„eine eigentlich unmögliche Zeitlosigkeit“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Andreas Unterweger, Schriftsteller _ Graz 22.2.2026

Ingeborg Bachmann _ Andreas Unterweger

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann in ihrer Wohnung in Rom, Bocca de Leone,
um 1970

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Andreas Unterweger, Schriftsteller, Herausgeber der Literaturzeitschrift manuskripte_ Graz

Lieber Andreas, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

In meiner Jugend war Ingeborg Bachmann Teil des innersten literarischen Kanons – als eine der ganz wenigen Frauen. Tatsächlich war sie dermaßen kanonisiert, dass sie eigentlich gar nicht mehr als Autorin galt. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Exfreundin, das so begann: „Welche Frauen liest du? Und sag jetzt nicht Bachmann!“ Ich habe erst Jahre später verstanden, was sie damit gemeint haben könnte.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Ulrike Draesners Gedanken zum Überhang männlichen Sprechens in Bachmanns Arbeiten (etwa in Das dreißigste Jahr), auf die ich vor Kurzem in ihrem Essayband Schöne Frauen lesen gestoßen bin. Und ihre Wortschöpfungen „Ingemann“ und „Bachborg“.

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?

In den für mich beeindruckendsten Momenten erreicht Bachmanns Literatur eine eigentlich unmögliche Zeitlosigkeit. Ich meine damit einzelne Sätze oder auch ganze Gedichte, die den Eindruck erwecken, dass es sie „schon immer“ gegeben hat – vergleichbar etwa mit manchen Songs von Bob Dylan, die oft für Traditionals gehalten werden (Blowin‘ in the Wind, I shall be released, Knockin‘ on Heaven’s Door …).

Bei Bachmann entsprächen dem etwa Gedichte wie An die Sonne, Böhmen liegt am Meer, Anrufung des großen Bären, Wahrlich oder Erklär mir, Liebe. Einzelne Sätze oder Motive daraus scheinen mir ins kollektive österreichische Bewusstsein eingegangen zu sein. Ähnlich wie es auch mit Texten des praktisch gleich alten, aber doch so anders schreibenden Ernst Jandl geschehen ist.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Wie bei den meisten waren auch für mich die beiden populären Erzählbände Das dreißigste Jahr und Simultan, die sich in der Bibliothek meiner Eltern fanden, der Einstieg in das Werk Ingeborg Bachmanns. Drei Wege zum See führte mich zu Josef Roth und seinem Märchenslowenischen, bis heute einer meiner Lieblingsschriftsteller, eines meiner Lieblingsthemen.

Und ich erinnere mich, dass mir das Gedicht Reklame als 19- oder 20-jährigem aus der Seele sprach – oder eher in sie hinein. Inhaltlich ist dieser Text pure Avantgarde. Mehr als ein halbes Jahrhundert vor der Nomophobie (Angst, ohne Handy zu sein) stellt es die Gretchenfrage unserer Zeit: „was aber geschieht / […] wenn Totenstille // eintritt?“

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Diesen Aspekt habe ich erst lange nach den ersten Lektüren im vollen Ausmaß begriffen, und ich fürchte, dass die Vehemenz ihrer Kritik heute ebenso angebracht ist, wie sie es damals war.

Zum Glück wird sie in den Arbeiten vieler zeitgenössischer Schriftstellerinnen fortgesetzt, etwa in Hannah K Bründls Gedichtband schilfern (Ritter 2025).

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Das habe ich nie so gesehen, für mich ist das Schreiben, sobald es um den Akt an sich geht, eigentlich pure Freude. Natürlich gibt es Unangenehmes rundherum: das ständige Drübernachdenken (das etwa Hemingway strikt verbietet), dass man nicht genug Geld verdient, manche Kritiker*innen, die Rückenschmerzen … Aber ein „Martyrium“ sieht ganz anders aus, und Wörter wie „asozial“, „einsam“ oder „verdammt“ erinnern eher daran, wie sich z. B. an Depressionen leidende Menschen fühlen, ob sie nun schreiben oder nicht.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich hätte sie gefragt, ob sie den manuskripten bitte einen Text schicken möchte. Neben Thomas Bernhard ist Ingeborg Bachmann die einzige wirklich bedeutsame Stimme der österreichischen Literatur nach 1945, die nicht in unserer Zeitschrift publiziert hat.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Theoretisch schreibe ich an einem Buchessay über die Landschaft südlich von Graz und an einem neuen Gedichtband. In der Praxis stehen freilich jede Menge Auftragstexte an. Darunter ein Kurzessaypingpong mit der ungarischen Autorin Kinga Tóth für die Internationalen Literaturdialoge, ein Manifest mit Max Höfler für die kulturpolitische Notwehr-Plattform #kulturlandretten, ein literarischer Reisebericht über meine Lesereise nach Indien für die Reiseblog-Initiative des Außenministeriums, eine Marginalie für die manuskripte 251, utopische Gedichte für eine Anthologie des Gans Verlages, Variationen über Texte der französischen Renaissancedichterin Louise Labé für das Unabhängige Literaturhaus Niederösterreich, Übersetzungen aus dem Französischen von Salomé Baffrey, Laure Gauthier und Guillaume Métayer sowie Akrosticha für Literatur Outdoors. 😊

Herzlichen Dank für das Interview!

Andreas Unterweger, Schriftsteller,
Herausgeber der Literaturzeitschrift manuskripte_ Graz

Weblinks: https://andreasunterweger.wordpress.com/category/manuskripte/

http://www.andreasunterweger.at/

Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.

Foto: Andreas Unterweger _ Nikolaus Lackner.

Walter Pobaschnig, 1.2.26

https://literaturoutdoors.com

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