„ein einsamer Raum der Freiheit“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Leopold Federmair, Schriftsteller_ Hiroshima/JPN 11.1.2026

Ingeborg Bachmann _ Leopold Federmair

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann auf der Terrasse ihrer Wohnung/Bocca di leone,
Rom um 1971

Im Interview _  Leopold Federmair, Schriftsteller_ Hiroshima/Wien

Lieber Leopold, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ich habe vor einem Jahr ein Porträt von Ingeborg Bachmann geschrieben, es erscheint demnächst in meinem neuen Buch „Portraits“ bei PalmArtPress in Berlin. Es war mir wichtig, dass Bachmann in dieser Sammlung dabei ist, auch, weil sie zu ihrer Zeit, Mitte des 20. Jahrhunderts, eine der damals noch nicht allzu vielen Frauen war, die ein komplexes und hochinteressantes literarisches Werk geschaffen haben (neben ihrer Freundin Ilse Aichinger). Erstmals gelesen habe ich sie in meiner Studentenzeit, sie blieb immer irgendwo in meinem persönlichen Parnass vorhanden, vielleicht eher im Schatten, aber manchmal ist sie daraus hervorgetreten, oder ich habe sie eigens hervorgeholt.

Leopold Federmair, Schriftsteller_ Hiroshima/Wien _
Station bei Malina _ Romanschauplatz _ Wien _
Walter Pobaschnig 5/25, f.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Wie die meisten Autoren (sie sah sich als Autor, nicht als „Autorin“, das war ihre Art, ihre Leistung als Frau zu betonen) hatte sie ihren eigenen Stil. Den zu beschreiben ist, wie bei anderen Autoren, nicht einfach und würde einen ganzen Essay erfordern. Sie hat vieles probiert, hat sich entwickelt, ihr Bachmann-Stil war nicht ab einem bestimmten Zeitpunkt da und ist dann geblieben (wie bei Thomas Bernhard), sondern hat sich ziemlich verändert. Mich interessiert mehr dieses dauernde Versuchen, das Ungenügen, das in ihrem Werk immer wieder spürbar ist – mehr als die wenigen rundum gelungenen Werke. Rundum gelungen sind am ehesten einige Erzählungen aus „Das dreißigste Jahr“. Vielleicht hat sie da zu ihrer Mitte gefunden; eine Mitte, die sie nicht dauerhaft halten konnte. Um den Roman als damals für sie neue Form hat sie gerungen, die Todesarten-Trilogie ist eine große Ruine, eine Baustelle, die vielleicht nichts anderes sein konnte als Ruine. Das Werk „behauptet“ sich als Ruine, schrieb Walter Benjamin über das barocke Trauerspiel: Die – bei Bachmann: schwierige – Neugeburt hat die Form der Ruine. In diesem Sinn würde ich Bachmanns Roman-Torsi, zu denen man vielleicht auch „Malina“ zählen sollte, als Barockliteratur bezeichnen.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Habe ich gerade gemacht, aber erwähnen möchte ich noch, dass einige der Bilder und auch der Formulierungen ihrer Gedichte sich mir tief eingeprägt haben, so dass sie mich sicher bis zum Lebensende begleiten werden („Ausfahrt“, „Enigma“ und andere).

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten Sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview 1971. Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ich sehe einerseits die Welt, die immer noch patriarchal ist, aber viel weniger als zu Lebzeiten Ingeborg Bachmanns. Ich sehe andererseits Ingeborg Bachmann 1971, als sie Jahre hinter sich hatte, in denen sie selbst krank war. Krank gemacht von den Männern, von bestimmten Männern mit Namen und Adresse, oder doch (auch) von anderen Faktoren? Ich wage es nicht zu beurteilen. Mit dem zitierten Satz in dieser Form kann ich nicht viel anfangen. Er läuft vielleicht auf die heute ziemlich verbreitete, oberflächliche Rede von der „toxischen Männlichkeit“ hinaus, die ich so nicht teile. In einem literarischen Text könnten solche Pauschalsätze („alle Männer“) rhetorische Wirkung haben. Thomas Bernhard hat das vorgemacht. Bachmann hat Bernhard rezipiert, und ich glaube – obwohl er etwas jünger war als sie –, er hat sie in ihrer letzten Zeit beeinflusst.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Kann gut sein, dass das Schreiben für Bachmann ein Martyrium war. Aber auch ein, wenn auch einsamer, Raum der Freiheit. Beides. In ihrer letzten Zeit wahrscheinlich mehr Martyrium als Freiheit.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Wenn ich eine Frage „frei“ hätte wie z. B. bei einer Pressekonferenz oder vor einer Fee, dann würde mir gar nichts einfallen. In einem mehr persönlichen Kontext würde ich sie vielleicht bitten, mir noch ein wenig mehr als das, was man eh weiß, von ihrem Zusammenleben mit Hans Werner Henze zu erzählen, der ja bekanntlich schwul war, und ob sie ihm ernstlich vorgeschlagen hat, zu heiraten, oder doch eher ironisch. Wir könnten gemeinsam in Italiensehnsüchten schwelgen und uns über diese lustig machen. Und nebenbei ein paar italienische Erfahrungen austauschen.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich bin mitten in einem Roman und hoffe, dass er gelingt und andere das auch so sehen. An diesem Punkt schreibt sich ein Text ein bisschen wie von selbst, er folgt seiner eigenen Dynamik. Das ist mir allerdings auch immer wieder suspekt. Manchmal muss man sich als Autor (d. h. den Text) bremsen. Oder?

Herzlichen Dank für das Interview!

Bitte.

Leopold Federmair, Schriftsteller_ Hiroshima/Wien _
Station bei Malina _ Romanschauplatz _ Wien _
Walter Pobaschnig 5/25
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Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.

Fotos: Leopold Federmair, Station bei Malina _ Romanschauplatz _ Wien _
Walter Pobaschnig 5/25
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Walter Pobaschnig   1_26

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