„eine Spannung zwischen Sprache und Stille“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _  Ina Riegler, Malerin _ Kärnten 15.3.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100. Geburtstag Ingeborg Bachmann –

Im Interview _  Ina Riegler, Malerin _ Kärnten

Liebe Ina, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

Für mich legt Ingeborg Bachmann Wunden frei. Ihre Sprache formt poetische Räume und diese funktionieren für mich wie Bildfragmente die eine Stimmung öffnen. Auch eine Spannung zwischen Sprache und Stille, eine Welt aus Brüchen, aus Unsicherheit, aus dem Versuch, eine Wahrheit zu formulieren, die sich immer wieder entzieht.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Besonders für mich ist die existenzielle Kraft, die radikale Ehrlichkeit; die Psyche, der musikalische Rhythmus, Schönheit, Präzision und Verletzlichkeit. Sie geht kritisch mit Sprache und Machtstrukturen um. Das Offenlegen von struktureller Gewalt, die in Beziehungen, in gesellschaftlichen Rollen und in der Sprache selbst eingeschrieben sind.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Das Gedicht „An die Sonne“ liebe ich, besonders den Klang, wenn sie es selbst liest. Die Schönheit ihrer musikalischen Sprache, der Rhythmus ihrer Stimme. Der Roman Malina. Ein seelisches Protokoll, wie eine Installation; die Verdichtung in den Gedichten aus der gestundeten Zeit;

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden patriarchalen Welt heute?

Leider noch immer sehr aktuell. Noch immer gibt es Machtverhältnisse der Gewalt in allen Kulturen bzw. werden diese wieder in diversen Bewegungen wie „etwa der „Tradwifes“ reinszeniert. Psychische und strukturelle Gewalt wird auch vor allem in der Sprache sichtbar. Noch immer.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema – „die Männer sind unheilbar krank…“ (1971). Wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Bachmann zwingt uns, Liebe nicht romantisch zu verklären. Ihre Texte zeigen, wie sehr Liebe mit Macht, Angst und Projektion verbunden sein kann. Wenn sie schreibt, dass die Männer unheilbar krank sind, kritisiert sie damit ja vor allem die zerstörerischen Machtstrukturen innerhalb von Beziehungen. Nach Bachmann zu lieben bedeutet vielleicht, Beziehungen bewusster und gleichberechtigter zu gestalten, ohne Dominanz und Abhängigkeiten, sondern die Freiheit des Anderen anzuerkennen.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren …“ – Ist Kunst immer auch eine Form des persönlichen Martyriums?

Für Bachmann ist Kunst eine sehr intensive und schmerzhafte Form der Existenz. Ob Kunst eine Form des persönlichen Martyriums ist, kommt immer auf den Menschen an, der Kunst macht und wie er sie zum Ausdruck bringt.  

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- und gesellschaftskritischen Positionen noch hervorheben?

Ihren bedeutenden Beitrag zu feministischen Diskussionen in der Literatur. Ihre Musikalität. Ihre Texte haben einen Rhythmus, der fast körperlich wirkt. Außerdem beeindruckt mich ihre Fähigkeit, Bilder zu erzeugen, die gleichzeitig konkret und traumartig sind. Diese poetische Bildkraft. Sie lädt dazu ein, weiterzudenken, zu übersetzen, visuelle Formen zu finden.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt oder gefragt?

Ob bei ihr am Anfang Bild oder Wort steht? Ob sie beim Schreiben Bilder sieht? Ob ihre Texte aus inneren Bildern entstehen oder ob die Bilder erst durch die Sprache entstehen?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Das nächste Projekt ist am 21, März im Kulturhof Villach. In den zwei ausgestellten Werken geht es um eine Reflexion über zehn Jahre sozialer Arbeit mit fremduntergebrachten Kindern. Kinder, die Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung und Suchterkrankungen im familiären Umfeld erlebt haben. Kinder, deren Biografien von Brüchen geprägt sind – und dennoch von einer leisen, oft übersehenen Stärke. Für die Ausstellung entwickelte die Band Man of Isle eine eigens konzipierte Klanglandschaft. Ausgangspunkt bildet bisweilen unveröffentlichtes Material, aus dem ein Loop hervorgeht, der sich im Verlauf zunehmend auflöst.

Danach folgt am 23. März eine Ausstellung mit dem Künstlerinnenkollektiv Barbara Ambrusch Rapp und Marjeta Angerer-Guggenberger um 18: 00 in der BV Galerie. In der interdisziplinären Ausstellung „zeiTräume“ navigieren wir zwischen historischen Epochen, formalen Zugängen und gesellschaftlichen Fragestellungen der Gegenwart und Zukunft. Hier habe ich mich mit altmeisterlich klassischen Maltechniken auseinandergesetzt und kunstgeschichtliche Elemente in gegenwärtige Allegorien übersetzt.

Ein weiteres Projekt ist dann am 16.04. beim Kulturforum Kärnten, kuratiert von Ludwig Riedmann, mit einer Lesung von Lojze Wieser und Barbara Maier. Ich habe die slowenische Bibliothek illustriert und werde mehrere Werke, neuere und ältere, dort ausstellen.

Darf ich abschließend um ein Bachmann-Zitat bitten?

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Ingeborg Bachmann, Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1959 für „Der gute Gott von Manhattan“.

Herzlichen Dank für das Interview!

 Ina Riegler, Malerin _ im Atelier

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.

Fotos: Ina Riegler 1 privat, 2 NMH.

Walter Pobaschnig   9.3.2026

https://literaturoutdoors.com

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