
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Bocca de Leone, Rom, um 1970
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Christl Greller, Schriftstellerin
Zu Ingeborg Bachmann:
Sie ist mir seelisch fremd. Allein weil ich mir gedacht habe: Die wird so gehypt – da wird man neugierig, und ich habe viel von ihr gelesen, auch schon wieder vergessen. Sie hat es verstanden, sich mit einer Aura zu umgeben und stets die umschwärmte, aber unglücklich Liebende zu sein. Christine Lavant, Ilse Aichinger usw. sind ebenfalls berühmt geworden, aber eine Aura haben sie nicht verstanden sich zu geben.
Ist ihr Schreiben etwas Besonderes?
Ich weiß nicht, mir kommt es ziemlich normal vor. Sie beobachtet und beschreibt oft Gefühltes, Gefühle. Sie war eben ein gefühlvoller Mensch, das ist ok, aber das machen sehr viele Dichter/Dichterinnen, wenn nicht alle, zu einem gewissen Grad.
Am meisten hängen geblieben ist mir „Drei Wege zum See“, mit dem ich mich wirklich identifizieren konnte. „Malina“ habe ich auch z.T. in Erinnerung , als die Auseinandersetzung zwischen Emotionalität und Rationalität. „Die gestundete Zeit“ – wie häufig bei Gedichten gehen einem nicht alle zu, aber es waren schon welche dabei, die mich angesprochen haben. Seltsamerweise erinnere ich am meisten ein Gedicht mit Bezug auf Krieg, das mir völlig unlogisch schien. Näheres weiß ich aber nicht mehr.
Kritik der patriarchalen Gesellschaft:
War damals sehr mutig von ihr, umso mehr, als sie ja von den in der Literatur bestimmenden Männern abhängig war. Und das waren nur Männer, und sind es heute noch. Leider hat sich (erst) wenig geändert, und da rede ich keinem Männer-Bashing das Wort. Gerade gibt es auch wieder die Tendenz eines Rückschritts in der Anerkennung der Frauen.
Kunst als Martyrium:
Ich glaube, es gibt bei jeder Art von Kunst zwei Pole: Die Gestaltung aus überströmender Weltverbundenheit, Glück und Fülle. Und das Schaffen als Abkämpfen, Abarbeiten, Bewältigen negativer Einflüsse. Die Tendenz geht – meinem Gefühl nach – dzt. eher zu allem Negativen: Nacht, Winter, Schmerz, Leiden, Finsternis, Gewalt usw usw. Tatsache ist schon, dass Schreibende mit sich allein sind. Dichten ist kein Team-Play. Man muss sich den sozialen Austausch auf andere Weise verschaffen.
Gesagt / gefragt:
Da fällt mir nichts ein. Vielleicht, wenn ich mir ihr in längerem Gespräch wäre…
—————
Meine Projekte:
Da heuer der 270. Geburtstag Mozarts ist und sein 235. Todestag am 5. Dezember, möchte ich meine 53teiligen Mozart Lyrikzyklus zartART ein bisschen in den Focus rücken. Er wurde ja schon mehrfach im ORF gebracht, aber da ORF 1 so umgebaut wurde, weiß ich nicht, an wen ich mich da wenden kann. Vielleicht kannst du helfen. In Buchform heißt zartART „Donaustädter Mozartprojekt“, weil 2 weitere Künstler aus der Donaustadt Bilder und CD dazu kreiert haben.
Vor allem kümmere ich mich um die Bekanntmachung meines neuen Buches „TAGSÄTZE zur Nicht- oder Bewältigung. Poetische Notate“, habe wie erwähnt viele Lesungen. Und im Herbstprogramm soll mein neuer Erzählband „Zerkratzte Landschaft“ bei Edition Lex Liszt 12 herauskommen. Wenn da die Arbeit anfängt, hab ich für nichts anderes mehr Zeit.
An meinen Gedichten bin ich immer dran – wenngleich manchmal gebremst.
Ja – das wär’s für heute! Vielleicht für dich nicht so erwünscht, aber dafür ehrlich.
Ich möchte wiederholen, dass ich diese deine Arbeit für sehr wertvoll halte und bitte dich, dranzubleiben!
Herzlichen Dank für das Interview!

Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.
Foto: Christl Greller _ Renate Ritter
Walter Pobaschnig 26.1.2026