
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Franzobel, Schriftsteller
100.Geburtstag von Ingeborg Bachmann – was macht für Dich das Besondere Ihres Schreibens aus?
Gibt es das? Böse gesagt, ist die Lyrik nicht herausragend, um nicht zu sagen banal, und die Prosa prätentiös. Verglichen mit der Lavant oder der Mayröcker sind ihre Gedichte bieder. Und der vielgelobte Roman Malina ist verquaste Prosa ohne Spannung.
Aber es gibt auch eine Unbedingtheit und Unmittelbarkeit in der Sprache, die fasziniert, weil man das Ringen um Wahrhaftigkeit spürt, das Kämpfen um den richtigen Ausdruck, den Willen zur Schönheit. Das Phänomen Bachmann hängt an ihrer Person, ihrer unbedingten Suche nach Liebe. Weigel, Celan, Henze, Frisch, Enzensberger, … sie hat niemanden ausgelassen, der bei drei nicht auf den Bäumen war.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich finde die Briefwechsel mit Celan und Frisch am interessantesten.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Die Bachmann war das erste IT-Girl der Nachkriegsliteratur, ein erstes Fräuleinwunder, mit allen Nachteilen, als sie älter wurde. Der Literaturbetrieb war damals komplett in Männerhand, geprägt von machoiden Rollenbildern. Heute hat sich das gedreht, wird man als alter weißer Mann benachteiligt, was ich persönlich jetzt nicht so prickelnd finde.

August/1954, Foto: Herbert LIst
Die Welt wird natürlich noch immer von Männern an Abgründe geführt, was auch nicht toll ist. Aktuell tanzen wir noch auf dem Vulkan, aber das Brodeln der heißen Lava ist schon zu spüren, die giftigen Dämpfe sind bereits in der Luft.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in einer Vorlesung. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich empfinde das nicht so drastisch. Natürlich gibt es Momente des Zweifels, Phasen, in denen die Diskrepanz zwischen Wollen und Ungenügen einen fast zerreißt. Hinzu kommt, dass man als Schriftsteller sein Werk nie wirklich beurteilen kann. Ein Maler tritt vor sein Bild, ein Komponist kann sich im Konzertsaal zurücklehnen, aber als Romanautor braucht man Tage, um das Geschriebene überhaupt nur zu lesen.
Schreiben ist zeitintensiv, extrem fordernd, sozialen Kontakten eher abträglich, aber es gibt auch das Glück der Stimmigkeit, wenn sich Stoffe und Motive zu einem Ganzen fügen, etwas funktioniert, das so nicht geplant war, man vom Material belohnt, Sprache lebendig wird.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Bestimmt etwas Banales. Vielleicht nach ihrem Lieblingsort in Rom. Sie muss faszinierend und inspirierend gewesen sein. Sehr intensiv. Eine Affäre hätte ich schon gerne gehabt mit ihr, aber das ist sich nicht ganz ausgegangen. Obwohl? Vor ein paar Tagen hat jemand zu meiner Freundin gesagt, dass sie ausschaut wie die Bachmann …
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Gerade arbeite ich an einem sehr heiklen, schwierigen, aber auch interessanten Projekt – einem Roman über den Nationalsozialismus aus Sicht der Eva Braun. Ein Buch, das ich vielleicht gar nicht schreiben will, aber muss, weil es angesichts der überall aus dem Kraut schießenden Faschisten notwendig ist, um das langsame Abgleiten in den Wahnsinn nachvollziehen zu können.
Danach kommt ein historischer Abenteuerroman, und zwischendrin erscheint aktuell noch eine kleine witzige Kulturgeschichte des Klos.
Herzlichen Dank für das Interview!

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Foto: Franzobel _ Walter Pobaschnig im Prater/Wien 5/2022.
Walter Pobaschnig 8.2.2026