„Vielleicht bewirkt gerade der unselige Krieg in der Ukraine ein Umdenken“ Eva Holzmair, Schriftstellerin _ Wien 8.3.2022

Liebe Eva, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tja, das Jetzt hat sich wohl radikal geändert und mit ihm auch ein wenig mein Tagesablauf. War ich selbst in den schwersten Zeiten der Pandemie kein Nachrichten-Junkie, so suche ich nun schon am Morgen nach den letzten Meldungen aus der Ukraine und klicke auch untertags immer wieder einmal auf orf.at, cnn.com, tv5monde.com etc. Ansonsten bin ich diszipliniert und teile die Stunden zwischen Übersetzen/Dolmetschen und Schreiben auf, je nach Auftragslage mal mehr dem einen zugewandt, mal mehr dem anderen.

Aber egal womit ich gerade beschäftigt bin, eines muss sein: die Kaffeepause am Nachmittag! Bei Kongressen (die nun nicht mehr ausschließlich virtuell stattfinden) ist sie Teil des Programms und für mich als Dolmetscherin eine willkommene Verschnaufpause. An einem Schreibtischtag ist sie der Startschuss für den Gang ins Kaffeehaus oder aber in die Küche, um die Kaffeemaschine einzuschalten. Auf Reisen bin ich eine Meisterin im Auskundschaften von geeigneten Lokalen für diese kleine, aber wichtige Unterbrechung, die auch mein Mann liebt. Oft sehen wir uns nach dem Frühstück erstmals beim Nachmittagskaffee wieder und genießen die Entspannung, das Loslassen, das damit einhergeht. Zum Ausgleich fürs ständige Sitzen und begeisterte Kuchenessen (Kaffee ohne Mehlspeise geht gar nicht) wird auch mal zwischendurch gejoggt oder das Fitness-Center aufgesucht. Bewegung macht das Hirn frei für neue Gedanken und literarische Ideen.

Eva Holzmair, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Angesichts des Unsinns, der in Sachen Corona verzapft wird, und des völkerrechtswidrigen Überfalls auf die Ukraine, der u.a. mit dem hanebüchenen Argument der Entnazifizierung gerechtfertigt wurde, sollten wir besonders wachsam sein und nicht allen Aussagen trauen, die in den sozialen Netzwerken kursieren. Doch nicht nur dort bedarf es erhöhter Vorsicht. Es gilt, möglichst viele Medien zu konsultieren, um eine eigene Meinung zu bilden und keinen Fake News aufzusitzen. Bei diesem Wust an Informationen und Bildern keine leichte Aufgabe, aber für unsere persönliche Psychohygiene und generell für eine funktionierende Demokratie enorm wichtig.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ob es einen Aufbruch oder „more of the same“ geben wird, kann ich nicht sagen. Aber vielleicht bewirkt gerade der unselige Krieg in der Ukraine ein Umdenken, und die Politik geht die Energiewende, den Klimaschutz endlich ernsthaft an. Die Kunst spielt dabei keine Rolle. Sie ist vielmehr Kommentatorin und Archivarin des Geschehens, nicht jedoch dessen treibende Kraft. 

Was liest Du derzeit?

„Winterrezepte aus dem Kollektiv“ von Louise Glück (ins Deutsche übertragen von Uta Gosmann), Luchterhand, eine zweisprachige Ausgabe, die mich natürlich auch als Übersetzerin interessiert, und „Knochenblüten“ von Monika Vasik, Elif Verlag, über Feministinnen und Frauenrechtlerinnen verschiedener Epochen und Herkunft. Glücks Lyrik ist in der Wortwahl einfach und doch so tiefgründig, ja geheimnisvoll, während Vasik ihr Thema mit überraschenden Sprachbildern angeht, die lange nachklingen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Im Hinblick auf die gleichgeschalteten Medien und das brutale Vorgehen gegen Oppositionelle in Russland, Belarus und zahlreichen anderen Staaten drei Zitate:

„Rede- und Pressefreiheit bedeuten in erster Linie Recht und Kritik. Niemand hat jemals das Lob der Regierung verboten.“ – Wladimir Konstantinowitsch Bukowski, russischer Menschenrechtsaktivist und Autor

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ohne Kritik Demokratie geben kann. Damit fängt sie an.“ – Michail Gorbatschow, vormaliger Staatspräsident der UdSSR und Generalsekretär der KPdSU

„Ich bin eine leidenschaftliche Zeitungsleserin. Nicht alles, was ich da über mich lesen muss, gefällt mir. Aber als Ministerin gehört auch das zum Berufsleben dazu. Ich will jedenfalls nicht in einem Land Politik machen, in dem es keine Pressefreiheit gibt.“ – Barbara Hendricks, deutsche Politikerin

Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Eva Holzmair, Schriftstellerin

https://www.evaholzmair.at/

Foto_privat.

2.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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