„eine Neukomposition von Sprache“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Harald Kappel, Schriftsteller _ Aachen 19.2.2026

Ingeborg Bachmann _ Harald Kappel

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann auf der Terrasse in ihrer Wohnung Bocca de Leone, Rom

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Harald Kappel, Schriftsteller

Lieber Harald, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ihre Lyrik ist hochmusikalisch. Es gibt Pausen, harte Schnitte, Rhythmisierungen, Wiederholungen. Man könnte sie auch als Partituren bezeichnen. Der Atem bricht an der richtigen Stelle und wird zum Widerstand gegen sich selbst.

Dies ist für mich nicht nur ein Zugang, denn mein letzter Gedichtband „KárKár“ basiert auf Onomatopoesie, Lauten und musikalischen Textrhythmen.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ihre Rolle als Verwüsterin des Inneren bei gleichzeitiger Neukomposition der Sprache.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

„Die gestundete Zeit“…weil man hier die Gedichte hören muss, um ihre Spannung, ihren Rhythmus und ihre Liedartigkeit zu fühlen.

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden wie selbstzerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Das Patriarchat tritt in ihren Texten als unsichtbare Gewalt auf. Ihre Sprache wird zu Tatorten. Es ist keine körperliche Gewalt notwendig, um Täter zu sein. M.E. hat sich bis heute in den meisten Ländern nicht allzu viel geändert. Manchmal scheint es sogar das Gegenteil zu sein.

In „Malina“, Ingeborg Bachmanns großen und einzigen Roman (1971), stehen Hell und Dunkel der Existenz, die Liebe „es ist immer Krieg“, wie die Traumata eines Landes in Erinnerung von Shoa, Weltkrieg im thematischen Vordergrund. Wie siehst Du ihren literarischen Zugang hier und wie müssen wir heute in Literatur und Existenz mit Geschichte umgehen?

Chronologien bestehen aus Lügen und werden von den Mächtigen für ihre Zwecke umgedeutet. Die Geschichte ist kein Hintergrund, sondern der Täter. Die Literatur muss weh tun, sie darf die Historie nicht beruhigen, weder die aktuelle, noch die vergangene und auch nicht die zukünftige.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Wenn ich ihre Gedichte nachspreche, verändert sich meine Stimme.

Und warum hat ihnen das Lieben so weh getan? Warum?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich habe einen neuen Gedichtband abgeschlossen, der zur Leipziger Buchmesse 2027 im wunderbaren kul-ja!publishing Verlag erscheint.

Ein kleines Kinderbuch ist letzte Woche fertig geworden und begibt sich (hoffentlich) auch auf eine literarische Reise…und ganz aktuell arbeite ich an einem Roman, der meine Gedanken sehr beschäftigt. (…es geht um Raum und Zeit, das Ich und das Verschwinden…)

Darf ich abschließend zu einem persönlichen Bachmann Zitat/Text bitten? Dann natürlich:

„Ich weiß nicht, wer ich bin, ich weiß nur, dass ich verschwinde.“

Herzlichen Dank für das Interview!

Harald Kappel, Schriftsteller

Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze.

Foto: Harald Kappel _ Künstlerin „Márti“

Walter Pobaschnig   3.2.2026

https://literaturoutdoors.com

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