„Radikalität, Empfindsamkeit und Intelligenz“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Sophie Reyer, Schriftstellerin _ Wien 3.1.2026

Ingeborg Bachmann _ Sophie Reyer

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann _ Rom 1962 _
Foto: Heinz Bachmann (Bruder)

Im Interview _ Sophie Reyer, Schriftstellerin _ Wien

Liebe Sophie, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

Meine große Liebe war ja immer Paul Celan. Ich habe mit siebzehn den Band „Lichtzwang“ gelesen und bin über seine Texte zu ihren gekommen. Besonders fasziniert hat mich damals Bachmanns Hörspiel „der gute Gott von Manhatten“, weil die Bilder so schräg sind – und weil sie so wunderbar aufzeigt, wie nahe tiefe Liebe an tiefem Wahnsinn sein kann.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Für mich liegt das Besondere an Ingeborg Bachmanns Schreiben in der Intensität, mit der sie innere Zustände und gesellschaftliche Strukturen miteinander verbindet. Ihre Sprache ist dicht, poetisch und gleichzeitig präzise, sie schafft Bilder, die auf mehreren Ebenen wirken – emotional, intellektuell und politisch. Dabei spürt man immer die Spannung zwischen Nähe und Distanz, zwischen Intimität und Kritik, zwischen dem Inneren des Individuums und der äußeren Welt. Sie lässt ihre Leserinnen und Leser an existenziellen Fragen teilhaben, ohne dabei je belehrend zu sein. Diese Mischung aus Radikalität, Empfindsamkeit und Intelligenz macht ihr Werk für mich einzigartig.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Ja, besonders „Malina“ hat mich sehr bewegt. Die Art, wie sie dort die psychische Zerrissenheit einer Frau in einer patriarchalen Gesellschaft beschreibt, ist erschütternd und zugleich faszinierend. Auch die „Gedichte aus dem Nachlass“ berühren mich, weil sie so unmittelbar, so verletzlich sind und gleichzeitig eine unglaubliche sprachliche Kraft besitzen. Und natürlich immer wieder ihre Essays und Vorträge, in denen sie gesellschaftliche Themen mit literarischer Präzision verknüpft.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Leider muss man sagen, dass viele ihrer Beobachtungen auch heute noch zutreffen – und in manchen Kontexten vielleicht sogar aktueller sind denn je. Die patriarchalen Strukturen, die sie kritisierte, zeigen sich nach wie vor in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Ich glaube, gerade deshalb lohnt es sich, ihre Texte heute erneut zu lesen: Sie geben nicht nur Einblick in eine bestimmte historische Situation, sondern regen auch dazu an, kritisch auf unsere Gegenwart zu schauen.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Wie es für andere ist weiß ich nicht. Ich selbst bin sehr froh, dass ich das Privileg habe, mich künstlerisch ausdrücken zu dürfen. Ich bin auch gern allein, nicht, weil ich asozial bin, sondern weil ich in der Stille besser mir selbst begegnen kann. Und ich nehme mir auch gern Zeit für Texte. Vielleicht ist es für manche Menschen absonderlich, sich so zu verhalten, aber ich lebe ja nicht nach den Maßstäben anderer, sondern nach meinen, und ich finde meine Existenz sehr erfüllend – auch wenn man die Dinge in der Literatur nie ganz so ausdrücken kann, wie man es gern möchte. Es ist immer ein Tanz mit der Sprache, man will nach ihren Händen greifen und greift ein Stück weit ins Leere, aber das ist nur ein Grund, weiter zu tanzen. Wir brauchen diese Suchbewegung, dieses Taumeln, wenn wir wachsen und etwas lernen wollen. Das kann sich wie Verdammnis anfühlen, aber für mich ist es mehr Chance als Verdammnis. Mit jedem neuen Text kann man ganz neu anfangen.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich hätte sie gern gefragt, wie sie es geschafft hat, so radikal ehrlich zu schreiben, ohne sich selbst zu verlieren. Wie sie die Balance hielt zwischen persönlicher Verletzlichkeit und politischer Schärfe. Und ich würde ihr danken – für ihre Sprache, für die Kraft ihrer Worte und für die Wege, die sie für nachfolgende Generationen geöffnet hat.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Momentan arbeite ich an einem neuen Krimi über die Komponistin Olga Smirnitskaja. Sie musste ihre Liebe zu Johann Strauß aufgeben, weil sie eine Adelige war und er sie nicht heiraten durfte. Ich möchte die Spannung zwischen Leidenschaft, gesellschaftlichen Zwängen und musikalischer Kreativität erzählen und dabei sowohl historische Details als auch psychologische Tiefe einfließen lassen.

Herzlichen Dank für das Interview!

Sophie Reyer, Schriftstellerin _ Wien

Foto _ Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.

Foto _ Sophie Reyer: Lipus Marku.

Walter Pobaschnig 1.1.26

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