„als weibliche Autorin gewagt, modern zu sein“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Rebecca Ramlow, Schriftstellerin _ Köln 16.3.2026

Ingeborg Bachmann _ Rebecca Ramlow

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Rebecca Ramlow, Schriftstellerin _

Liebe Rebecca, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

Ich mag Bachmann, da sie es als weibliche Autorin es gewagt hat, modern zu sein, sich gegen patriarchale Strukturen zu stellen, und das, obwohl sie umgeben von Männern war – ja, ich empfinde sie als modern.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ihr moderner Schreibstil, dass sie mit Konventionen brach, eine literarisch längst notwendige Aufgabe. Sich traute sich als Frau ungeschönte, ungeschminkte Worte zu sagen. Gewissermaßen ein Wendepunkt, dennoch wurde sie traurigerweise gar nicht genug beachtet – hatte on top mit Kritiken zu kämpfen.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben? 

„Undine geht“, da es das ach so tolle Verhältnis zwischen Mann und Frau aufbricht und mit Klischees bricht. Mir gefällt daran, dass es so modern ist.

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

„Die patriarchale Struktur der Welt hat sich leider noch immer nicht ganz abgeschafft – es hat sich zwar alles schon ein bisschen verändert – dies war ein furchtbar anstrengender &  hoch sensibler Prozess, jedoch hagelt es – dank rechtem Aufschwung, Diktatoren & wanna be Demokraten, die aber eigentlich beinahe wie Demagogen wirken —  dank manipulativen Männern, die trauriger Weise Macht innehaben, die neuerdings wieder wüten, toben, & wie Rumpelstilzchen herum strampeln, was das Zeug hält, wieder etwas auf Frauen & Co affig nieder schießen, die eigentlich gar nichts dafür können. Als säße man in einer Zeitmaschine – back to the roots. Zurück zur asozialen Egozentrik und völkischem Nationalstolz –  fast beklemmend. Selbst in Ländern, in welchen man das historisch eigentlich gar nicht darf. Zurück zu Hitler –  peng – im Jahr 2026. Natürlich gibt es auch andere, man muss differenzieren. Ich habe das Gefühl, dass die Krise dazu beigetragen hat. Jetzt darf wieder geschossen werden – man sucht wieder einen vermeintlichen Feind.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

„Ja – man muss sich immer mit sich selber auseinandersetzen – einsam & abgeschottet  – muss sich immer wieder mit der eigenen Schreiberei beschäftigen, ob man möchte oder nicht.. Kommt da für eine gewisse Zeit nicht heraus. Ich verstehe, dass manche Schrifttsteller Alkoholiker werden oder sich umbringen wollen.“

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Wie sie es überhaupt ausgehalten hat, in einer männerdominanten Welt herumzutrampeln, auch noch zu schreiben, ohne dabei ganz draufzugehen? 🙂 Und: Was würde sie heute schreiben?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich habe einen gesellschaftskritischen Roman verfasst und muss jetzt gerade einen Film diesbezüglich – ohne Geld – stemmen. Mein Erstlingsroman – mit dem ironischen Titel „Die Leiden des mittelalten Herbies: (Be-)Gattungslos“- der mit einem Preis für die beste Neuerscheinung 2023 ausgezeichnet wurde, ist eine radikale, gesellschaftskritische Reise durch zwei Länder, eine Absage an die Hyperperfektion und eine Liebesgeschichte jenseits des zu oft getretenen Klischeepfades, beginnend in einer Psychiatrie, für welchen ich ein Stipendium durch die Kulturförderung NRW  erhielt, sowie eine Untersuchung der perversen Machtmechanismen zwischen sexuellem Missbrauch & Hyperkapitalismus, bieten sich doch beide hinterrücks an, den jeweiligen Personen vorspielend, sie würden Glück und Liebe per Klick erkaufen können, dabei jene jedoch im Umkehrschluss wiederum teils zu Dingen zwingend. Um das Wagnis, als weibliche Autorin, den Coitus interruptus zu vollziehen. Die weibliche Männlichkeit zu wagen, ohne dies erklären zu müssen. Um die Fragestellung: „Wohin mit Gefühlen in einer emotional beduselten Welt?“

Herzlichen Dank für das Interview!

Rebecca Ramlow, Schriftstellerin

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.

Fotos: Rebecca Ramlow _ privat.

Walter Pobaschnig   4.2.2026

https://literaturoutdoors.com

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