„Eine Wildnis an Ursprung und Nachhaltigkeit von Sprache“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Susanne Sommer, Schriftstellerin _ Mörbisch/See/Bgld. 1.2.2026

Ingeborg Bachmann _Susanne Sommer
Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _  Susanne Sommer, Schriftstellerin, Januar 2026

Liebe Susanne, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ingeborg Bachmann bin ich zuerst in der Schule im Unterricht begegnet. In lyrischer Form. In der Schule konnte keine rechte Verbindung zur Poesie entstehen. Zwischen Interpretationen und Benotung gehen die wahren Berührungspunkte verloren. Ich selbst ließ mir aber die Flamme, die Ingeborg Bachmanns Worte in mir entzündet hatte, nicht auslöschen. In meiner Studienzeit kam ich ihr, ihren Worten und mir selbst dann auf tiefere Weise näher. Und las auch ihren Roman „Malina“ und ihre Erzählung „Undine geht“. In mir blieben damals viele Fragen. Fragen, die ich Ingeborg Bachmann, Malina, Ivan, Udine, Hans und „den Menschen“ gerne gestellt hätte. Es brauchte ein Reifen in mir. Ein Reifen hin zu mir selbst. Mehr und mehr. Um immer tiefer in Ingeborg Bachmanns Schreiben, Beschreiben, Aufschreiben, Wortuniversenschreiben einzutauchen. Um es zu durchdringen. Nicht als Schablone anderer Menschen. Sondern als Susanne Sommer mit ihren hauteigenen Erfahrungen. Je mehr ich der Frau zuwachse, die ich bin, umso mehr wachse ich auch Ingeborg Bachmanns Sein und Tun zu. In bewusst gewählten Abständen lese ich ihre Gedichte, Erzählungen, Essays heute regelmäßig. Entdecke immer wieder Neues. Verstehe, begreife tiefer – aus mir heraus. Bin berührt, fasziniert, inspiriert, dankbar. Sprache als DAS zentrale Thema unter uns Menschen – ja, so ist es, kann und möchte ich dazu nur sagen.

Susanne Sommer _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien, folgende

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Für mich ist Ingeborg Bachmanns Schreiben ein Eintauchen in einen unendlich tiefen Ozean aus Worten und Beobachtungen. Nichts erscheint zufällig. Ein organisches Ökosystem. Eine Wildnis an Ursprung und Nachhaltigkeit. Eine Schöpfung. Ihre Art zu schreiben, hat für mich etwas Soghaftes. Die Rhythmik, die Bildhaftigkeit, die Lebendigkeit nimmt mich mit. Webt mich ein in einen Wortteppich aus Kraft. Ich werde entführt, gepackt, gerissen in eine Welt voll Detail, voll Gesellschaft, Geschichte und Mensch. Ich gerate in ein Klanggewebe, das ich am liebsten mit meinen Lippen, meiner Stimme selbst in die Welt hineinerschaffe. Und mich an den Worten erfreue, in regem Genuss. Ingeborg Bachmanns Schreiben hat für mich etwas zutiefst Sinnliches. Etwas, das ich nicht nicht mit allen Sinnen erspüren und genießen kann. Und ich liebe die Wahrheit ihrer Sprache. Ihre Idee, ihren Anspruch, mit Worten in die Tiefe, auf den Grund zu gehen. Und dadurch Bewusstheit zu schaffen und zu leben.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Also ganz spontan fallen mir ein (und dann sind das vielleicht genau die Werke, die besonders viel in mir berührt haben): die Gedichte „Ich“, „Enigma“, „Erklär mir, Liebe“, „An die Sonne“ und „Die gestundete Zeit“; die Erzählung „Undine geht“ (ich liebe den Mythos an sich und das, was Ingeborg Bachmann damit und daraus macht). Ich mag auch ihre Büchnerpreisrede. Na und das Briefwechsel-Buch „Herzzeit“ – ach, so berührend … no further comment needed … der Roman„Malina“ hat mich beeindruckt und wird mich immer beeindrucken aufgrund seiner Komposition. Ich mag die abgebrochenen Telefongespräche, die Wortfetzen, die hineingeträumten Gedanken, die Traumsplitter, die Poesie im Alltag. Es ist ein rhythmischer Sog. Eine Wort-Collage aus Leben.

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden wie selbstzerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ingeborg Bachmann hat nicht nur mit diesem Satz, sondern mit ihrem Werk die Tatsachen, Entwicklungen und Auswirkungen des Patriarchats ausgedrückt. Auszudrücken versucht. Sie sie selbst hat „gut hingeschaut“. Und wollte wohl auch, dass „andere“ hinsehen. Naja, und wenn wir heute hinschauen: Das Patriarchat ist da, wirkt, erschafft. Auch wenn Veränderungen passiert sind, so haben wir nach wie vor Ungleichbehandlung der Geschlechter, was Bezahlung, finanzielle Absicherung und Chancen betrifft. Als Mitglied der #igFem – Interessensgemeinschaft feministische Autorinnen, Mutter, Schriftstellerin, Partnerin und Frau beschäftige ich mich damit – nicht nur im Literatur- und Kunstbetrieb – ausgiebig: mit dem Aufzeigen der produzierten und ungleichen Bedingungen. Denn das Aufzeigen, das Hinschauen ist der erste Schritt. Seit Jahren läuft auch die internationale Aktion „Orange the World – 16 Tage gegen Gewalt an Frauen“. 2025 war ich zu einer Lesung zu diesem Thema eingeladen. Und durfte, musste feststellen: Allein in Österreich wird – statistisch gesehen – alle drei Wochen eine Frau durch einen ihr nahestehenden Mann ermordet! Jede dritte Frau in Österreich ist (ab ihrem 15. Lebensjahr) von körperlicher und/oder sexueller Gewalt betroffen. Mehr als jede vierte Frau erlebt sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Mehr als jede fünfte Frau ist von Stalking betroffen. Was ich hier aufzähle, ist natürlich ein „wilder Auszug“. Ohne Anspruch und Vermögen auf Vollständigkeit. Schon gar nicht weltweit gesehen. Und es ist auch nicht dafür gedacht, „alle Männer über einen Kamm zu scheren“. Ich denke auch nicht, dass Ingeborg Bachmann das mit ihrer Aussage meinte oder tat. Sie beschrieb eine von Männern erschaffene und dominierte und ausagierte Leistungs- und Funktionsgesellschaft. In der nicht nur Frauen und das Weibliche keinen Platz haben. Sondern auch anders denkende, fühlende und handelnde Menschen nicht. Und definitiv auch nicht der Friede. Wir sehen und erleben es heute wie damals. Ich erachte es als essentiell: Ereignisse, Bewegungen, Entwicklungen mit Worten sichtbar zu machen, beim Namen zu nennen. Im Sinne Ingeborg Bachmanns: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

In „Malina“, Ingeborg Bachmanns großen und einzigen Roman (1971), stehen Hell und Dunkel der Existenz, die Liebe „es ist immer Krieg“, wie die Traumata eines Landes in Erinnerung von Shoa, Weltkrieg im thematischen Vordergrund. Wie siehst Du ihren literarischen Zugang hier und wie müssen wir heute in Literatur und Existenz mit Geschichte umgehen?

Mich hat es einfach gleichermaßen begeistert wie beeindruckt, wie sie das persönliche mit dem globalen, dem gesellschaftlichen Trauma verwebt und in Verbindung bringt. Denn so ist es. Heute lässt es sich sogar wissenschaftlich nachweisen (wenn es nicht ohnehin zutiefst spürbar ist): Trauma wirkt. Im Körper. Und Trauma wirkt transgenerational. Ja, es wird tatsächlich vererbt. Alles, was uns traumatisch widerfährt (das sind Krieg, Erbeben, Naturkatastrophen im Großen, aber genauso alle Erfahrungen im Kleinen, die wir nicht „halten“ konnten mit unserem Nervensystem – sprich sämtliche unbegleitete Erlebnisse der Kindheit), bleibt in uns, formt unser Verhalten. Und wirkt über uns hinaus. In der Gegenwart. Und sogar bis in die Zukunftsgene unserer Nachkommen. Und es bedingt sich. Das gesellschaftliche Trauma erzeugt das persönliche. Und das persönliche Trauma wiederum wirkt sich auf die Gesellschaft aus. Denn all die kleinen Entscheidungen, die wir täglich treffen, tragen entweder mehr zum Frieden oder mehr zum Krieg bei. In uns selbst. In unserem Gegenüber. Und in Folge im größeren Gefüge. Ingeborg Bachmann war sich dieser Zusammenhänge bewusst. Und erschuf einen Roman, der die Stränge wie ein Netz zusammenführt. Was wir uns nach wie vor in der Literatur, in der Wissenschaft, in der Geschichtsschreibung und in unserer persönlichen Entwicklung fragen dürfen: Wie möchte ich mit mir und meinen Erfahrungen umgehen? Als Opfer oder als Sehende,als Ermächtigte? Wie möchte ich mit anderen Menschen umgehen? Möchte ich meine Wunden unreflektiert „an ihnen ausleben“ und weiterwuchern lassen? Auch umgekehrt: Möchte ich zulassen, dass andere Menschen ihre unreflektierten, unbewussten, unbesehenen Körper- und Herzerfahrungen in mich eingießen, mir aufdrängen? Selbstverantwortung – das ist für mich ein zentraler Weg. Und dieses Wort nicht nur „als schönes Wort“ zu verwenden. Sondern es durch mich selbst erleben, aus mir selbst heraus verstehen. Wissen, was es für mich bedeutet. Was ich damit tun kann und will. Ingeborg Bachmann hatte einen hohen Anspruch an die Sprache: Echt sollte sie sein; alles aufzeigend. Ja, sie hat so recht damit. Weg von den Floskeln. Weg von den Nachahmungen. Weg von den Moden. Weg von dem, was uns zwar vielleicht im Geist gefällt, was wir aber aus unserem eigenen Herzen und Erfahrungsschatz heraus noch nicht wirklich ausfüllen und bedienen können. Hin zu Authentizität. Zu Individualität. Auch zwei „Worte diese Zeit“. Lasst sie uns bitte mit Leben auskleiden. Mit uns und unserer Wahrheit.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich hätte sie gerne gefragt, ob sie mit mir einen Whisky trinkt. 😉 Und ob sie sich vorstellen kann, mit mir über diesem Glas Whisky „einfach zu plaudern“. Und mir „ihre Wahrheiten zuzumuten“. Wäre ich mit ihr intim und eng befreundet gewesen, hätte ich auch gerne mehr über Paul Celan gewusst. 😉 Und: Wie und ob sie ihre schreiberischen Ideen, Impulse, Inspirationen „sinnvoll“ ordnen konnte. Ich habe nämlich für mich bis heute keinen wirklichen Weg gefunden.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich schreibe derzeit an einem Manuskript (Gedichte und Kurzgeschichten) für den burgenländischen Verlag „LexLiszt12“. Außerdem organisiere ich das neue Jahr „in Lesungs- und Veranstaltungshinsicht“. Die Termine gibt es alle auf meiner Website: www.textbewegungen.at. Hervorheben möchte ich aktuell die Veranstaltungen in der Alten Schmiede in Wien, im Literaturcafé Anno, im Café Amadeus, im Alten Kino im Mörbisch. Außerdem habe ich etliche Projekte mit der #igFem am Laufen: Da gibt es den Autorinnen-Chor, die KriLit, das Symposium im Herbst, eine Anthologie für den FZA-Verlag, mindestens eine Gemeinschaftslesung (in der wunderbaren Bibliothek im burgenländischen Litzelsdorf). Was ich auch unbedingt „angehen möchte“: ein neues Lyrik-Performance-Programm und meine Geburtserfahrungsgewalt-Gedichte.

Darf ich abschließend zu einem persönlichen Bachmann Zitat/Text bitten?

Ich schenke Dir sogar zwei Zitate, lieber Walter. 😉

Also erstens aus „Malina“, weil ich diese haus-, stiegen-, taschen-besetzende Sucht von mir selbst zu 100% kenne:
Lesen ist ein Laster, das alle anderen Laster ersetzen kann oder zuweilen an ihrer Stelle intensiver allen zum Leben verhilft, es ist eine Ausschweifung, eine verzehrende Sucht. Nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir, Präferenzen habe ich freilich auch, viele Bücher bekommen mir nicht, einige nehme ich nur am Vormittag ein, andere nur in der Nacht, es gibt Bücher, die ich nicht loslasse, ich ziehe herum in der Wohnung mit ihnen, trage sie vom Wohnzimmer in die Küche, ich lese stehend im Korridor …“

Und zweitens aus „Alles“:
„Alles ist eine Frage der Sprache.“

Herzlichen Dank für das Interview!

SEHR gerne, lieber Walter! Immer wieder gerne.

Susanne Sommer, Schriftstellerin _
Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ 1/26

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.

Fotos: Susanne Sommer _ performing „Malina“ Originalschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 1/26

Walter Pobaschnig   26.1.2026

https://literaturoutdoors.com

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