Liebe Runa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Kaffeetrinken, Nachrichten hören. Tief durchatmen. Hoffen, dass der Tag ohne die ganz großen Katastrophen vergeht. Und hoffen, dass der Widerstand gegen Verbrecher und Diktatoren anschwillt und zur befreienden Welle wird.
Dann setze ich mich an mein Manuskript. Mein neuer Roman spielt vor mehr als 2000 Jahren, in einer Zeit des Umbruchs, des Imperialismus und der Kulturkämpfe. Wissen muss bewahrt, Geiseln müssen gerettet werden, eine starke Frau sucht ihren Weg im zerstrittenen Europa. Ein topaktueller Roman also. Vor allem aber eine spannende Abenteuergeschichte vor historischem Hintergrund.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nicht verzweifeln, nicht den Mut verlieren, nicht schweigen. Als ich jung war, hat unsere Generation die Älteren gefragt: Warum habt ihr das zugelassen? Uns selbst haben wir gefragt: Wie hätten wir gehandelt? Mit jugendlicher Überheblichkeit waren wir überzeugt, wir hätten das Richtige getan.
Was wollen wir unseren Kindern und Enkeln einmal antworten?
Wir können aus der Geschichte lernen, ob sie 100, 1000 oder 2000 Jahre zurückliegt. Wir müssen nicht hinnehmen, was ABBA damals sangen: „The history book on the shelf Is always repeating itself“.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Kunst und Literatur müssen unbequem bleiben und sich nicht wegducken oder zähmen lassen. Sensitivity Reader scheinen einen höheren Stellenwert zu haben als Lektoren, die sich um Geschichte und Stil kümmern.
Schon im ersten Pandemiejahr fiel mir auf, dass die Verlage den Markt mit Wohlfühlbüchern überschwemmten. Der Blick auf die Büchertische in den Buchhandlungen verursachte mir Sodbrennen. Ein bisschen Herzschmerz hier, ganz viel idyllische Landschaft da, selbst die Krimis boten nur noch lustige Morde und nette, kauzige Ermittler. Überall leuchtende Farben und eine Prise Glitzer. Auch romantische Fantasy funkelt in allen Facetten. Kontroversen, echte Probleme und Gesellschaftskritik scheinen viele Verlagen heute als Kassengift zu sehen. Der Eskapismus blüht.
Natürlich will man sich auch mal in einen Roman oder Film hineinkuscheln, aber der Kokon darf nicht zum Grab des Verstandes werden.
Was liest Du derzeit?
Wie meist mehrere Bücher und Zeitschriften parallel, je nach Tageszeit und Stimmung zur Entspannung oder zur Recherche. Zum Beispiel „Rette die Katze“ von Blake Snyder. Immer zur Hand als Nachschlagewerk ist Jean-Louis Brunaux: „Druiden. Die Weisheit der Kelten“. Ich war froh, als ich es doch noch in der deutschen Übersetzung fand, nachdem ich mich durch das französische Original gequält hatte. Jetzt stehen beide nebeneinander in meinem Handapparat, der knapp zwei Regalmeter umfasst. Ich bin von Haus aus Journalistin, Recherche zählt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Aber wie bei jedem Artikel findet nur ein Bruchteil des Erlesenen den Weg in den fertigen Text. Der Unterbau muss stimmen, damit die Erzählung glaubhaft wird. Dann können die Leserinnen und Leser in die Story eintauchen und den Menschen folgen, die ich erschaffen und gemeinerweise sofort in Schwierigkeiten gebracht habe.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
J.R.R. Tolkiens Satz: “Es ist eine gefährliche Sache, aus deiner Tür hinaus zu gehen. Du betrittst die Straße und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, kann man nicht wissen, wohin sie dich tragen.”

Vielen Dank für das Interview, liebe Runa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen: Runa Corvin, Schriftstellerin
Zur Person/über mich: Runa Corvin wurde in einem Schwarzwaldtal geboren und lebt heute in der Weite Niedersachsens.
Nach vielen Jahren als Journalistin ist sie es gewohnt, präzise zu recherchieren und komplexe Inhalte zugleich spannend und verständlich aufzubereiten. Unter ihrem Klarnamen veröffentlichte sie bereits drei Kriminalromane und zahlreiche Kurzgeschichten.
Ihre neue Romanreihe verbindet ihre Erfahrung im Spannungsgenre mit ihrer Begeisterung für historische Stoffe.
Fotos: privat
15.1.2026_Interview_Walter Pobaschnig