50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt _

Im Interview _ Sophie Reyer, Schriftstellerin, Wien.
Liebe Sophie, welche Zugänge gibt es von Dir zum jährlichen Bachmannpreis (BP) in Klagenfurt, dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum?
Der Bachmannpreis ist für mich vor allem ein starkes literarisches Ritual: ein Ort der Sichtbarkeit, der Verdichtung, aber auch der Zuspitzung. Ich verfolge ihn seit vielen Jahren mit Interesse, manchmal mit Begeisterung, manchmal mit Skepsis. Mich fasziniert, dass dort Texte in einem öffentlichen Raum entstehen, der Urteil, Streit und Aufmerksamkeit bündelt. Gleichzeitig ist mir dieses Format nie ganz unschuldig erschienen – es produziert nicht nur Literatur, sondern auch Bilder von Autor:innenschaft, Erwartungen und Ausschlüsse. Mein Zugang ist daher ein beobachtender, fragender, kein affirmativer.

Die Bachmannpreisträgerin & BKS Publikumspreisträgerin Natascha Gangl (Mitte) _
Boris Schumansky (von links, weitere) – Deutschlandfunk Preis _
Tara Meister – Carinthischer Sommer Stipendium _
Almut Tina Schmidt – 3 sat Preis_
Nora Osiagobare – Kelag Preis.
mit Heinz Bachmann, Bruder von Ingeborg Bachmann (Mitte) _
Bachmannpreis 2025


Hast Du Dich schon einmal beworben bzw. hast Du es vor? Wenn ja/nein, warum?
Nein, ich habe mich nie beworben, und ich habe es auch nicht vor. Ich weiß – oder glaube zu wissen –, dass man für den Bachmannpreis gefragt werden muss. Und dieses Wissen ist für mich nicht nebensächlich, sondern zentral. Es verweist auf Strukturen, auf Netzwerke, auf Sichtbarkeit, die nicht allein mit Textqualität zu tun haben. Ich habe mich entschieden, meinen Weg ohne diese Form der Bewerbung zu gehen, auch weil ich mir meine literarische Arbeit nicht an ein solches Auswahl- und Bewertungssystem binden wollte.




Du bist Schriftstellerin und auch Universitätslehrende, wie siehst Du das Setting des BP und welches Bewusstsein, welche Vorbereitung brauchen Schriftsteller:innen, wenn sie sich dieser Herausforderung und der Kritik/Bewertung stellen?
Das Setting des Bachmannpreises verlangt ein hohes Maß an Selbstreflexion. Wer dort liest, stellt nicht nur einen Text vor, sondern sich selbst als Figur im literarischen Betrieb. Man braucht ein Bewusstsein dafür, dass Kritik dort performativ ist, öffentlich, manchmal gnadenlos. Vorbereitung heißt für mich daher nicht nur Textarbeit, sondern auch mentale Arbeit: Wie gehe ich mit Zuschreibungen um? Mit Missverständnissen? Mit der Tatsache, dass ein Text auf wenige Minuten und schnelle Urteile reduziert wird? Das ist eine Herausforderung, die nicht jede Schreibhaltung mitträgt – und das ist auch legitim.




von links, Laura De Weck, Philipp Tingler, Mara Delius, Thomas Strässle, Klaus Kastberger – Juryvorsitzender,Mithu Melanie Sanyal, Brigitte Schwens-Harrant.
Du hast schon zahlreiche Literaturpreise gewonnen. Was bedeutet ein Preis persönlich und für den Weg des Schreibens?
Ein Preis kann Anerkennung sein, manchmal auch Erleichterung – finanziell wie emotional. Aber er ist kein Ziel an sich. Für mein Schreiben ist entscheidend, dass es sich weiterentwickeln darf, auch jenseits von Preislogiken. Preise können Türen öffnen, sie können Sichtbarkeit schaffen, aber sie sagen nichts Endgültiges über die Qualität oder Notwendigkeit eines literarischen Weges aus. Schreiben bleibt eine einsame, langfristige Arbeit, die sich nicht dauerhaft von Auszeichnungen tragen lässt.

2026 planst Du ein Projekt mit Schreibenden, die sich vor dem bzw. im Einstieg als Schriftsteller:in befinden. Wie kam es zu dieser Idee und wie ist dieser Literaturkurs angelegt?
Die Idee entstand aus vielen Gesprächen mit Studierenden und Schreibenden, die zwischen Anspruch, Markt und Selbstzweifel stehen. Mich interessiert besonders dieser fragile Moment vor der sogenannten „Professionalisierung“. Der Kurs ist prozessorientiert angelegt: Es geht um Texte, ja, aber ebenso um Haltungen, um das Finden einer eigenen Stimme, um das Sprechen über Bedingungen des Literaturbetriebs. Nicht Anpassung steht im Zentrum, sondern Ermutigung zur Eigenständigkeit.

Heinz Bachmann, Bruder von Ingeborg Bachmann, mit Gattin Sheila Bachmann (Heirat 1971 London, Ingeborg Bachmann war Trauzeugin) und Sohn Christof Bachmann.
Die Familie Bachmann lebt in Oxford/GB und reiste zur Eröffnung des Bachmannpreises wie der Eröffnung des Bachmann Elternhauses in Klagenfurt als Museum (Henselstr. 26, 9020 Klagenfurt) an und kam auch zur Preisverleihung des 49.Bachmannpreises im ORF Kärnten.
Was wünscht Du dem Bachmannpreis zum Geburtstag und was möchtest Du Lesenden, Jury und dem Publikum als Gruß senden?
Ich wünsche dem Bachmannpreis Offenheit – für neue Formen, für leise Texte, für Stimmen, die nicht sofort funktionieren. Weniger Erwartung, mehr Risiko. Den Lesenden wünsche ich Neugier und Geduld, der Jury Mut zur Ambivalenz und dem Publikum die Lust am Widerspruch. Literatur lebt nicht von Eindeutigkeit, sondern von Reibung – und davon, dass man sich ihr aussetzt, ohne sie sofort festzulegen.









Herzlichen Dank für das Interview und viel Freude und Erfolg für Deinen neuen Literaturkurs!



Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann ist hier mit ihren Eltern begraben
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Interview und Alle Fotos _ Walter Pobaschnig.
Walter Pobaschnig 18/1/26