„Bachmanns Analysen spitzen sich heute bedenklich zu“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Ines Edith Oppitz, Schriftstellerin _ Wels/OÖ 6.1.2026

Ingeborg Bachmann _  Ines Edith Oppitz 

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann Rom 1962 _
Foto: Heinz Bachmann

Im Interview _  Ines Edith Oppitz, Schriftstellerin _ Wels/OÖ

Liebe Ines, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Mit unbezwingbarer Neugierde habe ich mich nach der Matura der sogenannten literarischen Moderne zugewandt, nachdem unser Literaturunterricht erst in der 8. Klasse Gymnasium mit neuem Professor über die Klassik hinausging. Über Bachmann, Bernhard, Aichinger, Celan ….. konnten wir in der verbleibenden Zeit viel zu wenig erfahren. Bachmanns Roman „MALINA“ wurde sozusagen damals zu meinem Lebensroman. Mein hochgeschätzter Philosophie- und Psychologieprofessor hatte über mich festgestellt, ich würde fühlen wie ein weibliches Wesen, das ich ja auch sei, aber sehr oft denken wie ein Mann….

Im Roman MALINA fühlte ich mich erst einmal unter diesem Aspekt wahrgenommen. Die Identitätsfrage, die Position und innere Zerrissenheit der Ich-Erzählerin, ihr Ringen mit der Gewalt der Geschlechterverhältnisse in einer patriarchalischen Gesellschaft bewegten mich zutiefst. Eins kam zum anderen, in Bachmanns Lyrik, ihre Erzählungen, Hörspiele, Essays, in den Bachmannschen Kosmos tauchte ich ein ….. Und ich blieb.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Bachmanns präzise und penible Auseinandersetzung mit Sprache, die jedes Wort bis in seinen tiefsten Grund auszuleuchten schien, hat mich von Anfang an gefesselt, zumal mir Wittgenstein ebenfalls seit jeher nahe ist. Literaturkritiker Werner Weber, der die Laudatio zur Verleihung des BüchnerPreises an Ingeborg Bachmann 1964 hielt, nahm, wie ich viel, viel später las und mich erinnere, Bezug auf Wittgensteins wohl bekanntesten Satz aus dem Tractatus „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ und folgerte, dass  Bachmanns Sprache aus der unmittelbaren Nähe zum Schweigen auflebe. Die Existenz eines Wortes in ihrer Dichtung und Literatur hatte, meiner Meinung nach, nur dann ihre Berechtigung, wenn es die höchste Deckungskraft mit der Aussage eines Textes erreicht hatte. Begleitend zur Erzählung „Ein Wildermuth“ im Band „Das dreißigste Jahr, 1961, greift Ingeborg Bachmann inhaltlich den Begriff „Gaunersprache“ auf und damit die große Schwierigkeit der Wahrheitsfindung im Gebrauch von Sprache. In der Erzählung „Alles“ kommt Bachmann über die Feststellung „Alles ist Denken“ zum Schluss „Alles ist Sprache“.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

MALINA ist nach wie vor jener Roman, der mich vom ersten Lesen an begleitet. Der Textzyklus „Todesarten“ ebenso wie ihre Lyrik, die beiden Gedichtbände „Die gestundete Zeit“„Anrufung des Großen Bären“ („Ihr Worte“, „Reklame“) und die Gedichte aus dem Nachlass. Und nicht zu vergessen die „Frankfurter Vorlesungen“ und Essays, Reden, Kleinere Schriften „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, beide im Piper Verlag erschienen.  …. To be continued ….

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Bachmanns Literatur, ihre gesellschaftlichen Analysen und Beobachtungen haben nichts an Aktualität verloren, ich habe – ganz im Gegenteil  – den Eindruck dass sich Vieles daraus mehr als bedenklich zuspitzt. Es empfiehlt sich dringend, ihre Texte im Kontext gegenwärtiger Ereignisse aufmerksam und äußerst wachsam zu lesen! Und daraus die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Insofern möchte ich die Frage, ob Literatur die Gesellschaft verändern kann, bejahen! Mit Bedacht. Nicht radikal …

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in einer Vorlesung. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Verallgemeinern kann man, so glaube ich, die Motivation zum künstlerischen Tun und zu seinem Entstehungsprozess nicht. Sehr oft ist es eine Leidenserfahrung, die nach der Bewältigung durch Schreiben oder andere künstlerische Ausdrucksweisen lechzt.

Mich bewegt beispielsweise ein Wort, das mich plötzlich anspringt, ein Satz, ein Text, ein Bild, Klang, ein Lichteinfall zum Schreiben, eine besondere Beobachtung, Begegnung mit Menschen, Tieren, mit der Natur, mit meinem Umfeld. Die Frage WARUM … . Die Frage „WAS IST WIRKLICHKEIT“ …  Diese Fragen ziehen sich auf vielfache Weise durch mein Leben und Schreiben und lassen sich letztendlich nicht beantworten. Experimente und Erkenntnisse der Quantenphysik, die ich begeistert und laienhaft in mich aufsauge, empfinde ich dafür als ungemein spannend und hilfreich!  Persönliches, das mich beschäftigt, belastet, auch beglückt, findet Eingang in mein Schreiben. Leben und Schreiben, Sprache und Sein, ineinander verquickt.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Gesagt hätte ich Ingeborg Bachmann gern, dass ihr Werk für mich lebensbegleitend ist. Meine Frage an sie beträfe ihr innerstes Lebensgefühl, ausgedrückt, reflektiert im Gespräch ….

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich bin eine sehr langsame Schreiberin, daher hätte mein Vater niemals befürchten müssen (was er aber leider tat), dass ich vom Schreiben leben wollte. Auch gibt es stets mehrere Vorhaben gleichzeitig.

Derzeit ist ein Lyrikband mit dem Arbeitstitel „Innenprotokolle“ in Arbeit. Ein Band mit Kurzprosa „Bilderrisse“ wurde begonnen. Beides muss warten. Denn ich habe nach etlichen Versuchen wiederum ernsthaft, mit entschiedenerem Nachdruck diesmal und innerer Dringlichkeit meinen Dialog mit dem dritten Band der Prager Trilogie „CITTÀ DOLENTE“ – „THETA“ – der Prager Schriftstellerin, Literaturtheoretikerin und Wissenschafterin DANIELA HODROVÁ wieder aufgenommen. (Amann Verlag 1998, deutsche Übersetzung: 1. Band: Das Wolschaner Reich: 2. Band „Im Reich der Lüfte; 3. Band THETA) Die Autorin ist leider 2024 im Alter von 78 Jahren gestorben und wird schmerzlichst vermisst. Näheres, vor allem auch ein früherer Text von mir für eine Publikation zu diesem Roman, ist auf meiner Profilseite zu finden bzw. nachzulesen. (u.a. vom 28. Dezember 2025). Die literarische Form des Dialogs ist mir noch nicht ganz klar. Es geht um das Wiederlesen, um eine sorgfältige Analyse und einen ersten Entwurf.

Herzlichen Dank für das Interview!

  Ines Edith Oppitz, Schriftstellerin _ Wels/OÖ

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann

Foto: Ines Edith Oppitz _ Monika Primenz

Walter Pobaschnig   1_26

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