„Ihre Kompromisslosigkeit und Unbestechlichkeit“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ im Interview _ Martin Meyer, Schriftsteller _ Scheinfeld/D 22.1.2026

 Martin Meyer _ Ingeborg Bachmann

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom, um 1971

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _  Martin Meyer, Schriftsteller _ Scheinfeld/Bayern

Lieber Martin, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

In dem Gymnasium im nordbayerischen Schweinfurt, an dem ich 1986 meine Matura ablegte, spielte die österreichische Literatur leider keine große Rolle, jedenfalls bei den Lehrern, die mich in Deutsch unterrichteten. Aber zumindest eines ihrer Gedichte lasen wir damals im Unterricht: „Reklame“. Und es ist bemerkenswert, dass ich den Ablauf der Schulstunde noch vor Augen habe, wie wir uns anhand der beiden Sprachbänder des Gedichts zum Kern seiner Aussage vorarbeiteten. Auch das „Böhmen-Gedicht“ könnten wir damals im Unterricht besprochen haben. Bachmanns Prosa lernte ich damals leider noch nicht kennen. An Autoren las ich, meist abseits der Schule, eher Joseph Roth, Friedrich Torberg, auch Stifter und Grillparzer.

Den aktuellen Zugang hast Du mir eröffnet, lieber Walter, in der Ungargasse, bei unserem inzwischen dritten Shooting. Zweimal war ich 2025 in Wien, das erste Mal im Jänner und eben beim Shooting im August. Beim ersten Besuch galt das Shooting Doderers „Strudlhofstiege“, aber just damals im Jänner gab das Volkstheater Ingeborg Bachmanns „Malina“ zum Besten, ein ganz neuer Blick auf die Autorin für mich und auf ihren leidenschaftlichen Kampf gegen das Patriarchat. In den ich mich erst finden musste, und recht betrachtet, fand ich erst zu unserem August-Shooting in der Ungargasse wirklich rein.

Martin Meyer, Schriftsteller _ performing „Ivan“ Malina_
Romanschauplatz „Malina“ Wien _
Walter Pobaschnig 8/25, folgende

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?

Die Kompromisslosigkeit und Unbestechlichkeit der späten Prosa. Sie hat dort manche vor den Kopf gestoßen. Doch gerade dort ist sie ganz Ingeborg, darin hat sie ihr Thema gefasst. Inmitten ein geheimnisumwitterter Rest, Unschärfe, nur zwischen den Zeilen zu lesen. Es passt zu ihrer Vita und zu ihrem rätselhaft gebliebenen frühen Tod.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

„Malina“ ist vielleicht ihr kompromisslosestes und unbestechlichstes Werk. Man muss sich dem stellen, sich ganz hinein verkrallen, wie auch schon bei „Undine“, sonst tut man den Roman leicht als märchenhaft, abgehoben oder geschwätzig ab, wie es in der Literaturkritik tatsächlich geschah.

Womöglich bin ich dafür zu zart besaitet; daran mag es liegen, dass mich eher ihre Lyrik anspricht.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ist heute so aktuell wie eh und je, und das weiß die Welt nicht erst seit Donald Trump.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Ja. Schreiben ist einsam, sehr einsam, weil man nicht nur räumlich, sondern auch innerlich vereinsamt. Du ringst mit dir allein, denn letztlich schreibst du stets um dein Leben. Schreiben ist deswegen nicht nur einsam, sondern auch lebens-gefährlich.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Wieso sie letztendlich mit dem Gedichteschreiben fast ganz und gar aufgehört hat.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Aktuell schreibe ich an mehreren Kurzgeschichten über sehr unterschiedliche Themen, trotz Deadline ein angenehmer Ausgleichssport, der für mich mental weniger lebens-gefährlich ist und mir Raum lässt, mich neuen Großprojekten viel entspannter zu nähern, als es mir zuletzt auch familiärer Obliegenheiten wegen vergönnt war – gern mit einem Abstecher in weitere Genres als Krimi und Historischem Roman, vielleicht sogar ins dramatische Fach.

Herzlichen Dank für das Interview!

Martin Meyer, Schriftsteller _ performing „Ivan“ Malina_
Romanschauplatz „Malina“ Wien _
Walter Pobaschnig 8/25, folgende

Aktueller Roman von Martin Meyer: „Die Orgelbauerin“ Gmeiner Verlag, 2024 https://literaturoutdoors.com/2024/10/24/die-orgelbauerin-martin-meyer-roman-gmeiner-verlag/

Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, Rom, um 1970.

Fotos: Martin Meyer: Walter Pobaschnig _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien 8/25

Walter Pobaschnig   1_26

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