
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview_ Tania Rupel _ Tera _ Schriftstellerin
Liebe Tania, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Als ich von ihrer Existenz erfuhr, war ich vielleicht in der achten oder neunten Klasse. Interessanterweise habe ich ihren Namen zeitgleich mit dem Namen von Paul Celan gehört. Als junges Mädchen war ich von der Geschichte und den paar Gedichten, die wir damals gelesen haben, sehr beeindruckt. Ich war begeistert, dass meine Liste mit weiblichen Dichternamen sich verlängert hatte – mit dieser bis dato unbekannten Poetessa (wie wir bei uns sagen). Zu Hause lassen wir viele Gedichte. Natürlich bulgarische – Gegenwartslyrik und Klassik; russisch-, französisch-, englisch-, italienischsprachige Dichterinnen und Dichter, einige von den anderen slawischen Sprachen, aber selten deutschsprachige; manchmal Rilke, Brecht.
Eines Abends kam mein Vater nach Hause und erzählte aufgeregt über einen Kollegen von ihm, der aus Wien zurückgekommen war (im sozialistischen Bulgarien war das an sich spannend genug – jemand war im Westen und kam wieder nach Hause). Aber das Wichtigste war eigentlich, dass er von den beiden Lyrikern erzählt und einige ihrer bekanntesten Gedichte vorgelesen hatte, die er selbst ins Bulgarische übersetzt hatte. Vater hat lose A4-Blätter mitgenommen. So versuchten wir in unserer Küche Bilder und Sprache zu enträtseln, und staunten. Ab und zu unterbrach Vater sein Vorlesen und erzählte, was er noch erfahren hatte: über das Schicksal dieser kraftvollen Poetin, über den Poeten, der sich in Seine warf; über ihre Beziehung und die Gruppe 47, die uns kein Begriff war … So ist der Name von Ingeborg Bachmann für mich mit etwas fast Mystischem umhüllt. Später dann habe ich Lyrik und Prosa von ihr in meiner Muttersprache gelesen und hatte noch keine Ahnung, dass ich eines Tages sie im Original lesen würde.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Für mich – die Intensität ihrer Texte, die Dichte und Klugheit. Ich bin mir sicher, wir alle, die beim Interview mitmachen, werden uns oft wiederholen mit Bezeichnungen wie Herzblut, Wortwucht, Zeitlosigkeit, Originalität.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Gedichte, viele Gedichte und Zeilen, die in verschiedenen Momenten meines Lebens aufs Neue in mir hallen, und weiterhin bewegen. Aus dem „Die gestundete Zeit“; aus dem „Anrufung des großen Bären“ und einige der späteren; Alle Tage, Fall ab, Herz; Holz und Späne, Dunkles zu sagen; an die Sonne; Die große Fracht; wie Orpheus spiel ich; Im Zwielicht; Erklär mir, Liebe; Wahrlich; Keine Delikatessen …
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich werde nicht behaupten: Nichts hat sich geändert/verbessert, dennoch bleibt die Kritik definitiv aktuell. Noch mehr sogar, bevor die Gesellschaft etwas Stabiles erreichen konnte, kommen Tendenzen, die mir Sorgen machen. Wiedereinmal wollen dunkle Kräfte das Rad zurückdrehen. Es gibt auch Stimmen, die erwidern: „ohne sorge sei ohne sorge“ (wie aus dem Gedicht „Reklame“) und das macht es unheimlicher.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Spannende Frage, die nicht einfach zu beantworten ist, wie viele anderen wichtigen Fragen. Wir alle suchen nach Liebe; wir alle sind ab und zu ihre Opfer. Angeblich persönliche Sache, und doch auch immer politisch. Die Liebe hat ihre Phasen und Farben: rosarot oder dunkel, sanft, stürmisch oder aber besitzergreifend, verletzlich, verletzend usw. „Unheilbar krank“ klingt hoffnungslos, und in letzter Zeit häufen sich wieder mal so viele Beweise dafür; und manchmal sind nicht nur die Männer krank … Aber wer möchte die Hoffnung verlieren?
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Jede(r empfindet es auf eigene Weise. Für Ingeborg Bachmann war es offenbar so. Sie schreibt radikal, geht über Grenzen. Das hat ihr viel abverlangt.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Beim Lesen von Poesie fühle ich mich wie bei einer Wanderschaft. Manchmal sind die Wortlandschaften steil oder leicht, hell, dunkel, eher bekannt oder ganz neu, einfach schön oder dramatisch … Alles kann ich sehen, mache mir Gedanken, Kopf und Herz zugleich, oder es überwiegt das eine. Ab und an reißt mich eine Windböe in der Höhe mit, wirbelt mich und ich schwebe. Dieses Gefühl kommt immer wieder, ich vermute, bei anderen ist es ähnlich. Es ist pure Begeisterung und Freude, als ob ich im Lotto gewonnen hätte. Bei manchen Zeilen stehe ich wie vom Abgrund; und bei anderen trete ich auf Worte, die mir fast den Knöchel brechen. Es blitzt durchs Mark und Bein. So was habe ich bei Versen von Ingeborg Bachmann erlebt. Und seltener, aber auch bei ihr ist es passiert – saugte mich ein Strudel so tief nach unten auf, wo ich mich wie in einem Traum befunden habe. Das sind dann „meine“ Gedichte. Es sind Verse, die etwas in meinem Unbewussten bewegen; nicht persönlich verbunden, eher als Mensch, als ein Teil von was Größerem. Nicht leicht zu erklären, dennoch ist es zutiefst berührend.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Hmm, keine Ahnung. Ich vermute, hätte ich eine unerwartete Begegnung mit ihr, wäre ich wahrscheinlich verstummt. Mir fällt selten das Richtige oder was Kluges schnell ein. Muss ich gerade lachen, denn ich stelle es mir vor … Bis ich die Worte gefunden habe, wäre sie schon sicher weg. Aber „wem es ein Wort nie verschlagen hat“? … Dann ist es auch gut, nichts zu sagen, statt Belangloses.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich möchte Gedichte für einen neuen Lyrikband sammeln/verfeinern:). 2016 wurde mein erstes deutsches Buch im Salon LiterturVerlag veröffentlicht – Gedichte und eigene Bilder. Es wäre prima, wenn wir es nach 10 Jahren wiederholen!
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Oft wenn ich wieder mal bei etwas scheitere, sage ich mir: Wer fällt, hat Flügel … und ich erinnere mich nicht mehr, woher die Zeile stammt. Muss ich bald nachsehen:). Ein kurzes Gedicht werde ich doch hinzufügen, aber zuerst möchte ich mich herzlich bei Dir bedanken, lieber Walter, für Deine wichtige Arbeit und bemerkenswerte Geduld!
Enigma
Für Hans Werner Henze aus der Zeit der Ariosi
Nichts mehr wird kommen.
Frühling wird nicht mehr werden.
Tausendjährige Kalender sagen es jedem voraus.
Aber auch Sommer und weiterhin, was so gute Namen
wie „sommerlich“ hat –
es wird nichts mehr kommen.
Du sollst ja nicht weinen,
sagt eine Musik.
sonst
sagt
niemand
etwas.
Herzlichen Dank für das Interview!

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Tania Rupel _ Tera _ _ privat.
Walter Pobaschnig, 24.2.26