„Die Protagonisten meiner Romane finden mich, nicht ich sie“ _ Buchneuerscheinung _ Die Gärtnerin von Venedig, Jana Revedin _ Braumüller Verlag

Buchneuerscheinung: Die Gärtnerin von Venedig, Jana Revedin. Roman. Braumüller Verlag, 2026.

Eri tauscht den Bergbauernhof gegen die schillernde Lagunenstadt Venedig – und gerät schnell in ein Netz aus Misstrauen, Rivalität und gut gehüteten Geheimnissen. Doch statt sich einschüchtern zu lassen, findet sie unerwartete Verbündete, wächst über sich hinaus und entdeckt Schritt für Schritt ihre wahre Berufung.
Ein atmosphärischer Entwicklungsroman über Mut, Herkunft und die leise, aber kraftvolle Kunst des Neuanfangs – voller Intrigen, Hoffnung und venezianischem Zauber.

Jana Revedin, Schriftstellerin, Architektin _
Empfang Ungargasse/Wien _
Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann _ 10/23

Im Interview: Jana Revedin

Liebe Jana, Dein aktueller Roman spielt in Venedig, wo Du, neben Deinem geliebten Hof in Wernberg in Kärnten, auch lebst. Wie gestaltet sich ein Schreiben über einen Lebensort? Fällt das schwerer oder leichter als an einem fiktiven Ort?

Ich habe noch nie über einen fiktiven Ort geschrieben, genauso wenig wie über fiktive Charaktere. Die Protagonisten meiner Romane finden mich, nicht ich sie, und dann machen sie mit mir, was sie wollen.

Seit „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“, meinem Debutroman, der mich nach Berlin und Dessau, in die zweite Heimat meiner hugenottischen Familie zog – wir wurden vor Jahrhunderten aus Frankreich vertrieben – führten mich die folgenden Hauptfiguren in ihre Heimaten: Paris, Buenos Aires, New York, Konstanz, Venedig. Es fiel mir immer leicht, weil ich an jenen Orten meine Jugend und meine Ausbildungsjahre verbracht habe, Goethe spräche von „Entwicklungsorten“. Eine gewisse Magie liegt über jenen Schauplätzen, sie haben sich in Jahrzehnten kaum verändert und wir gehen meinen Protagonisten immer auf lebendigen Bühnen nach!

Venedig hat mich seit vierzig Jahren, seit ich bei Aldo Rossi in seinem Mailänder Büro und an seinem Lehrstuhl an der Universität Venedig meinen Platz fand, als Wahlheimat aufgenommen. Ich konnte das Venedig der 1920er Jahre in „Margherita“ beschreiben, und das war eine pure Freude, hat sich doch die Stadt und ihre pulsierenden Kunst- und Lebens-Zentren seither – dank des UNESCO Weltkulturerbe-Ensembleschutzes – nicht gewandelt. Meine Leser spazieren mit dem Buch in der Hand direkt auf Margheritas Spuren… In den vergangenen Jahrzehnten veränderte sich die gesellschaftliche und soziale Mischung der Stadt jedoch enorm. Und genau das hat mich gereizt: das Venedig von heute, das keineswegs ein untergehender oder ausgestorbener Ort ist, auf den Spuren der jungen Gärtnerin Eri, die von weither kommt, zu entdecken.

Wie entwickelte sich der Schreibprozess in dieser sich wandelnden Zeit- und Gesellschaftssituation – was waren besondere Herausforderungen? Gab es Überraschungen, Fügungen?

Die Geschichte der Eri ist eine wahre Geschichte, ihr Großtante hat sie mir erzählt. Wie diese mich entdeckte? Eine Fügung, ja! Sie las „Der Frühling ist in den Bäumen“, meinen letzten Roman, die unglaubliche Geschichte meiner Mutter, die sie mir am letzten Tag ihres Lebens aufgetragen hat. Ich brauchte gute zehn Jahre, um diese brutale Begebenheit, die stark an die aktuelle Geschichte der Giselle Pelicot erinnert, zu Papier zu bringen. Doch meine Mutter hatte von mir gefordert: „Schreib das eines Tages auf, Kind. Für Frauen, die ähnliches erleiden und die sich doch wehren können.“ Eri Jung, die Großtante unserer Protagonistin, eröffnete mir in unserer Korrespondenz, dass sie die allererste Sekretärin meiner Mutter gewesen sei, „…nach jenem unsäglichen Skandal und ihrem Mut, ihren Mann anzuzeigen und sich scheiden zu lassen. Im Jahr 1953!“ Ihre eigene Bewerbung bei meiner Mutter, erzählte sie mir, habe in den frühen Fünfzigerjahren in Venedig stattgefunden und sie müsse mir so viele Geschichten dazu erzählen, die bis in die Gegenwart reichen. Ich hörte natürlich zu. Und da jene Tante Eri bis zum heutigen Tag regelmäßig Venedig besucht, konnte ich ihre Eindrücke und Erfahrungen mit meinen mischen.

Sie erinnerte sich an Dich, als kleines Mädchen?

Natürlich! Sie erzählte mir, wie oft ich mit meiner Mutter, Philosophin und Journalistin, die in den frühen Fünfzigerjahren einen Verlag gegründet und die erste emanzipierte Frauenzeitschrift Deutschlands herausgegeben hatte, in den Verlag kam – das letzte Kind, zuhause alleingelassen und unterfordert. Ich bat, mich an Eris Schreibtisch setzen zu dürfen, und um weiße Blätter. Ich muss tagaus tagein gesagt haben: „Ich spiele Schreiben.“

Im Roman sucht ihre Großnichte, die junge Gärtnerin Eri, ihren Lebens- und Berufsweg zwischen gesellschaftlichen Herausforderungen, beruflichen Widerständen und weiblicher Solidarität. Welche Inspirationen führten zu dieser so mutigen Frauenfigur?

Das wahre Leben. Ich bin in meiner Lehre und Forschung von jungen beharrlichen, selbstkritischen und doch humorvollen Eris umgeben! Sie setzen, wie Hilde Domin so schön sagte, tagtäglich ihren Fuß in die Luft. Und sie trägt! Mein Lebensgeschenk, das literarische Schreiben, und die Rückmeldungen meiner Leserinnen und Leser bestätigen mir ebenso, dass Bewusstsein und Selbstbewusstsein nur durch Wagnis entstehen, durch Neugier, durch Wachsenwollen und nicht durch in behaglicher Wiederholung erstarren. Auch wenn wir Frauen in den ersten Emanzipationswellen der 1920er und der 1960er Jahre viel mutiger und motivierter waren, sind wir doch weit gekommen. Gleichbezahlung, Gleichbewertung, das Durchbrechen gläserner Decken steht jetzt an, und das aktive Engagement für Frauen in patriarchalen Gesellschaften, deren Rechte mit Füßen getreten werden.

In ihrer neuen Heimat Venedig findet die junge Eri auch die Liebe, die begeistert, stärkt, trägt. „Es ist immer Wahnsinn in der Liebe aber auch immer etwas Vernunft im Wahnsinn“, sagte der Philosoph Nietzsche, wie siehst Du dieses Zitat im Zusammenhang von Eri und Todd?

Einverstanden, Herr Nietzsche! Doch auch Heinrich Tessenow hat recht, wenn er zu jeder Art der Gestaltung und Kreativität sagt: „Das Einfache ist nicht immer das Beste, doch das Beste ist immer einfach.“ Ist eine beginnende Liebesgeschichte, Nietzsches Wahnsinn des gewagten Unbekannten, nicht der Mut, alte Einsamkeiten und Verletzungen abzulegen und eine neue, gemeinsame Wirklichkeit zu entwerfen? Eri und Todd wagen diesen Neuanfang, und, zu ihrer eigenen Überraschung, ist er einfach und leicht.

Was braucht es, um Lebensträume zu verwirklichen und daran festzuhalten?

Liebe. Demut. Und Dankbarkeit.

Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Autorin: Jana Revedin ist Architektin, Architekturtheoretikerin und Schriftstellerin. Mit der Veröffentlichung ihres Debutromans Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus (Dumont 2018), der ein literarisches Ereignis und Spiegel- und La Repubblica-Bestseller war, hat die Architekturprofessorin und Bauhaus-Expertin die Schriftstellerei zu ihrem Lebensauftrag gemacht. Es folgten drei weitere Romane zu großen Protagonistinnen in Architektur, Kunst und Kultur, die die Geschichte ausgelöscht hat: Margherita (Aufbau 2020, Spiegel-Bestseller), Flucht nach Patagonien (Aufbau 2021) und Der Frühling ist in den Bäumen (Aufbau 2023, Presse-Bestseller). In Die Gärtnerin von Venedig erzählt Jana Revedin, die in Wernberg und Venedig lebt, eine wahre Geschichte aus ihrer geliebten Wahlheimat. (Pressetext _ Braumüller Verlag)

Kommende Buchpräsentationen/Lesung:

Buchpräsentationen:

Donnerstag, 12. März 2026
19:00 Uhr

Veranstalter: Thalia Mariahilf

Mariahilfer Strasse 99
1060 Wien

Freitag, 13. März 2026
19:00 Uhr

Veranstalter: Buchhandlung Heyn

Kramergasse 2
9020 Klagenfurt

Donnerstag, 23. April 2026
19:00 Uhr

Veranstalter: Buchhandlung Brunner

Rathausstraße 2
6900 Bregenz

Lesung

Samstag, 21. März 2026
18:00 Uhr

Veranstalter: Kloster Wernberg

Klosterweg 2
9241 Wernberg

Foto: Jana Revedin _ Walter Pobaschnig

Buchcover _ Verlag.

Walter Pobaschnig 3/26

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