihr Interesse!

Im Gespräch_Autor Günter Krenn

Zur Person: Günter Krenn, geboren 1961, Studium der Philosophie und Theaterwissenschaft an der Universität Wien. Zahlreiche Publikationen zum Film u. a. über Billy Wilder, Louise Brooks und Walter Reisch. Er lebt in Wien und ist dort Mitarbeiter des Österreichischen Filmmuseums. 
Im Aufbau Verlag ist „Die Welt ist Bühne. Karl-Heinz Böhm. Die Biographie“ lieferbar und im Aufbau Taschenbuch „Romy Schneider. Die Biographie“ sowie „Romy & Alain. Eine Amour fou“. (Text_Aufbau Verlag)

Günter Krenn, Romy Schneider – Die Biographie, Aufbau Verlag

https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/romy-schneider/978-3-7466-7067-6

Walter Pobaschnig 3_22

https://literaturoutdoors.com

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