„die Lauten und ihre Behauptungen stehlen uns die Zeit“ Lojze Wieser, Verleger _ Klagenfurt 8.2.2026

Lieber Lojze, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach dem Aufstehen ein Häferl warmes Wasser, danach kommt der Kaffee, dazwischen eine Suppe oder ein Müsli, Zeitungen durchblättern, dann die Mails durchsehen und beantworten; waschen, anziehen oder, wenn Dringendes ruft, am Laptop das Dringende erledigen. Es drängt sich, zwei Jahre nach der aktiven Verlegerzeit, immer noch Einiges auf. Vorarbeiten dazu finden nächtens, in den Phasen des Munterseins, am Samsung statt. Weiters Recherchieren, Organisatorisches das Archiv betreffend erledigen. Der Vormittag wird mit diesen Dingen verbracht. Mit Barbara gemeinsam Mittagessen kochen und essen. Danach ein wenig ruhen. Luft schnappen, Heimtrainer für eine halbe bis dreiviertel Stunde treten, später noch Chi Gong Übungen. Ab späterem Nachmittag lesen und schreiben. Nachrichten schauen. Film im TV finden. Ein Glas Wein trinken. Im Bett wieder lesen. Schlafen, meist unruhig, in der Nacht ein bis zweimal zum Klo wanken. Zwischen sieben und halb acht aufstehen. Nach dem Aufstehen – siehe oben.  

Lojze Wieser, Verleger

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für uns? Kann ich das so überhaupt sagen, wo ich im Selbstzweifel nicht einmal über die Geschehnisse der Zeit für mich nicht immer weiß, was wichtig ist. Vieles erscheint zeitgleich und ist laut und man hat das Gefühl, dass sich nur die Lauten und ihre Behauptungen durchsetzen. Sie stehlen uns die Zeit, darüber nachzudenken, was tatsächlich vorgeht und auf uns zukommt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst: Beobachten, Notieren, Finden, (Be)fragen, Ausloten …

Was liest Du derzeit?

Ivan Cankar, Na klancu; Peter Handke, Ponovitev slowenische Ausgabe, 1988 (Die Wiederholung), und Innere Dialoge an den Rändern, 2016 – 2021; Dimitré Dinev, Zeit der Mutigen; Eveline Hasler, Ibicaba; Carlo Levi, Christus kam nur bis Eboli; France Prešeren, Pesmi (Gedichte); »Lesezirkel« der Wiener Zeitung aus dem Jahre 1987 und historische Kochbücher.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich zitiere hier aus der Vorlesung einen entlegenen Satz von Ingeborg Bachmann („Umgang mit Namen“, nach Sigrid Weigel, Ingeborg Bachmann, Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses, Wien 1999). Im Zauberatlas ihrer Welt spielt das Galizien der K & K-Monarchie hinein. Als Synonym für Mehrsprachigkeit, das auch ihr Schreiben seit den Anfängen im Honditschkreuz, als 17jährige, begleitet, die sie in ihren Figuren – wie in Das Buch Franza – auferstehen lässt. Im Interview, nach Reisen durch Osteuropa (Prag 1964, Polen Mai 1973, Auschwitz und Birkenau) findet sie sich gewissermaßen wieder:

„Ich war vor kurzem in Polen, zum ersten Mal habe ich wieder bemerkt, wo ich hingehöre. Denn ich bin ja eine Slawin und Slawen sind anders (…)“. (Weigel, in: Elisabeth Soos, Ingeborg Bachmann und das Gailtal, S. 318)

Gerade im Gedicht Prag Jänner 1964 findet sich dieses Hingehören.

„Seit jener Nacht / gehe ich und spreche ich wieder, / böhmisch klingt es, / als wäre ich wieder zu Hause, // wo zwischen der Moldau, der Donau / und meinem Kindheitsfluß / alles einen Begriff von mir hat.“

Lojze Wieser, Verleger

Vielen Dank für das Interview, lieber Lojze, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen: Lojze Wieser, Verleger

Zur Person/über mich:  Lojze (Alois) Wieser, * 9. Juni 1954 Klagenfurt, Verleger.

Biografie

Wieser wuchs im Südkärntner Ort Tschachoritsch (Čahorče), Teil der zweisprachigen Gemeinde Köttmannsdorf (Kotmara vas) auf. Nach der Volksschule besuchte er das slowenische Gymnasium in Klagenfurt. In weiterer Folge absolvierte er eine Buchhandelslehre und gründete eine eigene Druckerei in Wien. Von 1981 bis 1986 leitete der Kärntner Slowene den Drava Verlag, der sich auf slowenische Bücher bzw. Übersetzungen slowenischer Literatur ins Deutsche spezialisierte. 1987 gründete er den Wieser Verlag, den er bis 2024 leitete. 2016 übernahm dieser auch den Drava Verlag.

Ausgehend von der Überzeugung, dass Literatur Vorurteile abbauen und Brücken zwischen Kulturen errichten kann, begann er, slowenische, kroatische, serbische, albanische, bulgarische, rumänische, ungarische, tschechische, slowakische und polnische Belletristik in deutschen Übersetzungen zu publizieren und damit fremdsprachige Klassiker im deutschen Sprachraum bekanntzumachen. Er begründete die Reihen „Europa erlesen“, das Kulinarikjournal „Der Geschmack Europas“ und die „Wieser Enzyklopädie des Europäischen Ostens“. Laut Verlagswebsite verlegte Wieser fast 1.000 Werke, darunter rund 350 Übersetzungen aus dem ostmittel- und südosteuropäischen Raum. Er ist selbst Autor und Herausgeber einer Vielzahl an Publikationen zur Kultur im weitesten Sinn (inklusive der Kulinarik).

Von 2013 bis 2024 betrieb Lojze Wieser in ORF und 3sat die eigene Sendereihe „Der Geschmack Europas“. In deren Rahmen er durch europäische Länder und deren Küchen streift, auf außergewöhnliche Menschen trifft und unerwartete Blicke auf Geschichte und Kultur Europas eröffnet. Er zehrt aus eigenen Reiseerfahrungen, erforscht kulturgeschichtliche Hintergründe, gewürzt mit Anekdoten eines weitgereisten Feinschmeckers und Hobbykochs.

Für seine Verdienste um die Kultur-, insbesondere Literaturvermittlung, wurden der Verleger und seine Werke mehrfach ausgezeichnet. Wieser war aber auch das Ziel von Morddrohungen und Anschlägen. 1994 war er einer der Adressaten einer von Franz Fuchs im Zuge dessen Anschlagserie verschickten Briefbombe.

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Lojze_Wieser 3.2,.2026

Weblink

Wieser Verlag: https://www.wieser-verlag.com/verlag/

Foto: 1 Mayü Belba; 2 Robert Lachowitz Archiv Wieser 2021.

29.1.2026_Interview_Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com

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