„Nicht den Blick für den anderen zu verlieren“ Jerneja Jezernik, Schriftstellerin _ Ljubljana 9.3.2022

Liebe Jerneja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich fühle momentan einen enormen Drang nach Freiheit und Bewegung. So oft es geht, begebe ich mich auf den Spuren der großen Weltreisenden Alma M. Karlin (1889-1950), zu den Orten, die sie in ihrer engsten Heimat, heute Slowenien, vor etwa hundert Jahren zu Fuß bewandert hatte. Dann habe ich das Gefühl, dass ich mich frei bewegen kann, dass ich unterwegs bin, zu den Leuten, zu den neuen Geschichten, aber auch zur Ruhe, die ich brauche, um danach viele Stunden am Computer am Schreiben und Übersetzen arbeiten zu können.

Jerneja Jezernik, Schriftstellerin und Übersetzerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht den Blick für den anderen zu verlieren. Nicht nur auf sich selbst fokussiert zu sein. Nicht ideologisch handeln, sich ständig befragen, um zwischen Freiheit und Eigenwille bzw. Egoismus unterscheiden zu können. Erkennen und trotz aller Hindernissen den Mut finden, die Welt für alle gerechter zu gestalten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Literatur hat nun die Möglichkeit, die vielschichtige und herausfordernde Gegenwart direkt in die literarischen Werke einzubeziehen und dabei die wichtigsten Werte herauskristallisieren, mit denen wir unsere gemeinsame Zukunft gerechter, einfühlsamer und verantwortungsbewusster gestalten können. Ob das gelingen wird, ist eine ganz andere Frage.

Was liest Du derzeit?

Alles Mögliche. Krimis aus Island von Indridason, die von Einsamkeit sprechen. Geschichtsbücher über den Zweiten Weltkrieg in Slowenien, der uns noch heute verfolgt und uns unerbittlich teilt. Unveröffentlichte Manuskripte von Alma M. Karlin, um neugierig und motiviert zu bleiben. Die Trilogie von Tove Ditlevsen, um Grundehrlichkeit und Freiheit in mir zu suchen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Es gehört viel Mut dazu, in der Welt nicht missmutig zu werden.“ – Goethe

Vielen Dank für das Interview liebe Jerneja, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Jerneja Jezernik, Schriftstellerin und Übersetzerin

http://www.jernejajezernik.com/

Foto_privat.

29.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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