„Der Bachmannpreis macht Literatur zum einzigartigen Ereignis“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Karl-Gustav Ruch, Schriftsteller _ Barcelona 31.1.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Karl-Gustav Ruch, CH, Schriftsteller _  Lesung _
Bachmannpreis 2009

Im Interview _

Karl-Gustav Ruch, CH, Schriftsteller _  Bachmannpreisnominierter 2009

Lieber Karl-Gustav, Du hast 2009 am Bachmannpreis in Klagenfurt, dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen, was ist spontan Deine erste Erinnerung?

Ein aufregender und aufreibender Anlass. Welcher Autor / welche Autorin träumt nicht davon, einmal in Klagenfurt vor den renommierten Juror:innen, Kritiker:innen, Agent:innen, Verleger:innen und dem Fernsehpublikum aufzutreten? Wer hofft nicht, nun endlich im Hub der Literaturszene angekommen zu sein? Klagenfurt – ein Ort der Träume, Illusionen und Frustrationen. Ich habe außer dem etwas surrealen Preis der Automatischen Literaturkritik nichts geholt. Ich nahm’s gelassen. Die Erleichterung, es hinter mir zu haben, überwog die Frustration.

Karl-Gustav Ruch, CH, Schriftsteller _  Bachmannpreisnominierter 2009 _ im Gespräch mit Clarissa Stadler, ORF, Moderatorin des Bachmannpreises 2009.

Von der Eröffnung des Bachmannpreises bis zur Preisverleihung sind es fünf Tage. Wie waren diese damals terminlich strukturiert und welchen Treffpunkt möchtest Du da hervorheben?

So genau kann ich mich nicht erinnern. Wir Autoren trafen uns vor allem an und nach den Lesungen und im Hotel. Ein oder zweimal trafen wir uns an einem Dinner mit den Juroren und Verlegern. Am letzten Tag war der Höhepunkt das Fussballspiel mit den Autoren.

Bachmannpreisnominierte 2009

Wie kam es zu Deiner Nominierung und wie hast Du Dich im Vorfeld vorbereitet?

Es war meine zweite Bewerbung. Juror Paul Jandl rief mich an und gratulierte mir zur Nominierung. Ich kippte vor Überraschung beinahe vom Stuhl, denn ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, aus Hunderten ausgewählt zu werden – auch wenn ich von meinem Text überzeugt war. Ich hatte in meinem Autorenleben erst zwei oder drei Lesungen vor Publikum gehabt, also habe ich das dramatische Vorlesen intensiv geübt.

Wie hast Du deine Lesung/Kritik und das rundum Danach erlebt?

Lesung: Du wirst verkabelt, auf die Bühne geschoben und stehst plötzlich im gleissenden Rampenlicht. Ich war so nervös, dass das Manuskript in meinen Händen während der Lesung zitterte; deshalb traute ich mich nicht, nach dem Wasserglas vor mir zu greifen. Aber davon haben zu meiner grossen Überraschung die wenigsten etwas gemerkt. Nach der Lesung hörte ich Kommentare wie: Mensch, warst du cool!

Ich merkte bald, hier geht es nicht nur um Texte, ums Lesen und die Autoren. Die Bühne gehörte den Juroren. Es war eigentlich ihre Show, ihr Wettkampf: sich gegen ihre Gegenspieler in der Jury rhetorisch durchzusetzen und vor dem Publikum zu triumphieren. Daumen hoch, oder Daumen runter und dann Stellung verteidigen. Scheingefechte? Wirkliche Gespräche, die sich entwickeln, waren das nicht.

Bei meiner Lesung kam es zu einem harten Schlagabtausch zwischen Juror Ijoma Mangold, der sich am Text festbiss, und Paul Jandl, der meinen Text tapfer verteidigte. Man lernt immer was: Ich hatte mir zuvor nicht vorstellen können, dass man einen Text mit Rollenprosa derart missverstehen oder missdeuten kann, wie Juror Mangold es vormachte.

Ich habe nie verstanden, warum die AutorInnen beim Jurorengespräch wie brave Schüler dasitzen sollen und nicht aktiv ins Gespräch einbezogen werden – wie in den Lesungen der Gruppe 47, von der der Bachmannpreis ja inspiriert wurde.

Jury & Publikum, 2009

Wie war der Kontakt zu Kollegen:innen, Jury, Publikum?

Ich hatte einen guten Draht zu den meisten AutorInnen. Aber in der Regel waren alle mit sich selbst und ihrer Lesung beschäftigt. Meine erste und nachhaltigste Begegnung war mit Karsten Krampritz. Auch heute habe ich noch einen freundschaftlichen Kontakt zu ihm über Facebook.

Wie hat sich die Teilnahme auf Deinen weiteren Weg des Schreibens ausgewirkt?

Ich glaube, wenig. Als deutschsprachiger Autor mit Wohnsitz in Spanien lebe ich im literarischen Abseits. Ich musste bald feststellen, dass ich auch nach Klagenfurt den Verlagen hinterherrennen würde, nicht sie mir.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen mitgeben?

Nehmt’s wie ein Sportevent. Schiri-Entscheide sind nicht immer nachvollziehbar. Dabei zu sein, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und Literaturklatsch zu hören, das eröffnet Schreibenden wertvolle Einsichten.

Lesepult & Publikum _
Bachmannpreis 2024, folgende.
Der Juryblick
Ankommen der Nominierten 2024

Darf ich Dich abschließend zu einem Geburtstagswunsch zum Bachmannpreis 50er und einen Gruß an Lesende, Jury und Publikum bitten:

Der Bachmannpreis ist und bleibt – auch auf internationaler Ebene – ein einzigartiger Anlass, der Literatur zum Ereignis macht. Herzlichen Glückwunsch! Möge er noch viele weitere Jahre feiern!

Anspannung vor der Auslosung der Lesereihenfolge _
Bachmannpreis 2023, folgende
großes Publikumsinteresse an allen Lesetagen

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person Karl-Gustav Ruch:

Karl-Gustav Ruch, geboren 1954 in Zürich, Ausbildung zum Gitarrenlehrer, Studium der Germanistik und Philosophie. Er lebt seit 1990 in Barcelona, arbeitete als Deutsch-, Philosophie- und Musiklehrer und ist derzeit als freier Autor tätig.                                           

Ab 1987 erste Veröffentlichungen von Erzählungen, Essays und Feuilletons. 2004 erschien sein Erzählband Talgo-Pendular (Eremiten-Presse), 2011 Hinter der Wand – Geschichten zwischen Zürich und Barcelona (edition 8), 2017 der Roman Das letzte Fenster (hockebooks). Sein letztes Buch, der Roman Linas Baum, ist 2024 bei Sisifo im Leipziger Literaturverlag erschienen.                                                                                                       

Mit der Erzählung Hinter der Wand wurde er 2009 für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert.

Curriculum vitae

Geboren wurde ich als Amöbe, strampelte

auf Scheinfüssen ein paar Millionen Jahre

durch die Meere des Kambriums,

schlug dann mit Flossen,

kroch, schlich, humpelte

eine halbe Milliarde Jahre später ins Holozän,

überlebte Meteoritenhagel, Eiszeiten und Napoleon.

Mein Bruder wurde Haifisch,

schnappt nach Beinen und Gedärm.

Ich wurde Lehrer und

korrigiere Aufsätze.

https://www.karlgustavruch.com/deutsch/bio/

Aktuelles Buch von Karl-Gustav Ruch:

„Als Lina stirbt, soll ihre Asche unter ihrem Lieblingsbaum in den Wind gestreut werden. Auf dem Friedhof findet ihr Sohn Henrik einen Blumenstrauß mit der Inschrift: Ich liebe dich für alle Zeit. Henning. Henrik wird zum Ermittler. Er beginnt im Nachlass nach dem geheimen Leben seiner Mutter zu forschen und stößt auf Fotos, Liebes- und Abschiedsbriefe von einem Lars und einem Henning. Wer ist Lars, wer Henning? Lina hat in der Familie nie von früheren Beziehungen mit Männern erzählt, auch nicht von ihrer Adoption und ihrem biologischen Vater. Henrik reist auf den Spuren Linas nach Schweden und lernt so eine andere Frau kennen als jene, die er als seine Mutter kannte. Allmählich tut sich ein Abgrund auf. Seine Mutter wird ihm mehr und mehr zum Mysterium…“ Presseinfo

Karl Gustav Ruch publiziert auch regelmäßig in der Wiener Literatur-Zeitschrift „Aus dem Alltag“, Texte und Fotos erscheinen: https://www.ausdemalltag.at/author/karl-gustav-ruch/

Anna Baar, Rede zur Literatur _ Bachmannpreis 2022

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Fotos: Bachmannpreis 2009 _ Karl-Gustav Ruch.

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos _ Bachmannpreis 2022/23/24/25 _Walter Pobaschnig

Interview _ Walter Pobaschnig 22.1.2026

https://literaturoutdoors.com

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