„dass Sprache nach Krieg und Gewalt nicht unschuldig ist“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Mario Kuttnig, Schriftsteller _ Klagenfurt 31.3.2026

Ingeborg Bachmann _ Mario Kuttnig

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _  Mario Kuttnig, Schriftsteller, Schauspieler, singer-songwriter sowie Trainer & Coach, Entertainmentmanager, Moderator

Lieber Mario, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Mein Zugang zum Werk von Ingeborg Bachmann ist zunächst ganz buchstäblich ein geografischer. Ich lebe gewissermaßen in der Nähe ihres Geburtshauses in Klagenfurt, und meine täglichen Spaziergänge mit meinem Hund führen regelmäßig daran vorbei. Es ist ein besonderer Moment, jedes Mal wieder – ein stiller, fast beiläufiger Kontakt mit einem Ort, an dem Literaturgeschichte ihren Ausgang genommen hat. Dabei überkommt mich immer wieder ein Gefühl von Glück und Dankbarkeit darüber, dass dieses Haus heute ein Museum ist. Dass dieser Ort nicht einfach verschwunden oder überbaut wurde, sondern als Erinnerung an eine große Schriftstellerin erhalten bleibt. So wird Bachmann für mich nicht nur über ihre Texte gegenwärtig, sondern auch über einen konkreten Ort, über eine kleine tägliche Begegnung im Alltag.

Von dort aus führt der Weg natürlich weiter in ihr Werk. Ein wichtiger Zugang ist für mich ihre besondere Sensibilität für Sprache. Bachmann schreibt aus dem Bewusstsein heraus, dass Sprache nach Krieg, Ideologie und Gewalt nicht unschuldig ist. Sie untersucht, wie Worte Wirklichkeit formen – und wie sie zugleich verschleiern können.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Das Besondere an Bachmanns Schreiben ist die seltene Verbindung von poetischer Schönheit und radikaler Analyse. Ihre Texte sind lyrisch und präzise zugleich, sensibel und schonungslos.

Sie schreibt über persönliche Erfahrungen, aber diese sind immer auch gesellschaftlich geprägt. Beziehungen, Liebe, Macht, Gewalt – all das erscheint bei ihr nicht als rein privates Geschehen, sondern als Ausdruck größerer Strukturen.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Besonders eindrucksvoll finde ich den Roman Malina, der Teil des geplanten „Todesarten“-Projekts war. Dieser Text ist eine radikale Auseinandersetzung mit Gewalt, Identität und dem Verschwinden der weiblichen Stimme.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Bachmann hat sehr früh erkannt, dass Gewalt nicht nur in spektakulären Ereignissen sichtbar wird, sondern auch in alltäglichen Strukturen: in Beziehungen, in Rollenbildern, in Machtverhältnissen.

Ihre Texte zeigen, wie tief patriarchale Muster in Sprache und Denken eingeschrieben sind. Gerade deshalb wirken viele ihrer Beobachtungen heute noch erstaunlich aktuell.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Liebe erscheint bei Bachmann selten als harmonischer Zustand. Sie ist oft ein Ort von Sehnsucht, Hoffnung, aber auch von Verletzlichkeit und Macht.

Nach Bachmann zu lieben, bedeutet vielleicht, sich dieser Ambivalenz bewusst zu sein – und dennoch an der Möglichkeit einer anderen Form von Beziehung festzuhalten.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Ich würde Schreiben nicht ausschließlich als Martyrium verstehen. Es ist ebenso eine Form der Freiheit: die Möglichkeit, Wirklichkeit neu zu denken, Erfahrungen zu teilen und Räume der Vorstellung zu öffnen.

Vielleicht liegt gerade in dieser Spannung zwischen Schmerz und Freiheit die besondere Kraft der Literatur.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Ihre Nähe zur Musik ist bemerkenswert. Rhythmus, Klang und Struktur spielen in vielen ihrer Texte eine wichtige Rolle.

Und schließlich sind ihre Werke von einer tiefen utopischen Sehnsucht geprägt – der Hoffnung, dass eine gerechtere und menschlichere Welt möglich sein könnte.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich würde sie vermutlich fragen, ob sie heute noch an eine andere Sprache glaubt – an eine Sprache, die nicht von Gewalt oder Ideologie geprägt ist.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich bin zur Zeit als Kreuzfahrt Direktor auf den Meeren dieser Welt zuhause.

Diese Zeit erlaubt es mir an literarischen und essayistischen Projekten, die sich mit Fragen unserer Gegenwart beschäftigen – mit gesellschaftlichen Veränderungen, persönlichen Erfahrungen und der Rolle von Sprache in unserer Zeit zu arbeiten.

Dazwischen bin ich mit meinem Programm „Der Tod auf PR-Tour“ unterwegs.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Ein Satz von Ingeborg Bachmann begleitet mich besonders:

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Dieser Satz ist für mich eine Erinnerung daran, dass Literatur nicht nur Schönheit, sondern auch Erkenntnis bedeutet – und dass beides untrennbar miteinander verbunden sein kann.

Herzlichen Dank für das Interview!

 Mario Kuttnig, Schriftsteller, Schauspieler, singer-songwriter sowie Trainer & Coach, Entertainmentmanager, Moderator

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.

Foto: Mario Kuttnig _ privat.

Walter Pobaschnig   16.3.2026

https://literaturoutdoors.com

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