

100. Geburtstag Ingeborg Bachmann –
im Interview_ Maria Lehner, Schriftstellerin_Wien
Liebe Maria, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mein persönlicher Zugang kommt zunächst über ihre Lyrik. In den Frankfurter Vorlesungen stellt sie literarisches Schaffen nicht als Last dar, sondern als Akt der Befreiung: „Das Gedicht ist eine Entfesselung.“ Von dort aus habe ich Schreibakte insgesamt als Befreiungsakte verstanden – Befreiung von etwas und zugleich Befreiung für etwas. Die Erkenntnis, dass Sprache gleichzeitig verletzlich und kraftvoll sein kann, wirkt dabei wie ein Tor, durch das man hindurchmuss.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Zum einen die Verbindung von poetischer Intensität und radikaler Sprachkritik, zum anderen eine Art kritischer Wachsamkeit: Sie misstraut der scheinbar selbstverständlichen Oberfläche alltäglicher Sprache. Schaut man genauer hin, entdeckt man dahinter Gewalt und Ideologie. Insofern sind ihre Texte politisch hellhörig und philosophisch tief. Und als ein Kind meiner Zeit, der 68er, beeindruckt mich, wie stark bei ihr das Private und das Politische ineinandergreifen: Verletzlichkeit als Erkenntnisform. Hinter Sprache schauen, ihre Magie auch entzaubern, wach und offen bleiben — das macht ihr Schreiben für mich einzigartig.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ein Beispiel aus jeder Gattung würde ich gerne bringen: Die zuvor genannten Besonderheiten zeigen sich für mich am stärksten in Malina als experimentellem Roman und in den hybriden Prosaformen der Todesarten‑Texte. In den Erzählungen aus Das dreißigste Jahr beeindruckt mich ihre analytische Schärfe, in den Gedichten (etwa Anrufung des großen Bären) ihre Musikalität und poetische Verdichtung. Und an den Frankfurter Vorlesungen schätze ich die poetologischen, essayistischen Reflexionen über Sprache, Wahrheit und Verantwortung.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden patriarchalen Welt heute?
Mir scheint diese Kritik bedrückend aktuell: Mechanismen psychischer und struktureller Gewalt, die wir heute unter Begriffen wie toxische Männlichkeit oder Femizid diskutieren, sind in Sprache eingeschrieben – sowohl präskriptiv (Sprache, die Gewalt hervorbringt) als auch deskriptiv (Gewalt, die durch ihr Erzählen sichtbar und wirksam wird). Autoritäre Muster in Beziehungen bestehen fort. Bachmanns Texte sind deshalb nicht nur historische Dokumente, sondern ein beunruhigend präziser Spiegel unserer Gegenwart.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Bachmanns. „Die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971). Wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Nach oder mit Bachmann zu lieben bedeutet wohl, Macht zu verlernen – also zunächst auf sie zu verzichten –, Verletzlichkeit zuzulassen und eine Sprache ohne Brachialgewalt zu finden. Liebe wird dort scheitern und in Sprachlosigkeit münden, wo Rollen und Dominanz im Vordergrund stehen. Wenn man Machtstrukturen analysiert und Liebe als einen Ort der Wahrheit begreift, bleibt nichts anderes, als auch die eigene Schutzlosigkeit zu akzeptieren. Und dann eine neue Sprache zu finden – eine der Gleichheit und Wahrhaftigkeit.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas Verdammtes daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton-Wildgans-Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, ist Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Zunächst klingt das nach romantischem Künstlerleid, nach Märtyrertum und Selbstgeißelung. Auf den zweiten Blick aber wird die existentielle Spannung sichtbar, der Wahrheit verpflichtet zu sein: Ja, es verlangt eine radikale Haltung, die Welt schonungslos anzusehen — und das kann einen von manchen Menschen entfernen. Doch das ist weniger ein Martyrium als eine mutige Entscheidung für eine kompromisslose Form der Wahrhaftigkeit. Zugleich öffnet sich ein Ort der Rettung, ein Stück Freiheit, die Möglichkeit jener „anderen Sprache“.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Viel bedeutet mir ihre Musikalität, ihre poetische Bildkraft und ihre philosophische Tiefe. Ihre Texte arbeiten mit Traumlogik, mit dem Unbewussten. Insofern verbindet sie Innenwelt und Weltgeschichte auf einzigartige Weise und macht Vulnerabilität zu einer Form des Wissens.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Als Literatin meiner Generation hätte ich Bachmann gesagt, dass sie mir Mut gemacht hat, nach jener hier mehrfach erwähnten eigenen, wahrhaftigen Sprache zu suchen. Ich würde wissen wollen, wie sie die heutige Sprachlandschaft sähe, wie sie über Liebe schreiben würde. Und: ob ihr die Utopie einer „anderen Sprache“ heute näher oder ferner läge. Vielleicht aber hätte ich ihr einfach gedankt — für die Hinweise auf die nötige Radikalität, das Wahrnehmen der Dünnhäutigkeit und das Postulieren jener Freiheit, die sie in die Literatur gebracht hat.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Seit einiger Zeit hält mich die Recherche für und die Arbeit an einem polyphonen Roman gefangen. Das Kernthema „transgenerationale Traumata“ — mit regionalem Fokus auf eine kleinräumige österreichische Landschaft — verbindet Individualschicksale mit kollektiver Erinnerungskultur. Die Zeitspanne zwischen 1950 und 1970 markiert das Aufeinandertreffen von Nachkriegsstille und gesellschaftlichem Aufbruch. In diesem Spannungsfeld interessiert mich, wie Verschweigen und Anderssein Räume prägen, die es gibt oder nicht gibt — auch im Sinne jener von Bachmann beschriebenen Zonen des Unsagbaren. Wo und wie entsteht Identität zwischen Erinnerung, Zuschreibung und dem, was unausgesprochen bleibt?
Darf ich abschließend um ein Bachmann-Zitat bitten?
„Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.“
(Quelle: Rede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden für Der gute Gott von Manhattan, 17. März 1959, Bundeshaus Bonn. Die Rede ist heute meist unter dem Titel „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ bekannt.)
Herzlichen Dank für das Interview!

Maria Lehner, Schriftstellerin_Wien
https://www.marialehnergemischtersatz.at/
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Foto: Maria Lehner _ privat.
Walter Pobaschnig 15.2.2026