
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Julia Kulewatz, Schriftstellerin, Verlegerin, Literaturwissenschaftlerin, Dozentin
Liebe Julia, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Wenn die Bachmann gegen etwas angeschrieben hat, so begegnet mir das täglich. Es sind auch die Männer mit Namen Hans, aber nicht allein das märchenhafte Rollenbild. Das hat und hätte uns niemals gereicht, das erschöpft uns nicht, es lässt uns vielleicht die Moore und Menschen und Myzelien verlassen, so weit und so klar und in einer solchen Überlichtgeschwindigkeit, dass wir uns von uns selbst überrascht wiederfinden, irgendwo im All, zwischen Sternen, nicht tot, nicht lebendig, umgeformt, erneuert, vielleicht als ein Fackelbaum, brennend, sich vor aller Augen im Abglanz selbst verzehrend, mahnend, himmlisch verheerend sind wir dann, gemacht aus geborgten Wörtern oder aus müde herübergeschenkten Versatzstücken, nur die verborgenen, die zwischen den Zeilen hausen, die sind nicht so einfach zu haben, wie wir waren, so wie Hans, wie Ivan, wie die meisten Menschen. Ein Zugang kam über Hans:
Männer mit Namen Hans
für I. B. und all die anderen Wasserfrauen,
bekannt und unbekannt
Hans,
Immer Einer nur unter den Vielen mit Namen.
Einer zog aus, das Fürchten zu lernen,
Ein Anderer, es Hans zu lehren,
Einer nur hat es gelernt,
Den Dirnen und Trinen,
Der Gretel,
Den Dummen und Gescheiten,
Der Geliebten,
Der starke Hans im Glück,
Eisenhans, dann Hänschen klein,
Hans mein Igel.
Unter Waffen,
Unter Wasser,
Unversehrter Hans-Guck-in-die-Luft,
Hast Schwein gehabt, Hans,
Und eine goldene Gans,
Versierter Hans-Dampf-in-allen-Gassen.
Fürchte dich, Hans!
Vor Wiederholung,
Vor Auflösung
Und vor Ohne-Namen-Sein,
Auf der Lichtung liebend,
Und in Wassern,
Undine kommt.
Kulewatz, Julia: Männer mit Namen Hans, aus: Orkaniden. Sturmgedichte, 3. Auflage, 2023, kul-ja! publishing, Erfurt.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
„An schönen Oktobertagen kann man, von der Radetzkystraße kommend, neben dem Stadttheater eine Baumgruppe in der Sonne sehen. Der erste Baum, der vor jenen dunkelroten Kirschbäumen steht, die keine Früchte bringen, ist so entflammt vom Herbst, ein so unmäßiger goldener Fleck, daß er aussieht, als wäre er eine Fackel, die ein Engel fallen gelassen hat. Und nun brennt er, und Herbstwind und Frost können ihn nicht zum Erlöschen bringen.
Wer möchte drum zu mir reden von Blätterfall und vom weißen Tod, angesichts dieses Baums, wer mich hindern, ihn mit Augen zu halten und zu glauben, daß er mir immer leuchten wird wie in dieser Stunde und daß das Gesetz der Welt nicht auf ihm liegt?“
Zit. Bachmann, Ingeborg: Auszug aus Jugend in einer österreichischen Stadt, in: Das dreißigste Jahr. Erzählungen, ungekürzte Ausgabe, 1. Auflage, 1966, Deutscher Taschenbuchverlag, München.
Sie setzt sich als Schriftstellerin den Elementen vollkommen aus: „Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers.“ Ingeborg Bachmann ignoriert in ihrem Schreiben das Offensichtliche, enttarnt es durch ledigliche Benennung als bloßes Blendwerk, Ablenkung vom Wesentlichen. So geht die Erzählperspektive mit uns vorüber am Stadttheater, streift es nicht einmal, hängt den Blick lieber an einen flammenden Baum, wohl wissend, dass sein Simulacrum besser zu tragen ist als eine Bühne, als Inszenierung und großes Theater, wohl wissend, das auch davon nichts bleiben wird. „Das Krematorium von Wien ist seine geistige Mission, sehen Sie, wir finden die Mission doch noch, man muß sich nur weit genug auseinanderreden, aber schweigen wir darüber, hier hat das Jahrhundert an seinem brüchigsten Ort, einige Geister zum Denken befeuert und es hat sie verbrannt, damit sie zu wirken beginnen […].“ (Bachmann, I.: Malina, Piper,Sonderausgabe 1982, Gesamtherstellung in Wien) –
Bachmanns Blick allein inszeniert für die Rezipienten und vor sich selbst als eine Rechtfertigung des In-der-Welt-sein-Müssens, ein In-ihr-Stehen und -Sehen, ist in diesem Augenblick selbstbestimmter Direktor einer eigenen Gedankenbühne als Momentaufnahme und führt, weg vom Theater, nicht hinter die Kulissen, sondern zu dem, was vorher war und auch nachher sein muss, nach allen Bühnen sein muss, den Kulturstätten und „kultischen Administrationen eines Totenreichs“ zum Trotz zurück zu einer gefährdeten und zu gleich gefährdenden, vermeintlich ursprünglichen Natur. Aber sogar dort geht alles in Flammen auf, weil keine Einheit bestehen kann und die Sehnsucht als Suche nach dieser bleiben muss. Was zuvor schon fruchtlos war, muss brennen, damit es wirken kann und das wird nicht zu löschen sein.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Nicht spezifische Werke an sich, aber vielleicht Aspekte ihres Schreibens, die mir wichtig erscheinen …
Mich beschäftigen vor allem die Werke, wo die Dichterin (die Erzählstimme) über den Denker spricht, als eine Art absonderlicher Archetypus. Es ist meines Erachtens nur Wenigen gelungen, das Dichterdenken als eine zyklisch wiederkehrende Hybridform des ewigen Übergangs beider Disziplinen ineinander zu begreifen, zu leben, festzuhalten, abzubilden. Bachmann hat das im Gedicht nicht weiter verfolgt, dieses bewusste Abbrechen, das ich nie als ein Innehalten begriffen habe, das hat mich schon als Vierzehnjährige erstaunt und dann tatsächlich innehalten lassen, vor jedem Gedicht. Ich habe viele Eindrücke nie versprachlicht. Wie hätte man das seinem Deutschlehrer erklären sollen? Das brauchte einen langen Atem wie Ertüchtigungen und Übungen, fließend bis zum Ätherhauch hin. Das war keine Verweigerung, aber doch ein Zutrittsverbot für die, die das nicht mitfühlen oder denken konnten oder schlimmer, sich nicht einließen mit etwas wie Dichtung. Für mich war es, wie sich in die Sprache hineinatmen zu müssen, später auch über den perpetuierten Akt des Sprechens an sich, schließlich über gelebte Performanz. Es war ein Aus-sich-herausgehen-Müssen, ein Sich-auf-Zeit-Verlassen, Sichhingeben und Von-sich-selbst-Ablösen.
In einem Interview mit Kuno Raeber aus dem Jahr 1963 wird Bachmann gefragt, was ihr am wichtigsten in ihrer Produktion sei, Lyrik, Hörspiel oder Prosa. Sie antwortet: „Die sind mir alle eins […]“ und betont daraufhin, dass sie aufgehört habe, Gedichte zu schreiben, als ihr der Verdacht kam, sie „[…] »könne« jetzt Gedichte schreiben, auch wenn der Zwang, welche zu schreiben, ausbliebe. Und es wird eben keine Gedichte mehr geben, eh’ ich mich nicht selbst überzeuge, daß es wieder Gedichte sein müssen und nur Gedichte, so neu, daß sie allem seither Erfahrenen wirklich entsprechen.“
Ich muss dazu sagen, dass das Lesen ihrer Dichtung meine eigenen ersten lyrischen Versuche gestoppt und mich darüber lange im Gefühl reflektieren lassen hat, ich habe mich dann in mir selbst eingesponnen und einfach alles archiviert, was die Welt uns angetan hat in unvergleichlicher Brachialität, in ihrer radikalen Poetik, in ihrem schmerzhaft poetischen Ausdruck, der gewissermaßen ewig ist. –
Das hat sie mir gegeben, die Bachmann. Deshalb lese ich ihre Briefe nicht. Das wiederum möchte ich ihr geben, einen privaten, indifferent diffusen, nicht lesbaren Raum, eine Art Dunkelkammer, eingebettet in meiner Vorstellungskraft, sinnierend in meinem Denken, das manchmal das Gedicht, der Gedanke, die Erzählung einer anderen wird, etwas, das ich mit niemandem teile: Zutritt verboten. „Weil es darüber nichts zu sagen gibt. Das gehört in die Intimität von zwei Personen.“

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Diese Lesart ist für mein Empfinden natürlich gegeben, bleibt aber an der Oberfläche. Nehmen wir ihre Erzählung „Undine geht“. Die Lichtung der Begegnung mit Hans initiiert den ersten Schwellenmoment als ein unbestimmbarer Ort ohne Fokus, ein Ort, der immer ist und doch nie, ein Reich im Dazwischen. Denn es liegt überhaupt nicht in der Natur einer Undine (die personifizierte Natur ist) „zu gehen“, zu verführen, zu locken, zu rufen hingegen schon. Erst die Verbindung mit Hans, der, so die Erkenntnis Undines, alle Hänse ist, aber Undine ist auch alle Undinen (was aber nicht gezeigt wird), ermöglicht das Sich-Aufrichten in weiblicher (anscheinend übermenschlicher) Wut (und ja, die wird in unserer Zeit noch immer nicht genug wahrgenommen und oft als überemotionaler Ausbruch ohne Berechtigung gewertet). Wir schauen als Rezipienten aus Undines verletzter Sicht auf Hans, die eine fließende ist. Hans währenddessen ist das rationale, (aktiv) verletzende männliche Prinzip. Das Gehen wird doppelt aufgeladen, im Sinne eines Verlassens und gleichzeitig ist es ein Sich-Erheben, denn Undine ist und bleibt ein (in der Literaturgeschichte zumeist unbeseeltes) äußerlich menschlich anmutendes Wasserwesen aus einem dem Menschen verloren geglaubten Zauberreich. Sie ist nicht die vollendete (ganze, heile) Frau, sondern bekommt durch Hans erst die Möglichkeit, gehen zu lernen. Oder nehmen wir Malina, den männlichen Doppelgänger der Ich-Erzählerin, der bleibt, während Ivan (wie ein Hans von vielen) als Reibungsfläche, als Widerspieglung von Gewalt verschwindet. Ivan ist letztendlich nicht mehr als ein männlich geartetes/codiertes Symptom einer Krankheit, die unsere Zeit bestimmt. Tatsächlich geht es um die viel schwerwiegendere Integration des männlichen Doppelgängers, die Integration von überstandener Verletzung in einer an Dualität (auch im Sinne von Trennung) krankenden Welt.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich bin mir nicht sicher, ob man sich da bewusst hineinbegibt, sagt, jetzt werde oder bin ich Schriftsteller, und so begründe ich jetzt mein Leiden, das ein edles ist, weil ich doch etwas zu sagen habe, das alle lesen/hören/sehen müssen. Da spricht auch die Verlegerin aus mir, die die absonderlichsten Geschichten hört, warum Menschen schreiben und warum ihr Buch in diese Welt muss, die es verändern wird. Persönlich habe ich mich lange zurückgehalten, was das literarische Schreiben angeht. Und ja, das Leben hat sich in mich eingeschrieben und doch ist es aus meiner Sicht nur eine mitunter sehr begrenzende Ausdrucksform. Das reicht mir nicht und es reicht mir auch nicht, diesen Weg als Martyrium zu versinnbildlichen. Aber ich verstehe genau, was es heißt, wenn Bachmann sagt: „[…] eh man sich nicht die Hand verbrannt hat, kann man nicht darüber schreiben.“ Für mich persönlich hat es drei Gräber (ein anonymes, ein Familiengrab und ein Dichtergrab), drei Formen zerstückelter Erinnerungen in ihrer Rückführung und drei Träume (einen ersten, zweiten und letzten) gebraucht, um für eine Zeitlang im Schreiben so unverwundbar heil zu sein, dass die Nachtgedichte (O Nyx. Nachtgedichte, kul-ja! publishing, 2025) entstehen konnten. Ich habe die Verbrennungen erst archivieren und dann überwinden müssen, die Erkenntnis dahinter war, dass ich sonst meine Leser verwunde, wie es Bachmann mit mir getan hat, und nicht jeder will und kann zur übertragenen Fackel werden, wohl aber sollte man Ausschau nach dem Brennen halten, denn das wird, wie Bachmann sagt, weder durch Frost noch Herbstwind zu erlöschen sein, es wird in der Welt wirken.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Keine Sorge, ich lese deine Briefe nicht.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Auf meine Nachtgedichte folgen mit Nereiden reden nicht in diesem Jahr endlich meine Tiefseegedichte begleitet von den Unterwassercollagen von Patrizia Spieker in die Welt. Sie erscheinen am 19. März zur Leipziger Buchmesse. Auch wird es bald eine Zusammenfassung aller meiner Kurzgeschichten in einem Band geben. Da hole ich mir gerade die Rechte von anderen Verlagen zurück. Die multidisziplinäre Künstlerin Sara Stubenbaum wird das im Bild umsetzen. Darauf freue ich mich von ganzem Herzen.
Mit der Verleihung des Deutschen Verlagspreises 2025 haben sich die Manuskripteinsendungen für kul-ja! publishing verdreifacht, das hat mein eigenes Schreiben leider etwas in den Hintergrund gedrängt. Das Verlagsteam arbeitet gemeinsam mit mir fieberhaft und bereits in Vorfreude auf die großen Buchmessen hin. Durch meine Vorlieben und unsere Autoren im Verlag rückt jetzt natürlich auch Wien in den Fokus. Außerdem baue ich gerade internationale Künstlerkooperationen auf, um weiterhin Talente sichtbar zu machen. Dafür brauchte es viele verschiedene Formen des Ausdrucks und eine gute, klar strukturierte Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
Herzlichen Dank für das Interview!
Lieber Walter, und das möchte ich Dir schon länger sagen, es ist eine große Arbeit, die du für uns Kulturschaffende tust und die kann man nicht genug wertschätzen. Wir haben zu danken.
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Fotos: Portrait&Motiv Bachmann_Julia Kulewatz/privat.
Walter Pobaschnig 1_26