„diese Mischung aus Zugänglichkeit und Abstraktion“  100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Katharina Tiwald, Schriftstellerin _ Wien 6.4.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Katharina Tiwald, Schriftstellerin _ Wien

Liebe Katharina, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Im Stücktext „Bachmann in Leningrad“ habe ich Ingeborg Bachmann auf eine Reise in die Sowjetunion geschickt, 2022 ist der Text in der Regie von Alexander Kropsch im Grazer TiK (Theater im Keller) auf die Bühne gekommen.

Katharina Tiwald, Schriftstellerin _
Station bei Malina _ Romanschauplatz, Ingeborg Bachmann 1971 _
Walter Pobaschnig 3/26, folgende

In meiner Fiktion trifft Bachmann auf die russische Lyrikerin Olga Berggolz, die ihrerseits vor allem für ihre Arbeiten aus der Zeit des Krieges bekannt war und ist: Die deutsche Wehrmacht hatte Leningrad eingekreist und war dabei, die Stadt regelrecht auszuhungern, mehr als eine Million Menschen sind in den zweieinhalb Jahren umgekommen. Olga Berggolz hat während der Blockade im Radio Leningrad gearbeitet und mit ihrer Lyrik als „Lebensmittel“ vielen dabei geholfen, diese furchtbare Zeit durchzustehen. Beide Dichterinnen sind durch ihre Zeit gezeichnet, beide haben Diktatur erlebt: Berggolz hat ihr ganzes Leben in einer Diktatur zugebracht, bei Bachmann klingt die Nazizeit lange nach.

Durch mein Russischstudium und meine Unterrichtstätigkeit am Wiener Institut für Slawistik war mir Berggolz vermutlich näher, aber während der Arbeit an diesem Stücktext habe ich wieder mehr von Bachmann gelesen. Es gibt mehrere Facetten, warum es interessant ist, diese zwei Frauen aufeinandertreffen zu lassen: einerseits, weil das russische Verständnis von Poesie viel stärker klassisch geprägt ist und sich aber trotzdem Berührungspunkte finden lassen. Zweitens, weil sie beide wussten, wie es ist, in einer Diktatur zu leben. Und drittens – aber das ist ein Nebenschauplatz – , weil beide Frauen Erfahrung mit Sucht hatten. Berggolz ist am Alkohol zugrunde gegangen, sie hat ihn wohl – unter anderem – zur Bewältigung der unerträglichen politischen Situation in ihrer Heimat eingesetzt.

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?

Ich weiß nicht, inwiefern wir unter Eindruck all der Extra-Publizistik rund um Bachmann noch unverstellt auf ihr tatsächliches Schreiben schauen können (es sei denn, wir sind professionelle Germanist*innen, die sich genau darum bemühen – oder haben als Leseliebende das Ethos, das ebenfalls zu tun).

Wenn ich noch einmal in ihre Gedichte schaue, sehe ich den Versuch, über eine gewisse Archaik in der Wortwahl eine Schau ins Innerste des Menschseins zu erreichen. Zeitübergreifend. Es ist immer wieder ein Schreiben, auch in der Prosa, über Schmerzerfahrung, Schmerz an den Gegebenheiten. Aber es ist auch ein Schreiben, das ein Aufbegehren in sich trägt, eine Energie der möglichen Veränderung. Und auch ein wenig Schalk. In den letzten Gedichten ist allerdings eine Verzweiflung spürbar, die wesentlich dunkler erscheint.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Mir ist vor allem Bachmann als Lyrikerin nah. Ihr Gedicht „Reklame“ war in einem Schulbuch abgedruckt, das wir in der Oberstufe verwendeten; es hat mir damals als erstes Gedicht überhaupt einen bleibenden Eindruck davon gegeben, wie man in der Lyrik formale Mittel einsetzen kann, und dass diese Mittel wirken. Später waren es dann Gedichte wie „Böhmen liegt am Meer“, die bei mir geblieben sind. Und „Malina“ ist ein Text, zu dem man immer wieder zurückkehren kann. – Ich will mich aber keinesfalls als „Bachmann-Kennerin“ stilisieren, es gibt andere Autor*innen, die ich intensiver gelesen habe.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Wir leben zweifellos weiterhin in einer patriarchal geprägten Welt, siehe Putin und Trump, siehe die Zahl der Morde an Frauen, auch in Österreich, und die ungelöste Frage der gerechten Aufteilung von häuslicher Arbeit. Wie Literatur heute darauf reagiert oder reagieren sollte, ist ein laufendes Experiment, ein laufendes Ereignis.

Die Literatur als Form der Gesellschaftskritik erreicht zwar nur kleine Segmente der Gesellschaft – Namen wie Bachmann oder Bernhard usw. sind keineswegs so landläufig bekannt, wie man als lesender Mensch selbstverständlich annehmen würde.

Literatur kann aber, solange sie öffentlich diskutiert wird, über mediale Verbindungsstränge einen Diskurs zumindest unterfüttern, indem Meinungsmacher*innen der Existenz von bestimmten Fragestellungen und Sichtweisen gewahr werden. Auch Leser*innen integrieren ihre Lektüre unbewusst in Anteilen und leiten davon bisweilen – vielleicht – Handlungsimpulse ab, allerdings verwinkelt und vertrackt und manchmal gegenläufig zum Gelesenen: insofern funktioniert geradlinige verbale Agitation oft nicht so, wie sie intendiert ist.

„Malina“, Bachmanns Roman über – sehr knapp gesagt – eine misslingende Beziehung, ist sicher ein Dokument seiner Zeit, ich denke aber, dass Lesende einige Anknüpfungspunkte an unser Heute finden werden. Vielleicht ist es auch eine gewisse Bockigkeit, die der weiblichen Ich-Erzählerin eignet, die ihre Ellipsen zieht? Ich denke, es gibt etliche literarische Kinder dieser Figur.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Unser Bild vom Lieben ist bestimmt durch verschiedenste Einflüsse geprägt, die wir oft gar nicht auseinanderfusseln können. Ich kann nachvollziehen, dass Bachmann in ihrer Zeit, vor allem als so eindeutig talentierte und erfolgreiche Frau, es sehr schwer in der Beziehung mit Männern hatte.

Es gibt eine Dimension der Sehnsucht, die sich bei jungen Mädchen, denke ich, anders ausbildet als bei Burschen, von dieser Sehnsucht handelt auch Bachmanns Roman „Malina“. Dieses Ausmaß der Sehnsucht mag damit verknüpft sein, dass wir als Frauen ahnen, dass die Konsequenz des Liebens, nämlich der Nachwuchs und damit die Gründung einer kleinen Gemeinschaft, im Auftreten der totalen Verpflichtung und Lebens-Verantwortung der Frau auch in die Abhängigkeit von einem Mann führt. Vielleicht ist diese Art der Sehnsucht auch unbewusst jene nach einer Kompensation für die jahrhundertelange, bereits vollzogene Abhängigkeit von Millionen Frauen, die vor uns kamen. Vielleicht ist die Sehnsucht fehlgeleitet, wenn sie sich an Männern festmacht, vielleicht meint sie etwas ganz anderes.

Ich kann mir aber vorstellen, dass die neuen Mädchengenerationen für sich etwas anderes entdecken oder aufbauen können. Es gibt bestimmt auch Frauen, die ganz gut ohne Sehnsucht zurechtkommen. Dann stellt sich die nächste Frage: Wie kann Liebe auf Augenhöhe gelebt werden? Wie kann ein gleichberechtigtes Miteinander in Zuneigung gelebt werden? Geht Liebe auch ohne Schmerz?

Ich glaube nicht, dass Bachmann diese Frage bejaht hätte.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Mich nervt diese Attitüde ein bisschen. Mir ist schon klar, dass Menschen, die sich für eine Vollzeitexistenz als Literat/in entscheiden, immer in der Nähe des Prekariats leben – so sie nicht durch ihre Lebenskonstellationen abgesichert sind. Ich verstehe auch, dass sich manche, die sich der Literatur buchstäblich verschrieben haben, eine Zweitexistenz als Erwerbsarbeiter/in nicht vorstellen können. Umgekehrt kenne ich viele, die genau das machen. Man ist dadurch weniger asozial und weniger einsam, ich kann allen, die sich als „verdammt“ begreifen, nur empfehlen, es auszuprobieren. Es gibt wahrlich genug Orte, wo man als wortgewandter Mensch gebraucht wird, nicht zuletzt in Schulen.

Ich kenne aber auch die andere Seite Bachmanns, ihre Rede „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“ finde ich viel nahbarer und, ja, zärtlicher.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Sie war hochgebildet, einige ihrer Texte sind in Teilen auf einer Ebene angesiedelt, die scheinbar Leser*innen mit ähnlichem Hintergrund sucht.

In ihrem späten (letzten?) Gedicht „Keine Delikatessen“ heißt es zum Beispiel „Soll ich … / die Syntax kreuzigen/auf einen Lichteffekt?“ Es braucht etwas fortgeschrittenes Sprachbewusstsein, um solche Bilder zu entschlüsseln (das sage ich als Lehrerin an einer Mittelschule, ich habe den Eindruck, dass vielen Schreibenden nicht bewusst ist, auf welchem Sprachniveau sich sehr viele Menschen bewegen). Und dennoch schlägt sie in so gut wie allen Texten eine Volte hin zu sehr klarem Ausdruck. In „Keine Delikatessen“ steht auch: „mit der Verzweiflung (…) / über das viele Elend, / den Krankenstand, die Lebenskosten, / werde ich auskommen.“

Es ist diese Mischung aus Zugänglichkeit und Abstraktion, die für mich zum „Bachmann-Sound“ gehört.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

War Max Frisch wirklich den ganzen Stress wert?

Welche Texte hätten Sie gerne noch verwirklicht?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich bin gerade in der Endphase eines Romans, den ich „Der Sultan von Assisi“ getauft habe. Darin geht es um ein historisch belegtes Ereignis: Franz von Assisi reiste 1219 in den 5. Kreuzzug nach Ägypten, um über die Frontlinie zu gehen, sich festnehmen und dem Sultan vorführen zu lassen – mit dem Ziel, über Frieden zu sprechen. Eine gewaltige Tat, finde ich. Es geht in dem Roman um dieses Ereignis, aber auch um den Kontakt zwischen Europa und dem Islam, um die politische Unterfütterung von Religion und um den Gegensatz zwischen einer spirituellen Gläubigkeit und der Brutalität des „rechten Glaubens“.

Außerdem: am 7. Mai wird im Offenen Haus Oberwart „Die Straße der Frauen“ uraufgeführt, ein Stück, an dem sieben Frauen geschrieben haben. Es geht um sechs Stationen im Burgenland, an denen sagenumwobene oder historische Frauen gelebt haben, von der Weißen Frau von Bernstein bis zu Margit Batthyány, der Schlossherrin von Rechnitz 1945. Ich habe die Rahmenerzählung zwischen den Stationen geschrieben.

https://www.oho.at/programm/die-strasse-der-frauen

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

„Der Schriftsteller — und das ist auch in seiner Natur — ist mit seinem ganzen Wesen auf ein Du gerichtet, auf den Menschen, dem er seine Erfahrung vom Menschen zukommen lassen möchte (…) insbesondere vom Menschen, der er selber oder die anderen sein können und wo er selber und die anderen am meisten Mensch sind. Alle Fühler ausgestreckt, tastet er nach der Gestalt der Welt, nach den Zügen des Menschen in dieser Zeit. Wie wird gefühlt und was gedacht und wie gehandelt? Welche sind die Leidenschaften, die Verkümmerungen, die Hoffnungen …?“ (Aus: „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“)

Herzlichen Dank für das Interview!

Auch ich sage Merci.

Katharina Tiwald, Schriftstellerin _
Station bei Malina _ Romanschauplatz, Ingeborg Bachmann 1971 _
Walter Pobaschnig 3/26, folgende

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Katharina Tiwald, Schriftstellerin _
Station bei Malina _ Romanschauplatz Wien, Ingeborg Bachmann 1971 _
Walter Pobaschnig 3/26.

Walter Pobaschnig   23.3.2026

https://literaturoutdoors.com

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