„Literatur und Kunst können uns wissender machen“ Michael Hillen, Schriftsteller _ Bonn 13.1.2026

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie beinahe jeden Tag werden wir später (meine Frau und ich) einen Spaziergang am Rhein machen. Gleich ob von der Bonner Südstadt aus, wo ich aufwuchs und was heute weitgehend als „gentrifiziertes Viertel“ zu bezeichnen wäre, in dem meine Eltern (Mutter „Hausfrau“, mein Vater größenteils seines Arbeitslebens als ungelernter Karosserieschlosser tätig) heute die Miete nicht mehr würden bezahlen können, oder vom nördlichen Ortsteil Bonn-Castell aus, geprägt von vielen Spuren und Zeugnissen der Römer, wo ich nun seit einem halben Jahrhundert wohne – es waren und sind stets bloß wenige Gehminuten bis zum Fluß, der mit seinen vielen stromauf- und stromabwärts fahrenden Frachtschiffen und den weißen Ausflugsbooten eine Kontinuität im eigenen Leben bildet.

Zudem werde ich mich weiter einem entstehenden Gedicht widmen (ab einer bestimmten Phase besteht dies vorwiegend aus dem ständig stillen Aufrufen des Geschriebenen), was erfüllender noch scheint, als es irgendwann veröffentlichen zu können, kann doch während dieser Arbeit die „Angst vor dem weißen Blatt“ wieder einmal verscheucht werden. Ich muß dabei konstatieren, daß ich nach der endlichen Reinschrift (oft stehen dieser zehn, zwölf abgewandelte Fassungen voran) eine gewisse Erschöpfung verspüre (was mittlerweile, Jg. 1953, womöglich auch mit dem Älterwerden zusammenhängt). Gewiß ist das schwer zu verstehen für einen „Außenstehenden“, „die paar Zeilen“ wird er mit einigem Recht sagen können, doch ist es wohl über viele Tage dieses ständige Überprüfen des zuerst Handgeschriebenen, es in Gedanken durchgehen, wo man geht und steht, dieses ständige Abhorchen des Klangs einer Wortfolge, das leise Vorsichhinsagen einer Passage, eines Satzteils und wiederum das Verwerfen oder der Zweifel am Verwerfen sowie die Suche nach dem trefferenden Wort, das manchmal sich lange nicht einstellen mag, was diese Ermüdung hervorruft („Dichten ist wie Radium gewinnen. Arbeit ein Jahr, Ausbeute ein Gramm“, W. Majakowski). Aber es ist eher eine Feststellung denn eine Klage, weiß man doch um das weitaus härtere Los so vieler Leute.

Und die monatlichen „Briefe gegen das Vergessen“ werde ich heute noch an Regierungen und Botschaften schreiben, eine weltweite Initiative von Amnesty International, an der ich mich beteilige seit ich noch ein jüngerer Mann war, um mit vielen anderen zu versuchen, öffentlichen Druck auf die politisch Verantwortlichen in aller Welt auszuüben und die Freilassung zu fordern für gewaltfreie, namentlich von Amnesty genannte und mit ihrem Schicksal vorgestellte politische Häftlinge, die im jeweiligen Land ohne rechtsstaatliches Verfahren und aus nichtigen und konstruierten Gründen gefangengehalten werden und oft Folter, Mißhandlungen, verweigerter medizinischer Versorgung ausgesetzt oder von einem Todesurteil bedroht sind.  

Michael Hillen, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Niemand kann natürlich für „alle“ sprechen, doch ich denke, wer genug zu essen und ein warmes Zuhause hat, wer nicht von Drohnen und Granaten angegriffen wird, nicht aus einem Land zu fliehen genötigt ist, weil es um leben oder sterben geht, wer nicht um einen Eimer Wasser kilometerweit laufen muß, dem sollte bewußt sein, daß das nicht selbstverständlich ist und vielen das Gegenteilige widerfährt und wieviel auch vom Zufall der Geburt abhängt. Daß es soviel Mangel, Unfreiheit und Ungleichheit unter den Menschen gibt, kann keiner für rechtens erklären, es gründet auf einem Unrecht, dem niemand in der Welt ausgesetzt sein dürfte. Überhaupt diese bedrückende „Duplizität der Ereignisse“: Während im eigenen Leben etwas Belangloses, Banales geschieht, ist zur gleichen Zeit jemand anders mit Gewalt, Tortur, Zerstörung konfrontiert. „Fremdes Leid bringt keinen Trost“, sagt ein spanisches Sprichwort. Daher hört nicht auf zu gelten: So wie es ist, kann es nicht bleiben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wesentlich wird u.a. sein, daß der auch in einem reichen Land wie Deutschland sich ausbreitenden Armut, Wohnungs- und Obdachlosigkeit politisch entgegengewirkt wird. Der parallel bestehende und sich anhäufende Reichtum Weniger kann nicht anders als obszön bezeichnet werden. Eine weitere demokratiegefährdende Entwicklung ist die zunehmende Tendenz, daß Fake-Nachrichten von einem breiten Publikum offensiv in die eigene Meinungsbildung „integriert“ werden, was den Demagogen zupaßkommt, die aus zynischem Kalkül stets das Schlechteste fürs eigene Land erhoffen, um sich als vermeintliche Heilsbringer zu gerieren. Hannah Arendt schrieb: „Wo Tatsachen konsequent durch Lügen und Totalfiktionen ersetzt werden, stellt sich heraus, daß es einen Ersatz für die Wahrheit nicht gibt. Denn das Resultat ist keineswegs, daß die Lüge nun als wahr akzeptiert und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, sondern daß der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird.“  (Hannah Arendt, Wahrheit und Politik)

Literatur und Kunst, „die schönen Künste“ nennt man es ja nicht völlig zu unrecht, können uns sicherlich sensibilisieren, bezogen darauf, wie wir sprechen, sehen, wahrnehmen, wie wir über Dinge, Menschen oder gesellschaftliche Verhältnisse urteilen und denken, welchen Blickwinkel wir einnehmen, vielleicht verändern sollten. Und ebenso aufklärerisches Potenzial wird ihnen nicht abzusprechen sein, mit den ihnen eigenen Mitteln können sie uns wissender machen. Zweifel gegenüber dem eigenen künstlerischen, hier: literarischen Tun sind nie gänzlich fernzuhalten, andererseits unerläßlich, um irgendeiner Selbstüberschätzung erst gar keinen Raum zu geben („Literatur bewirkt nichts, sie ist der Schleier vor den Leichenbergen“, so Theodor Lessing, und man möchte ein klein wenig mehr Milde erbitten). So folge ich letztlich gern der polnischen Lyrikerin Wisława Szymborska, die „das Lächerliche des Schreibens dem Lächerlichen des Nichtschreibens“ vorzog.

Was liest Du derzeit?

Pier Paolo Pasolini, „Nach meinem Tod zu veröffentlichen. Späte Gedichte“ und ein weiteres Mal, es ist stilistisch so fein geschildert, von Marisa Madieri, „Wassergrün. Eine Kindheit in Istrien“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wäre ich kein negativer Schriftsteller, möchte ich ein negativer Tischler sein“ (Günter Eich)

„Es ist gleich, ob einer mit seinem Preßlufthammer oder an seiner Schreibmaschine verzweifelt“ (Thomas Bernhard)

„Der Überdruß des beständig Neuen“ (Fernando Pessoa)

Vielen Dank für das Interview, lieber MIchael, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen: Michael Hillen, Schriftsteller

Zur Person/über mich: Michael Hillen, geb. 1953 in Bonn, lebe dort. Nach Ausbildung in einem sonderpädagogischen Verlag Tätigkeit als Korrektor, Lektor und Bibliothekar; Lyriker. Die zuletzt veröffentlichten Gedichtbände waren „Frau Röntgens Hand“ (Edition Keiper, Graz 2012), „Wundbilder“ (mit einer Radierung von Peter Marggraf; San Marco Handpresse, Bordenau/Venezia 2016), „Antonia und andere Frauengeschichten“ (Verlag Traian Pop, Ludwigsburg 2018), „Stockrosen“ (mit Aquarellen von Peter Marggraf; San Marco Handpresse, Bordenau/Venezia 2020 – eine die gesamte Entstehung des Künstlerbuchs „Stockrosen. Gedichte“ dokumentierende Kassette ist aufbewahrt im Deutschen Buch- und Schriftmuseum Leipzig) und schließlich „Wo das Gestern geblieben ist“ (Königshausen & Neumann, Würzburg 2021), Gedichte, die Vergangenem nachspüren und dabei auf unvermutet Gegenwärtiges treffen – „seiner Melancholie, bisweilen seinem Schrecken“, wie es im Klappentext heißt.

Aktueller Gedichtband von Michael Hillen:

Michael Hillen, Wo das Gestern geblieben ist. Gedichte, 97 S., 14,80 Euro, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg, ISBN: 978-3-8260-7426-4.

https://verlag.koenigshausen-neumann.de/product/9783826074264-wo-das-gestern-geblieben-ist/

Foto: privat

6.1.2026_Interview_Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com

Hinterlasse einen Kommentar