
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Ruth Loosli, Schriftstellerin
Liebe Ruth, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann bin ich zeitlebens ausgewichen, ihrem Schmerz und Intellekt. Las hier und dort ein Gedicht, war bewegt bis zur Regungslosigkeit und musste wieder zu mir kommen. Deine Anfrage lässt mich erneut zu ihrem Werk greifen, zu ihren Gedichten. 2008 kaufte ich den Band „Sämtliche Gedichte“ anlässlich einer Hommage der Literarischen Vereinigung Winterthur. Da hatte ich hineingeschrieben: „Sämtliche Gedichte für 16 Franken 80 Rappen – ist das nicht ungeheuerlich?“ und „… ich erlaube mir wieder, Bücher zu kaufen!“
Das war meine Notiz am Anfang des Gedichtbandes – wohl als Erinnerung an die spätere Ruth, dass ich mir aus Geldgründen eine Zeitlang keine Bücher zu kaufen erlaubte. Das ist 18 Jahre her.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ihre Schärfe. Die Wucht ihrer Sprache. Der Schmerz, den sie mit seinen tausend verschiedenen Gesichtern benennen kann in tausend verschiedenen Bildern, Gerüchen, Anklängen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
In den Briefwechsel Bachmann/ Frisch „Wir haben es nicht gut gemacht“, herausgegeben von Thomas Strässle u.a. habe ich mich hineingestürzt und mehrere Nächte lang gelesen, geweint, weitergelesen. Es ist ein intensives Leseerlebnis, das mich erschütterte; zwei Menschen, die sich liebten, fanden und wieder auseinander(ge)trieben (wurden).
Aber auch das Buch „Wir müssen wahre Sätze finden“, Gespräche und Interviews mit Ingeborg Bachmann. (1953-1973). Ein Fundus!
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Bachmanns Werk war zukunftsweisend. Sie hat so vieles schon früh verstanden, erlebte jedoch wenig Fortschritt diesbezüglich. – Und gerade erleben wir erneut eine krasse Zeit des „Nicht-Wissens“, die es auszuhalten gilt. Gesellschaftlich scheint es lauter Rückschritte zu geben. Doch das *Neue* wächst leise heran, da bin ich mir sicher.
*Menschlichkeit. Eine friedvolle Welt für alle. Eine Welt, in der Kinder ihre Talente kennen- und ausdrücken lernen und diese auch als Erwachsene einbringen werden in eine neue Gesellschaft.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Auf eine bestimmte Weise kann man das so sehen, kann auch ich das so sehen. Doch wir schreiben nun das Jahr 2026 und es hat in den letzten Jahren so viele ermutigende Kollektive gegeben. Wo sich schreibende Menschen jenseits und so unabhängig wie möglich von Klischees und starren Regeln austauschen und ermutigen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich wäre wohl noch heute zu schüchtern, sie anzusprechen.
Und wenn ich den Mut fassen würde, würde ich fragen, ob ich sie am Zürichsee zu einem Kaffee einladen dürfte. (Welches ihr Lieblingscafé gewesen sei in ihren Monaten in und um Zürich).
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein Manuskript, ein Roman, an dem ich seit mehreren Jahren arbeite, zum Abschluss und Druck zu bringen. Und auch meine Gedichte warten darauf, überarbeitet und zu einem „Körper“ zusammengefügt zu werden für einen neuen Band – der letzte ist 2023 erschienen. Auch Schriftbilder entstehen, zurzeit kommen „Kleine Stickereien“, gestickt auf kostbares Papier (aus Wien!) dazu. Diese werde ich ab Frühjahr 2026 in der Galerie Weiertal in Winterthur zeigen dürfen.
Herzlichen Dank für das Interview!

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Portrait Ruth Loosli _ Ayse Yavas
Walter Pobaschnig 8.2.26