
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.


100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview & Performance _ Joanna Godwin-Seidl, Schauspielerin, Regisseurin _ Wien
„Der weiteste Weg…Ingeborg Bachmanns erste Tage in Wien“ _
Joanna Godwin-Seidl _ performing _
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Fotonovel am Originalschauplatz _ erster Wohnort/Wohnung 1946 von Ingeborg Bachmann im IX. Wiener Gemeindebezirk _

Ingeborg Bachmann kam hier 1946 in Wien in einer Untermietwohnung an. Später bezeichnet sie den Weg von ihrer Heimatstadt Klagenfurt nach Innsbruck, Graz und schließlich Wien als „längsten“ und beschreibt damit die Suche nach Beruf, Identität und Auseinandersetzung mit Geschichte und Herkunft. Diese Themen werden auch zur Mitte ihres Schreibens.
„Wo Deutschlands Himmel die Erde schwärzt,
sucht ein enthaupteter Engel ein Grab für den Hass
und reicht dir die Schüssel des Herzens…“
„Früher Mittag“ _ aus dem Gedichtband „Die gestundete Zeit“ Ingeborg Bachmann 1953

performing Bachmann _ Originalschauplatz Wien
Liebe Joanna, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mein Zugang zu Ingeborg Bachmann ist weniger ein akademischer als ein existenzieller. Ich bin ihr Werk nicht systematisch „durchstudierend“ begegnet, sondern punktuell, fast wie man einem Menschen begegnet, der einen plötzlich sehr genau anschaut. Ihre Texte haben mich immer dort erreicht, wo Sprache brüchig wird und dennoch präzise bleibt – im Zwischenraum von Intimität, Gewalt, Liebe und Identität. Als Schauspielerin und Regisseurin interessiert mich besonders diese Spannung zwischen Kontrolle und Verletzbarkeit.

Joanna Godwin-Seidl _ performing _
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Fotonovel am Originalschauplatz _ erster Wohnort/Wohnung 1946 von Ingeborg Bachmann im IX. Wiener Gemeindebezirk _
Walter Pobaschnig f.,










Joanna Godwin-Seidl _ performi
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Bachmanns Schreiben ist für mich radikal ehrlich, ohne jemals platt zu sein. Sie benennt Gewalt nicht nur als gesellschaftliches Phänomen, sondern als etwas, das sich in Beziehungen, in Sprache, in Selbstbilder einschreibt. Diese Verbindung von politischem Denken und innerem Erleben macht ihr Werk so zeitlos – und zugleich unbequem. Sie zwingt uns, genau hinzusehen, auch dort, wo wir lieber ausweichen würden.


Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Mich beschäftigen vor allem die Texte, in denen private Beziehungen als Schauplatz gesellschaftlicher Machtverhältnisse sichtbar werden – etwa Malina oder die Erzählungen aus dem Todesarten-Zyklus. Dort wird deutlich, wie Liebe, Abhängigkeit und Gewalt ineinandergreifen. Das ist im Theater ein häufiges Thema.







„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich lese diese Aussage weniger als Angriff auf einzelne Männer, sondern als radikale Diagnose eines Systems. Bachmann beschreibt eine patriarchale Ordnung, die nicht nur Frauen zerstört, sondern auch Männer deformiert – emotional, sprachlich, menschlich. Erschreckend ist, wie aktuell diese Analyse geblieben ist. Die Formen haben sich verändert, aber die Mechanismen von Macht, Verdrängung und Gewalt sind nach wie vor wirksam.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich glaube nicht, dass Kunst zwangsläufig Martyrium sein muss – aber sie ist fast immer mit einem Preis verbunden. Kunst verlangt Offenheit, Risiko, ein Sich-Aussetzen. Bei Bachmann spürt man, wie sehr Schreiben eine existentielle Notwendigkeit war, kein ästhetischer Luxus. Vielleicht liegt das „Verdammte“ weniger im Leiden selbst als in der Unmöglichkeit, sich dem nicht auszusetzen, wenn man einmal wirklich genau hinschaut.



































Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie vermutlich nicht viel gefragt, sondern ihr zugehört. Vielleicht hätte ich ihr sagen wollen, wie sehr ihre Texte heute noch wirken – gerade auf Künstlerinnen, die sich mit familiären Konflikten, weiblicher Autonomie und den unsichtbaren Formen von Gewalt beschäftigen. Und ich hätte sie gefragt, ob sie sich vorstellen konnte, dass ihre Sprache einmal anderen Frauen helfen würde, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.





Joanna Godwin-Seidl _ performing _
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Fotonovel am Originalschauplatz _ erster Wohnort/Wohnung 1946 von Ingeborg Bachmann im IX. Wiener Gemeindebezirk _
Walter Pobaschnig f.,
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Aktuell arbeite ich an einer englischsprachigen Produktion am Theater Drachengasse: My Old Lady von Israel Horovitz. Das Stück verhandelt familiäre Konflikte, die gesellschaftliche Position von Frauen und die Frage, wie sehr familiäre Beziehungen unser Leben prägen – mit all ihren Ambivalenzen aus Liebe und Gewalt, Nähe und Verletzung, Konflikt und auch Momenten von Freude.
Dabei ist das Stück zugleich von Tragik und feinem Humor durchzogen – eine Mischung aus Komödie und Tragödie, die diese Themen zugänglich und menschlich macht. Gerade diese Verflechtung von privatem Erleben und strukturellen Machtverhältnissen empfinde ich als sehr bachmannisch. My Old Lady ist ab 9. Februar am Theater Drachengasse zu sehen.
MY OLD LADY by Israel Horovitz

Stage Director: Joanna Godwin-Seidl
Starring: Bronwynn Mertz-Penzinger, Dave Moskin, Kathy Tanner
viennatheatreproject.com
A production of vienna theatre project
9. – 21. Februar 2026, Di–Sa um 20 Uhr
Performance in English
Theater Drachengasse
Fleischmarkt 22, Eingang Drachengasse 2
1010 Wien
https://www.drachengasse.at/spielplan_detail.asp?id=1213
Herzlichen Dank für das Interview und die Performance!
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Foto:Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann, 1962
Fotos/Performance _ Walter Pobaschnig 12/25
Walter Pobaschnig 22.1.2026