„Ein Denken über jedes Denken hinaus!“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Miriam Brümmer, Schriftstellerin _ Freiburg/D 6.2.2026

Ingeborg Bachmann _ Miriam Brümmer

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962 _ Heinz Bachmann

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _  Miriam Brümmer, Schriftstellerin

Liebe Miriam, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Meine ersten Berührungen mit ihrem Werk waren, meiner eigenen Suche geschuldet, die mir alles abverlangte, unzureichend tief und umfangreich. Als schon früh lyrikaffin, bekam ich zunächst die „gesammelten Werke“ ihrer Lyrik in die Hand, die mich sehr beeindruckt haben. Im Besonderen die Schwere der Themen, die umfassend große Bildung, aber auch die Klarheit und der Rhythmus der Sprache, haben mich bewegt, so sehr, dass ich Mühe hatte, mich daneben zu finden. (Ich habe schon sehr früh zu schreiben begonnen, war aber noch ohne Spiegel.) Das haben andere Dichterinnen wie z.B. Else Lasker – Schüler, Mascha Kaléko oder Rose Ausländer, die ich möglicherweise emotional schneller zugänglich empfand, nicht in dieser Weise ausgelöst. Vielleicht war es dieses „Große“, dass mein eigenes Schaffen in Frage stellte.

Später habe ich den Briefwechsel mit Paul Celan gelesen, der mich oft bedrückt zurückließ, ob diesem typisch weiblichen Bemühen um den Mann, der sich, wiewohl er Ingeborg ja sehr liebte, einfach doch „nach hinten lehnte“, aus meiner Sicht immer wieder unzureichend Antwort gab. Ein Merkmal, das ich noch immer überaus verbreitet finde, welches die weibliche und männliche Kommunikation maßgeblich und weitreichend unterscheidet.

(Ich kann kaum sagen, wie oft ich erfahren habe, dass Männer nicht genau antworten, sich nicht die Mühe machen, genau zu lesen, als solle ich mir  meinen Teil dazu denken oder wieder und wieder nachfragen. Auch ein Zeichen dazu wie zum Beispiel einen herzlichen Gruß, scheinen sie für überflüssig zu halten…Da kann man auf  den sozialen Medien bis zur Erschöpfung fündig  werden.  Auch ist man natürlich weniger angreifbar, wenn man Herzlichkeit rauslässt..Es lässt mich wieder und wieder sprachlos zurück. Wie oft musste ich erleben, dass jede konkrete Bitte, Fragen, denen Antwort fehlte, nur dazu führten, dass sich das männliche Geschlecht empfindsam zurück zog oder sich noch mehr nach hinten lehnte…)

Auch zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, dieser besonderen Konstellation zweier Dichterpersönlichkeiten, gab es viel Hin und Her, was möglicherweise auch dem geschichtlichen Hintergrund geschuldet ist. Wie weit das Thema Schuld und mögliche Wiedergutmachung von Ingeborg Bachmann, dem Wissen, dass ihr eigener Vater mit den Nazis kooperierte, und Paul Celan seine jüdische Familie im Krieg verlor, hineinspielte, ist nicht eindeutig zu beantworten, aber sicher war diese Tatsache von Bedeutung.

Später habe ich mir die Werke von Ingeborg Bachmann, wie z.B. das dreißigste Jahr, den Roman Malina, ihre Biografie und den Briefwechsel mit Max Frisch, wieder dem Mangel an Zeit geschuldet, meist in Form von Hörbüchern, erschlossen.

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?

Sicher ist ihre Sprache, im Besonderen die ihrer Lyrik, die Klarheit hier, der Klang, Rhythmus, ihre großartigen Mataphern, aber auch ihre umfassende Bildung  verschiedenster Bereiche aus Politik, Philosophie, Psychologie, Mythologie und Geschichte, zeitlos, einzigartig und unverkennbar. Für mich hat sie, neben aller emotionalen Tiefe, eine Wortstrenge und etwas fast „Sachliches“. Es wundert mich daher nicht, dass Ingeborg Bachmann später im Kontext der Figur von Malina bemerkte, „sie habe immer gewusst, dass sie aus der männlichen Sicht schreiben muss“. In dem Roman Malina empfinde ich eine fast grenzenlose Freiheit, eine Direktheit, eine Wucht und Fantasie der Sprache, die hier den Kampf der Geschlechter zur Sprache kommen lässt, die einzigartig und überraschend zeitlos ist.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Neben den besonderen lyrischen Werken wie “Die große Fracht, die gestundete Zeit, Erklär mir Liebe“ und „Böhmen liegt am Meer“, die vermutlich bekanntesten Gedichte, möchte ich im Wesentlichen auf den Roman „Malina“ eingehen. Dieses Werk hat eine derart aktuell bedeutsame Thematik, dass es fast ein wenig „seherisch“ anmuten könnte. Ingeborg Bachmann hat darin ihr Ich zwei Personen verschrieben, dem männlichen Malina und dem weiblichen Ich, das sich zu Ivan bis zur Selbstaufgabe hingezogen fühlt. „Ich habe in Ivan gelebt und sterbe in Malina“, (der ansich alle Voraussetzungen der Nüchternheit und damit der Contenance, für einen guten Stand und ein Überleben in der Welt, hatte), heißt es an einer Stelle gegen Ende des Buches. Das Doppelgängermotiv von männlicher und weiblicher Identität, integriert in einer Person, war, ist vielleicht, noch immer ein Novum.

Es stellte sich also schon dort die Frage, inwieweit wir eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind, inwieweit dieses gesellschaftlich, obligatorisch existiert und wie ich als Frau darauf reagieren kann, in einer von Männern dominierten Welt, in der Ingeborg Bachmann schon damals, mehr noch als heute, zu Ansehen gelangte und sich zu behaupten versuchte.

Auch im Gedicht „Die gestundete Zeit“ geht Ingeborg Bachmann auf die „Waffe“ sowie ihrer tiefen Verwundung der Männer ein, mit dem Satz „und willigt dem Abschied nach jeder Umarmung“.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Wiewohl ich grundsätzlich vorsichtig mit Verallgemeinerungen und Zuschreibungen bin, wird allein an der aktuellen männlichen Führung der Weltmächte die Brisanz und Aktualität einer in höchstem Maß patriarchal orientierten Welt deutlich. Es hat den Anschein, dass sie, die Präsidenten, die Männer, die Patriarchen, wie auf einer großen Spielwiese toben, als ginge es einfach um Macht und Anerkennung, denn zu lieben hieße fühlen, hieße emotionales Risiko, nicht sicher sein zu können, in dieser Auslieferung und möglichen Abhängigkeit, hieße sich mit:teilen zu müssen, ein Miteinander nicht ein „Dagegen“, sondern ein Füreinander, ein Leben in Verbundenheit.

Hier ist möglicherweise weit auszuholen, auch wie evolutionär geprägt die Geschichte ist, dass es Jahrhunderte die Männer waren, die in Kriege zogen, lernten „Muskeln zu zeigen“ oder gar jagen gingen.

Inwieweit das in den Genen steckt, weiß ich nicht, aber wesentliche Wirkung  haben diese Bilder wohl noch immer, auch in der Hilflosigkeit mancher junger Männer heute, neue Bilder oder überhaupt eine Geschlechtsidentität zu finden, siehe auch die gesamte Transgender-Thematik.

Frauen verloren sich in der Liebe, wurden Opfer ihrer Abhängigkeit. Davon gibt es ebenso viele Filme, Mythen und Märchen. Real, rein physisch, biologisch betrachtet, tragen sie innen. 

Der Mann gibt ab, kann gehen ohne Verantwortung zu tragen. Männer, die verletzt sind, und das sind sie meiner Meinung nach meist sehr viel massiver, als Frauen sich das leisten (können), da sie nicht lernten mit ihren Gefühlen umzugehen, Worte zu finden, sich zu zeigen, in die Not zu brauchen zu kommen, zerstören, wollen durch Macht, (am besten über ganze Kontinente, die verletzte) Eitelkeit befrieden. Das ist ein Drama, noch immer.

In Malina gibt es in der Figur des Vaters, den Despoten. Er ist die alles dominierende Autorität, die wir alle haben, der Familien- und Ehetyrann, der Prediger, der Therapeut usw. Er ist die universelle Autorität, die ihre Macht missbraucht. In Albträumen erlebt das Ich in dem Roman Malina auf mannigfache Weise diese Zerstörung neu. Ivan sieht sie nicht, ist mit sich zu beschäftigt, um seine seelische Verwundung/Verwundbarkeit mit Liebschaft und Abwesenheit zu bekämpfen.

Die weiblich, emotionale Seite, (Intelligenz) hat dort, wie heute, keinen oder nur einen äußerst unzureichenden Platz in der Gesellschaft. Das Ich verschwindet in der Wand. „Es war Mord“, so der letzte Satz im Roman.

Malina ist auch ein utopischer Liebesroman. Es heißt dort wiederkehrend: „Ein Tag wird kommen! Menschen werden eine Freiheit über die Maßen erleben, eine Freiheit, die größer ist als jede Vorstellung davon.“

Malina ist mit seiner gesamten Thematik, ein hochaktueller Roman, selbst wenn der Vater in den Träumen des Romans in die Gaskammer schickte. (Explizit geht es um den 2. Weltkrieg und Nationalsozialismus, sowie hier die Tatsache, dass der Vater von Ingeborg Bachmann in der NSDAP Mitglied war.) Auch dieser Aspekt, der Faschismus, ist heute, im Zuge der weltweiten Flüchtlings- und Migrationsproblematik und der Frage, der Ausländerfeindlichkeit, wieder zentral.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?                                                                                   

Das ist eine bedeutsame und interessante Fragestellung, für die es wohl nur eine subjektive Antwort gibt, die ich aber gerne wage.

Unter dem Aspekt, dass Ingeborg Bachmann sicher einen Weg suchte, dem Patriarchat zu entkommen, ihm die Stirn zu bieten und mit Paul Celan, wie auch Max Frisch auf zeitgeschichtlich, noch stark vom Patriarchat beeinflusste Männer traf, die ihre Waffe des emotionalen Entzugs, der Flucht in die Arme von Geliebten usw. einsetzten, sowie ihre bahnbrechende Literatur in der Kritik einer Männerherrschaft standhalten musste, der sie sich zu entziehen versuchte, ist es sicher auch ein persönlicher Anteil, mit welchem sie beteiligt war.

Auch sie nahm sich Geliebte ( während der Beziehung zu Max Frisch). Sie wollte nicht heiraten und doch schien sie sich haltloser, intensiver in diese Beziehung hinein zu begeben, an der sie, auch bedingt ( und dieser Tatsache wird m.E. viel zu wenig Beachtung geschenkt!, ) durch einen Schwangerschaftsabbruch, mit gravierenden Folgen einer Gebärmutterentfernung, den sie schlichtweg nicht verkraftet hat. Sie hat gearbeitet bis zur totalen Erschöpfung, vermutlich als ihre Art, diesem hochgradig physischen und emotionalen Trauma zu entkommen. Daher ist es schwer, eine grundsätzliche Antwort auf die Frage des Martyriums des Autorenlebens zu geben. Aber zugegeben sind auch meine, mir am größten erscheinenden Gedichte durch sehr große Erfahrungen (v.a. auch von Leid) entstanden.

Wenn ich als Leser*in bewegt bin, dann von großen Stoffen, die über das Alltägliche hinaus relevant, im Grunde mindestens Fragestellungen der Mythologie und Philosophie, Psychologie u.a.m. bearbeiten und so ein Zugewinn sind.

Und schließlich sind Schriftsteller*innen Denker*innen, d.h. sie lassen sich nicht in Uniformen pressen, denken über jedes Denken hinaus! Damit haben sie nicht nur Freunde, suchen im besten Fall wieder und wieder nach „der Wahrheit“…

Ein Zitat von Bachmann ist auch: „Ich glaube, ich bin unheilbar einzelgängerisch, im Grund.“ Es erfordert viel, einer derart großen Bildung und Persönlichkeit „das Wasser zu reichen“.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Gehe immer diesen einen Schritt über die Idee von dir (und des Martyriums) hinaus! Glaube daran, dass du genug bist, dass du es wert bist, gesund zu leben, wer immer zu klein war, dich zu lieben!

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Neben der Tatsache, dass ich mein Geld nicht mit der Lyrik, dem Schreiben (und Sprechen) verdiene, was ich sehr bedaure, denn sie macht mit einem Dreiviertel meiner Arbeit meine eigentliche Beschäftigung, meine eigentliche Identität aus, muss ich meine Existenz beschreiten. Ich schreibe, wenn machbar, täglich an weiteren Gedichten, beteilige mich an Ausschreibungen, habe Lesungen und Zusammenkünfte, wie z.B. die Bieler Gespräche, Lyriker*innentreffen u.a.m.

Mein Hauptansinnen ist längst ein nächstes Buch( der Titel ist auch schon klar) und ggf. eine Biografie. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation werden diese Vorhaben jedoch vermutlich noch beträchtlich lang meine Geduld fordern. Ich wünsche mir sehr viel mehr Zusammenkünfte in Form von Lesungen usw. mit Autor*innen, die mich intellektuell und emotional bereichern.

Herzlichen Dank für das Interview!

Ich danke auch von Herzen für diese bereichernde Beschäftigung mit einer so bedeutenden Person und Thematik, lieber Walter!

Miriam Brümmer, Schriftstellerin

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.

Fotos: Miriam Brümmer: privat.

Walter Pobaschnig   1_26

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