
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Isobel Markus, Schriftstellerin _ Berlin
Liebe Isobel Markus, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich wurde durch Ingeborg Bachmanns Werke aufmerksam über Gewaltformen nachzudenken, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind: patriarchale, sprachliche, psychische Gewalt, die sich in ganz normalen Beziehungen, Dialogen, Berufs- und Familienkonstellationen zeigt. Dazu fasziniert mich, wie sie mit Brüchen, Wiederholungen, Auslassungen, inneren Monologen arbeitet. Besonders in „Malina“ und ihren Erzählungen. Interessant ist, wie sich durch Leerstellen oft viel mehr zeigt als durch eine Auserzählung.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ingeborg Bachmann zeigte die Zerstörungskraft von Beziehungen in ihrer Einsamkeit, ohne dabei eine Grenze zwischen innerem Erleben und gesellschaftlicher Gewalt zu trennen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich mag „Malina“ und die Erzählbände „Das dreißigste Jahr“ und „Simultan“ sehr.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich finde sie hochaktuell. Die zerstörerischen Muster von psychischer, sprachlicher und struktureller Gewalt haben teilweise ihre Formen geändert, aber nicht das Prinzip. Noch immer sind Körper, Biografien und Möglichkeiten von Frauen und queeren Personen von diesen Machtverhältnissen durchzogen. Das Patriarchat schreibt sich überall ein. In Beziehungen, in unsere Sprache und in die Bilder von uns selbst.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ihre Texte zeigen, wie Liebe Menschen groß machen kann, aber eben auch, wie durch Liebe Selbstverlust und Sprachlosigkeit entstehen.
Ich persönlich versuche gerade, Liebe nicht mehr vor allem romantisch zu idealisieren, so wie es uns auf allen Ebenen immer wieder eingetrichtert wurde. Stattdessen wach mitzudenken, welche Rollenbilder, Verletzungen und historische Lasten in einer Beziehung mitschwingen. Mein Wunsch ist, eine nicht zerstörerische Form der Liebe zu leben.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Schreiben verlangt manchmal, sich Wahrheiten auszusetzen, die man im Alltag lieber verdrängen würde. Insofern bedeutet es eine Zumutung, sich beständig auch mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen.
Für mich gibt es dabei aber immer zwei Seiten: Selbstaussetzen und Zumutung auf der einen bzw. Rettung auf der anderen Seite. Schreiben kann hart und herausfordernd sein, weil man oft eigene Schutzmechanismen öffnen muss, und zugleich ist das Schreiben der Ort, an dem ich frei atmen und komplett nur Ich sein kann. Wenn es ein Martyrium darin gibt, dann weil man sich dem nicht mehr entziehen kann, wenn man einmal damit angefangen hat. 😉
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Bachmann schrieb auf eine politische Weise von persönlichen und historischen Traumata, die sich überlagern und ihre Texte zeigen, wie Sprache wehtut und Machtstrukturen transportiert. Das finde ich hochinteressant.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie gerne gefragt, ob sie mit der fast schon mythischen Figur, zu der man sie gemacht hat, überhaupt etwas hätte anfangen können. (Ich glaube eher nicht.)
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich mache derzeit bis zum Herbst eine Lesepause, um mich ganz auf das Schreiben zu konzentrieren. 2027 wird es dann ein neues Buch von mir geben, auf das ich mich schon sehr freue.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Alles ist eine Frage der Sprache.“
Aus der Erzählung „Alles“. In: „Das dreißigste Jahr“
Herzlichen Dank für das Interview!

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto_Isobel Markus _ (c) Nathalie Claude.
Walter Pobaschnig, 24.3.26