„kraftvoll und fragil zugleich“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Gero Ulbricht, Schriftsteller, Künstler _ Berlin 12.2.2026

Ingeborg Bachmann _ Gero Ulbricht

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Gero Ulbricht, Schriftsteller, Künstler

Lieber Gero, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ich habe erst in meinen reiferen Lebensjahren mit der Literatur Ingeborg Bachmanns Kontakt aufgenommen, was in verschiedenen Ursachen begründet ist. Für mich erschließt sich hier ein großer Fundus an Gedanken zum eigenen künstlerischen Weg, welcher jedoch noch jung ist an Ideen, die sich langsam schälen und entwickeln. Antiquarische Buchausgaben, reich an Jahren, füllen die Bibliothek, immer in Reichweite, um darin die Schätze an Gedanken und Sprache zu entdecken und zu ergründen.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Für mich sind es solche Sätze wie: “Eine Sonnenlache schwimmt in seinem Zimmer.“, poetisch im Bild. Ihre Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Themen, wie Vorurteile, Recht und Unrecht, zum Thema Freiheit regen zum eigenen Denken und Überdenken an. Die Komplexität und Intensität ihres Schreibens ist eine intellektuelle Herausforderung, kraftvoll und fragil zugleich.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Ich kann mich, auch des späten Zuganges wegen, nicht festlegen, welches Werk ich hervorheben sollte. Die Lyrik ergreift mich beim Lesen und Ingeborg Bachmanns Erzählungen geben mir viel Raum für eigene Gedanken und zur Sprache.

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Wir leben im 21. Jahrhundert, sollten aufgeklärt sein über ein Miteinander in unseren Gesellschaften. Täglich erreichen uns Nachrichten aus vielen Teilen dieser Welt, wo das noch nicht angekommen scheint. Kriege, Femizide, Clankriminalität usw.  – immer wieder von Männern verursacht. Trotzdem möchte ich entgegenhalten, es änderts sich vieles und hat sich vieles geändert. Es ist seltsam wie sehr sich die Verrohung in Sprache und die Gewalt sich  im Miteinander wieder durchsetzen. Wir waren m.E. schon ein weiter und lassen es erneut zu, dass Menschen und ganze Menschengruppen dieser Verrohung und Gewalt ausgesetzt sind. Ingeborg Bachmanns Kritik hat viel Anstoß gegeben, um sich thematisch mit der patriarchalen Welt auseinanderzusetzen. Ihre Kritik ist aktuell! Das scheint mir ein unendliches Thema zu sein, welches sich nur gemeinschaftlich und in einem noch lange währenden Prozess verdünnen wird, jedoch niemals auflösen. Es ist an uns, dass wir uns weiterhin damit auseinanderzusetzen, die Dinge, die Verantwortungsträger und uns selbst infrage zu stellen, Antworten zu finden und dafür zu sorgen, dass uns die Menschlichkeit nicht vollends abhandenkommt.

Gero Ulbricht _ „Die Auseinandersetzung zum Thema Krieg und Umweltzerstörung als Auswirkung patriarchaler Machtstrukturen in der menschlichen Gesellschaft. Das Überleben der Spezies Mensch als kleiner Teil im Gefüge dieses Planeten wird infrage gestellt.

„Krieg und Frieden“ (für Olesya Dzhuraeva)
Collage 2022, Format A4


Beteiligung an einer Ausstellung für die ukrainische Künstlerin Olesya Dzhuraeva als Bekundung der Solidarität mit der Künstlerin und dem Volk der Ukraine anlässlich des verbrecherischen Überfall Russlands am 24.02.2022


Bild&Text _ Gero Ulbricht, folgende
„I never give up hope“
Schnitt auf Forex-Kunststoff 2023, Format A4
Beteiligung an Body & Soul 41,

Corvinus Presse Berlin zum Thema „I will survive“

Im Motiv die Auseinandersetzung zu Mensch-Industrie-Natur, den Folgen dieses Wechselspieles für das Überleben des Menschen in der Hoffnung eines Überdenkens der Rolle des Menschen in seiner Vergangenheit und einer zukünftigen Entwicklung zu mehr Verständnis und Nachhaltigkeit seines Umgangs mit den Ressourcen des Planeten Erde und gesteigerter Achtsamkeit gegenüber der Fauna und Flora
„Überleben“
Schnitt auf Forex-Kunststoff 2023, Format A4
Beteiligung an Body & Soul 41,

Corvinus Presse Berlin zum Thema „I will survive“
 
In dieser zweiten Arbeit zur Thematik des Umgangs des Menschen mit der Natur wird seitens des Künstlers die These aufgestellt, dass der Mensch den „Kampf gegen die Natur“ nicht gewinnen kann, sondern sich als ein Teil dieser Natur stellen muss, um zu überleben.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Ich kann hier nur für mich sprechen. In meinem persönlichen künstlerischen Wirken begegne ich dem Martyrium der gegenwärtigen Zeit, dem bloßen Funktionieren, der Zerstörungen und Ignoranz. Mir gibt die Kunst in all ihren Formen einen Sinn und Halt, sie rettet mich. Im Prozess des Schreibens oder am Bearbeiten eines Bildes bin ich auf mich gestellt und vertiefe mich in die Zeit. Einsam erscheint mir das nicht zu sein. Ich leiste mir den Luxus von Pausen, ein Broterwerb sichert mein Leben. Wenn Kunst mir zum Martyrium wird höre ich damit auf!

Gero Ulbricht _ „Das Martyrium heißt Funktionieren, in und mit der Masse, die Individualität schwindet, die Zeit fließt gnadenlos davon und es bleiben kaum noch Orte des Rückzugs. Die emotionale Kälte in der Gesellschaft erhält Zuwachs.

„Martyrium“
Schnitt auf Forex-Kunststoff 2024, Format 50 x 60 cm
 
Auseinandersetzung mit den Zwängen des bloßen Funktionierens in der menschlichen Gesellschaft, dem gnadenlosen Fluss der Zeit in beengter „Großstadtidylle“ und dem Fehlen des Blickes für die Schönheiten, welche die Menschen umgeben. Das Göttliche und Mystische verfliegt, während es für die meisten Menschen in ihren Gesellschaften kein Entrinnen gibt.


Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich hatte ihr für ihre Lyrik, ihre Erzählungen und Gedanken gedankt.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich plane, mich thematisch für einen Bildzyklus zu entscheiden. Geplant ist ein dritter Gedichtband mit eigenen Illustrationen. Einen Anfang dazu habe ich bereits gemacht.

Vielen Dank für die Möglichkeit, mich diesen Fragen stellen zu dürfen.

Herzlichen Dank für das Interview!

Gero Ulbricht, Schriftsteller, Künstler

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann

Fotos: Gero Ulbricht/Portrait-Kunstwerke _ privat.

Walter Pobaschnig   29.1.2026

https://literaturoutdoors.com

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