
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview_ Jayne-Ann Igel, Schriftstellerin, Künstlerin
Liebe Jayne-Ann, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Es sind vor allem ihre Gedichte, die mich gefesselt haben. Las sie in den siebziger Jahren, ist also schon lange her, aber immer noch eindrücklich dieser eigene, zwingende Ton. Harte Texte, auch desillusionierende, weil nichts beschönigende Gedichte mit Bezügen zu einer gerade einmal ein Jahrzehnt zurückliegenden Gegenwart, die von Krieg, Gewalt bestimmt war. Wer außer ihr schrieb in den 50er Jahren in solcher Rückhaltlosigkeit – Borchert vielleicht, einige aus der „Gruppe 47“, jedenfalls nicht viele in einer Zeit, wo man lieber zu vergessen trachtete, in was man verwickelt gewesen. Diesen Gedichten aus den 50ern, ihrem Ton, ihrer Verbindlichkeit vermag ich mich kaum zu entziehen, ihrer Gegenwärtigkeit. Sie erschüttern und berühren zugleich, in ihrer Sinnlichkeit – wenn ich heute ein Gedicht wie „Die gestundete Zeit“ wieder lese, und zugleich sie vortragen höre (Lyrikline). Diese Unausweichlichkeit lässt mich an eine Autorin wie Inge Müller denken, die von Kriegstraumata gezeichnet schrieb.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Es ist, wie oben gesagt, die Intensität, Unbedingtheit ihrer Texte, ihre Wort- und Sinngenauigkeit, das Analytische, das Sinnlichkeit nicht ausschließt. Und sie eröffnet, in Prosa wie Dichtung, oft ausgehend von vertrauten Topoi, neue, überraschende Perspektiven. Es ist eine famose Übersetzungsarbeit ins Literarische.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Unbedingt die ersten Gedichtbände: Die gestundete Zeit, Anrufung des Großen Bären, Undine geht, Malina.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden wie selbstzerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Interessant in diesem Zusammenhang finde ich ihre Beziehung mit Max Frisch (der Briefwechsel zwischen beiden wurde 2022 publiziert, Suhrkamp/Piper), die mir doch sehr ambivalent erscheint, widersprüchlich, weil auch da einfach tradierte Ansprüche an Rollenbilder hineinwirkten. Ingeborg Bachmann war eine emanzipierte Person, die solche überkommenen Geschlechterverhältnisse auch konterkarierte, sie kritisch sah, in einer Zeit, in der noch das tradierte Geschlechterverhältnis vorherrschte. Politik und Wirtschaft, aber auch das familiäre Leben von diesem Machtgefälle geprägt waren. Erste Erfolge der Frauenbewegung der 20er Jahre waren in der NS-Zeit gekappt und dem Krieg zum Opfer gefallen. Mich erinnert die Beziehung Bachmann/Frisch an andere Schriftsteller-Ehen, wie etwa die von Brigitte Reimann mit Siegried Pitschmann in den Sechzigern, die sich nach einigen Jahren wieder getrennt haben. Das hat nicht nur mit Geschlechterrollen zu tun, aber auch. Wir leben jetzt in Zeiten, in denen per se Gleichberechtigung herrscht, dennoch funktionieren die Rollenklischees immer noch, werden zum Teil neu belebt, sind die Strukturen beruflich und gesellschaftlich oft so, dass z.B. die Sorgearbeit immer noch mehr an den Frauen „hängen“ bleibt, die dann eher Teilzeit-Arbeit verrichten und/ oder auf Karrieren verzichten. Und im Zeichen von drohenden Kriegen, militärischer Aufrüstung reanimiert sich das patriarchalische Weltverständnis.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Da fehlen mir die Worte, sinnvoller ist es, wieder einmal ihre Gedichte, Romane und Erzählungen zu lesen, die ja immer noch von einer Aktualität sind, also leben.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Habe letztes Jahr einen Prosa-Text mit dem vorläufigen Titel „Die anderen Tage“ begonnen, handschriftlich, weiß noch nicht, wohin das führen wird, aber es geht um eine Person in den 70er/80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Erste Absätze habe ich schon mal in den Computer getippt – scheint was zu werden damit.
Darf ich abschließend zu einem persönlichen Bachmann Zitat/Text bitten?
„Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.“ (Ingeborg Bachmann _ aus dem Gedicht „Alle Tage“)
Herzlichen Dank für das Interview!

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Fotos: Portrait/Motive _ Jayne-Ann Igel.
Walter Pobaschnig 31.1.2026