„Ich gehe und gehe und gehe“ Martin Trimmel, Schriftsteller _ Wien 25.5.2025

Martin Trimmel, Schriftsteller

Lieber Martin Trimmel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Schwer zu sagen: Mein Tagesablauf ändert sich ständig, weil ich immer wieder in neue Situationen gerate.

Vor kurzem habe ich in einer Altbauwohnung in der Josefstadt gewohnt, später in einem kleinen Holzhäuschen in Langenzersdorf, dann in einer kleinen Wohnung, ebenfalls in Langenzersdorf. Jetzt miete ich ein kleines Haus im südlichen Niederösterreich, bin aber vier bis fünf Tage in der Woche in Floridsdorf und übernachte dort auch. Vor allem bin ich jetzt deshalb vorwiegend in Wien, weil in dieser Stadt meine Freundin wohnt, ich da Teilzeit in einem Büro arbeite und ich vor kurzem begonnen habe, gemeinsam mit meiner Freundin Kurzfilme, kurze Videos und eine Lesereihe zu drehen.

Ein bisschen mehr Gleichmaß und Halt genieße ich jedoch mittlerweile. Eben weil ich seit einigen Jahren eine fixe Beziehung und einen relativ fixen Teilzeitjob habe.

Wenn ich, meist unter der Woche, in Wien bin, sieht mein Tag beispielsweise wie folgt aus:

Ich erwache zwischen sieben und halb acht und trinke in Ruhe einen schwarzen Kaffee; ich denke nach, mache die eine oder andere Notiz. Dann gehe ich meistens zu Fuß zur Straßenbahn und fahre mit dieser zum Büro. In der Straßenbahn lese ich ganz kurz; manchmal schreibe ich auch ein paar Zeilen. Um halb zehn beginne ich zu arbeiten. E-Mails checken, E-Mails schreiben und so weiter und so fort bis drei. Da ich mit meiner Freundin zusammenarbeite können wir gleich nach der Arbeit loslegen: neue Ideen austauschen, planen, zu neuen Drehorten fahren oder gehen und oft gleich drehen.

Wenn ich Wien bleibe, essen wir danach zu Abend; oft in einem Restaurant. Im Sommer sitzen wir gerne in Restaurants an der alten  Donau.

Zurück in der Wohnung heißt es meistens: kleine Pause. Später, so zwischen acht und halb zwölf, setzt jeder seine Arbeit fort: Meine Freundin schneidet Filme bzw. Videos und ich schreibe: ein paar Zeilen; vielleicht ein paar A5-Seiten mit Bleistift oder ich tippe sie ein, je nachdem, bei welchem Arbeitsschritt ich bin.

Allgemein schreibe ich aber auch viel „im Prozess“, wie ich es nenne, also im Zug, in der Straßenbahn, im Kaffeehaus, in einem Lesesaal,…

Wenn ich nach der Arbeit zurück nach Niederösterreich fahre, sieht der Rest des Tages zum Beispiel so aus: Ich sitze in der Schnellbahn, schließe die Augen, öffne sie wieder, schau auf das Handy; … immer noch – zu lange, denke ich mir, steck es wieder ein, nimm ein Buch, lese eine Runde; ich sollte schreiben, denke ich mir, falls ich gerade an einem Text arbeite, also nehme ich mein Notizbuch als Unterlage, zusammengefaltete A4 Blätter und meinen Bleistift und schreibe ein paar Zeilen oder ein paar A5-Seiten. Manchmal werde ich angesprochen. Etwa von einer älteren Dame, die sagt, sie finde das toll, jemanden, der mit Papier und Bleistift arbeitet, das sieht sie selten. Ich brauche bloß Bildschirmpause, sag ich. Aber um nicht zu viel Ressourcen zu verbrauchen verwende ich vorwiegend graues Recyclingpapier oder Second-Hand-Papier vom Büro; – Fehldrucke, die wir sonst wegschmeißen würden. Das aber denke ich mir nur, weil mein Gewissen mich zwingt, dergleichen dazu zu sagen, wenn auch nur in mich hinein. Denn das hat sie mich gar nicht gefragt, das interessiert sie nicht. Also schreibe ich weiter, setze den Rest des nicht stattgefundenen Dialogs als Monolog in mir fort, grüße freundlich, als sie aussteigt und sie wünscht mir viel Erfolg. Kurz vor Wiener Neustadt packe ich Notizbuch, Papier und Bleistift wieder in den Rucksack. Als der Zug hält, steige ich aus; – und um in die Regionalbahn Richtung Aspang und fahre vier Stationen. 

Von jenem kleinen Bahnhof gehe ich zwei bis drei Kilometer bis zum Haus. Wenn ich von der Großstadt komme, gehe ich meist nicht gleich hinein sondern vorerst eine Runde im Wald. Es erwacht die Sucht nach Grün und frischer Luft. Ich gehe und gehe und gehe und atme einige Male ganz tief durch. Dann ziehe ich mich zurück in meine Höhle.

Im Haus angekommen sieht der Ablauf ganz grob meistens folgendermaßen aus: Essen, lesen, schreiben oder schreiben, essen, schreiben, lesen, schreiben. Zwischendurch: Klassik oder Jazz. Und Social-Media-Management. Posten, liken, teilen, kommentieren, Content erstellen; aber Contents erstelle ich meistens gemeinsam mit meiner Freundin in Wien. Sie motiviert und ermutigt mich auch dazu.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Wechselwirkung in allen Beziehungen und Bereichen zu sehen. Zu verstehen, dass jeder seinen Beitrag leisten kann. Jeder kann etwas für die Kultivierung, also gegen den Krieg, für die Demokratie also gegen Autokratie, für Umwelt- und Klimaschutz, also gegen die Zerstörung unseres Lebensraums, tun. Jeder kann die Welt, in der wir leben, mit gestalten und erschaffen.

Jedem muss bewusst sein, dass alles zusammenhängt – alles verwoben, verknüpft und verschränkt ist. Dass es auch dort Zusammenhänge gibt, wo man keine wähnt. Und dass jede Entscheidung und jedwede Tat die Welt kreiert und verändert.

Aber die Welt noch surrealer machen, als sie ohnehin ist, sollten wir nur in der Kunst.

Denn in allen anderen Bereichen des Lebens ist das brandgefährlich, weil in denselben ein Wahrheitsanspruch erhoben wird. Es wird zwar auch in der Kunst oft so getan, als würde die Wahrheit gesagt werden, es wird jedoch nicht wirklich ein Wahrheitsanspruch erhoben. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Wir sollten ein Feingefühl entwickeln: dafür, was eher realistisch ist und was weniger; – ein Gefühl für Ausdrucksformen bekommen, in denen Unwahrheiten als Wahrheiten präsentiert werden.

Wir sollten zusammenarbeiten und respektvoll miteinander umgehen. Not – wendige Entwicklungen fördern. Nicht verzichten, aber tun, was die Entwicklung des Lebens fördert. Deshalb gehe ich viel zu Fuß, anstatt mit dem Auto zu fahren. Ich verzichte damit auf nichts – ganz im Gegenteil: ich nehme vieles genauer wahr, ich grüble weniger und denke mehr wenn mein Kreislauf in Schwung ist. Und auch wenn man Kinder hat, ist es oft möglich und besser, wenn man das Auto stehen lässt und mit ihnen zu Fuß geht oder mit dem Fahrrad oder Roller fährt. Meines Erachtens ist Gehen jedoch besser, wenn es die Zeit erlaubt. Bewegung im Freien ist auch vorteilhaft für die Entwicklung des Kindes; und somit überhaupt für die Entwicklung der Menschen. (Natürlich ist es ein Unterschied, ob man auf dem Land oder in der Stadt wohnt. Die Strukturen lassen die autolose Variante oft nicht zu. Das ist ein Problem, finde ich.)

Wir sitzen oft, zu oft, in einem Kasten und schauen in einen Kasten (oder in ein Kästchen). Oft sind wir „in Bewegung“, bewegen uns selber aber nicht. Auch mein Leben sieht mittlerweile so aus. Ich denke, es wird in nächster Zeit auch zunehmend um Bewegung, um die Art und Weise wie man gewisse Dinge einsetzt und in welchem Ausmaß und überhaupt um Maße gehen. (Stichwörter: Mobilitätswende, Energiewende, Klimaschutz, Gesundheit, KI)

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Kunst schafft Perspektiven und öffnet Räume – vor allem Denkräume, die im Krieg geschlossen werden. Literatur, Philosophie und Kunst erweitern die Welt, das Denken, „das Bewusstsein“ und entwickeln die Sprache (bzw. die Kommunikation) weiter.

Die Welt in der wir leben prägt unser Denken, das Denken unser Bewusstsein und unsere Sprache; und umgekehrt prägt auch die Sprache unser Bewusstsein und unser Denken – es macht auf Dauer enorm viel aus, wie wir miteinander sprechen bzw. kommunizieren: Gewalt beginnt in der Sprache. Bereits der Imperativ stellt für mich eine Art Gewaltanwendung dar.

Kunst und Literatur tragen wesentlich zur Kultivierung des Menschen bei: Alles, was die Kultivierung des Menschen vorantreibt, arbeitet gegen das Phänomen der Gewalt  und des Krieges. Die Kunst im Allgemeinen sorgt dafür, dass wir menschlich bleiben. Deshalb ist Kunst notwendig.

Was liest Du derzeit?

Anna Weidenholzer: „Hier treibt mein Kartoffelherz“, Doris Knecht: „Wald“, 

Dostojewski „Der Kaufmann von Afimjewsk“, Kafka: „Forschungen eines Hundes“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich möchte drei Textimpulse geben:

Der erste ist eine Kombination, der zweite ein Spruch von mir und der dritte ist ein Gedicht, das vor kurzem entstanden ist.

1.

Ihr führt Krieg? Ihr fürchtet euren Nachbar? So nehmt doch die Grenzsteine weg: so habt ihr keinen Nachbarn mehr. Aber ihr wollt den Krieg: und darum erst setztet ihr die Grenzsteine. (Friedrich Nietzsche, NF-1882,5[1])

Demzufolge muss Kunst die Kraft sein, welche Grenzen, vor allem Grenzen im Kopf, öffnet und abschafft und somit dem Kriege entgegenwirkt. (Martin Trimmel)

  •  

Die Wirklichkeit des Scheins ist die Notwendigkeit des Spiels: Hört nicht auf zu spielen und spielerisch zu schaffen!

3.

Selbst wenn es schwierig ist

mit Kunst zu überleben

bitte

nicht aufgeben

jeder Strich zählt

in dieser grausamen Welt.

Jedes Wort, jeder Ton

jede theatralische Gebärde

auf dieser Erde

Wir müssen uns selbst unser Leben

unser Leiden und alles

was uns ausmacht zeigen

damit wir Menschen bleiben

Martin Trimmel, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview, lieber Martin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen: Martin Trimmel, Schriftsteller

Zur Person: Martin Trimmel ist 1982 geboren und lebt in Schwarzau am Steinfeld / Niederösterreich und in Wien. Er studierte Philosophie und arbeitet derzeit als Büroangestellter. Zahlreiche Orts- und Jobwechsel prägen ihn und sein Werk.
Vor seiner ersten Buchveröffentlichung „Lizzie“ (Lyrik) im Hochroth Verlag erschienen Gedichte auf Online-Portalen und in der Lyrik-Zeitschrift Wortwerk. Lesungen hielt er in Wien bei der Österreichischen Gesellschaft für Literatur und im Werk; in Leipzig auf der Buchmesse und in der Lyrikbuchhandlung und in Niederösterreich im Schloss Fischau.

Weitere Informationen zum Autor unter:

http://www.hochroth.de/2825/martin-trimmel-lizzie-2

Fotos: Bozana Maksimovic

Walter Pobaschnig 24/5/25

https://literaturoutdoors.com


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