
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Kathrin Niemela, Kosmopoetin
Liebe Kathrin, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
La Bachmann war eine Rastlose, Reisende, mit großem Freiheitsdrang. Das verbindet mich mit ihr. Sie war viel in der Welt unterwegs und lebte mit Unterbrechungen etwa zwanzig Jahre in Rom, sprach fließend Italienisch. Ein interkulturelles Miteinander war für sie selbstverständlich. Das spricht mich sehr an.
Ihr Ende berührt mich, denn es ähnelt dem Tod meiner Großmutter Ende der sechziger Jahre. Auch sie starb gebrochen und medikamentenabhängig, nachdem sie rauchend im Bett eingeschlafen war. Sie erlag im Krankenhaus den Folgen ihrer Verletzungen – im wörtlichen und im übertragenen Sinn…
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Die Rastlosigkeit zeigt sich auch in ihrem Schreiben, das mitunter fragmentarisch und haltlos wirkt, mit einzigartiger Bildsprache. Einzigartig sind auch Vielfalt und Form – sie schrieb ja neben Lyrik und Prosa auch Essays, Hörspiele und Opernlibretti. Zudem veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Ruth Keller Reportagen aus Rom.
Ihre Hingabe an das Leben, das Lieben und an die Sprache, ihre Streifzüge gegen die Eintönigkeit, und dabei dieses Kompromisslose, Existentielle – all das macht für mich ihr Schreiben aus. Auch das Dilemma zwischen dem Drang nach Freiheit und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Und immer wieder das Motiv der utopischen Liebe. Sprache dient ihr als Mittel zur Verhandlung von Schmerz und Grenzüberschreitung. Als Bollwerk, als Rettungsanker und Halt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich habe mich mehr mit ihrer Lyrik beschäftigt als mit ihren anderen Werken. Das Gedicht „Eine Art Verlust“ ist für mich ein gutes Beispiel, wie sie Brüche poetisch verarbeitet. Der Anfang eine lakonische Aufzählung: „Gemeinsam benutzt: Jahreszeiten, Bücher und eine Musik.“ Und das Ende ein Paukenschlag: „Nicht dich habe ich verloren, sondern die Welt.“
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden wie selbstzerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Diese Aussage greift ein System an: patriarchale Strukturen und die Dominanz von Männern, auch in Literatur und Kritik. Sie bündelt viele schmerzhafte Erfahrungen Ingeborg Bachmanns, im Privaten und als Autorin.
Auch heute ist vieles davon noch aktuell. Gender Pay Gap, strukturelle Benachteiligung sowie Missbrauch und Gewalt gegen Frauen bis hin zu Femiziden gehören zur Realität.
Daher sehe ich Bachmanns Kritik als wichtigen Ansatz und halte zugleich ein differenziertes Bild für nötig, das pauschale Zuschreibungen vermeidet. Ein Bild, das Männer nicht pauschal als toxisch betrachtet und Frauen nicht nur als Opfer zeigt, sondern auch in ihrer Stärke und Handlungsfähigkeit. Wir müssen die Errungenschaften des Feminismus verteidigen und weiterführen.
In „Malina“, Ingeborg Bachmanns großen und einzigen Roman (1971), stehen Hell und Dunkel der Existenz, die Liebe „es ist immer Krieg“, wie die Traumata eines Landes in Erinnerung von Shoa, Weltkrieg im thematischen Vordergrund. Wie siehst Du ihren literarischen Zugang hier und wie müssen wir heute in Literatur und Existenz mit Geschichte umgehen?
Geschichte erscheint mir wie ein gefräßiges Monster, das nicht dazulernt. Sie wirkt nach, wiederholt sich, prägt Gegenwart und Zukunft. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Literatur Bezug darauf nimmt und Räume für Auseinandersetzung schafft. Bachmann formuliert es so: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit prägte Bachmanns Leben und Werk. So kam es etwa zum Zerwürfnis mit dem Piper Verlag, als für die Übersetzung der Gedichte Anna Achmatowas Hans Baumann beauftragt wurde, ein Dichter mit Nähe zum NS-Regime. Krieg und politische Gewalt – Geschichte im Außen – setzen sich bei Bachmann im Inneren fort: in Psyche, Liebe – und in Sprache.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich würde sie fragen, was sie aus den Vorlesungen von Viktor E. Frankl und den Begegnungen mit ihm mitgenommen hat.
Und welches ihre liebsten Schreiborte in Rom waren.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich schreibe Gedichte für verschiedene Projekte und arbeite an meinem zweiten Lyrikband.
Darf ich abschließend zu einem persönlichen Bachmann Zitat/Text bitten?
„Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.“ (aus der Dankesrede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden, 1959).
Herzlichen Dank für das Interview!

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Fotos: Kathrin Niemela _ privat
Walter Pobaschnig 23.3.2026