
Erinnerung an Barbara Frischmuth, Schriftstellerin *5.7.1941 Altaussee +30.3.2025 Altaussee
Erinnerung _ Doris Fleischmann, Autorin
Liebe Doris, welche Erinnerungen hast Du an Barbara Frischmuth als Kollegin? Gab es persönliche Begegnungen und wie hast Du diese erlebt?
Anfang der Neunzigerjahre habe ich in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur gearbeitet und bin Barbara Frischmuth regelmäßig bei Lesungen und literarischen Jausen begegnet. Ich erinnere mich an eine weltoffene, vielgereiste und sehr sympathische Autorin. Viele Jahre später haben wir uns bei einer Jubiläumsfeier der Österreichischen Gesellschaft für Literatur wiedergesehen. Ich werde nie vergessen, wie sie mir und meiner ehemaligen Kollegin Karin Rosa de Pauli voller Begeisterung erzählte, dass ihr Sohn jetzt als Tätowierer arbeitet. Barbara Frischmuth war immer für eine Überraschung gut.
Was macht für Dich das Werk von Barbara Frischmuth aus und wie ist dieses in die österreichische Literaturgeschichte einzuordnen?
Barbara Frischmuth ist eine der bedeutendsten Autorinnen der österreichischen Gegenwartsliteratur, mit einer großen Erzählstimme und einem vielseitigen Œuvre. Sie hat Romane, Erzählungen, Gedichtbände, Theaterstücke, Hörspiele, Essays, Kinder- und Jugendbücher und vieles mehr veröffentlicht. Es ist mir bis heute unverständlich, warum sie nie den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur zugesprochen bekam.
Gibt es ein Lieblingsbuch von ihr und warum dieses?
Barbara Frischmuths Schulzeit im Mädchenpensionat der Kreuzschwestern in Gmunden hat ihr weiteres Leben geprägt und sie zur Feministin werden lassen. So fällt mir auch heute als erstes ihr Debütroman „Die Klosterschule“ ein. Ich habe ihn jetzt nochmals zur Hand genommen und bin an diesem Satz hängen geblieben: „Wenn der Schnee in der Sonne schmilzt, ist der Himmel klar, und unsere Zähne heben sich gegen das Weiß ab und stehen wie geschabte Karotten aus dem Blau unserer Lippen.“
Welche Inspiration hinterlässt ihr Schreiben, ihre Weltsicht, ihr Künstlerinsein?
Im Oktober 2022 wurde mir für zwei Wochen die Schreibwohnung der Literar-Mechana in Altaussee zur Verfügung gestellt, ganz am Ende des Ortes, dort wo der Seerundweg beginnt. Ich habe Kontakt mit dem örtlichen Literaturmuseum aufgenommen, wurde auf einen Spaziergang durch den Literaturgarten und den Ort mitgenommen und habe die Museumsräume besichtigt. In einer Vitrine war ein Foto von Barbara Frischmuth zu sehen, daneben stand dieses Zitat: „In Venedig könnte ich nicht schreiben und in vielen Städten der Welt auch nicht. Hier in Aussee kann ich schreiben.“ Leider kam es damals in Altaussee zu keiner persönlichen Begegnung mehr. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie an diesem beschaulichen Ort Ruhe und Muse zum Schreiben finden und trotzdem ihre Weltoffenheit und ihre internationale Bekanntheit aufrechterhalten konnte.
Gibt es ein Zitat/eine Textstelle von ihr, die Du uns noch mitgeben möchtest?
„Es ist wichtig, woher man kommt, noch immer wichtig. Auch wenn man wie einige Club-Mitglieder seit fünfzig Jahren und länger hier lebt. Die Erinnerung an eine Identität bleibt wach, selbst wenn sie längst eine andere geworden ist.“
Aus: Barbara Frischmuth, Vergiss Ägypten, Aufbau Verlag, Berlin 2008
Vielen Dank für das Interview!

*5.7.1941 Altaussee +30.3.2025 Altaussee
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin
geboren 1941 in Altaussee, studierte Türkisch, Ungarisch und Orientalistik und war seitdem freie Schriftstellerin. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin lebte seit 1999 wieder in Altaussee. Zu ihren größten Erfolgen zählen die Romane „Die Klosterschule“ (1968), „Die Mystifikationen der Sophie Silber“ (1976) oder „Kai und die Liebe zu den Modellen“ (1979), aber auch ihre zahlreichen Gartenbücher. Zuletzt im Residenz Verlag erschienen: „Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen“ (2021)„Schaufel, Rechen, Gartenschere“ in der Reihe „Dinge des Lebens“ (2023) und „Die Schönheit der Tag- und Nachtfalter“ (2025). Der Residenz Verlag trauert um Barbara Frischmuth 31.3.2025

Doris Fleischmann, Autorin
Zur Person: Doris Fleischmann, geboren 1970 in Wiener Neustadt, lebt und arbeitet in Wien; viele Jahre im Kulturbetrieb tätig; schreibt Prosa. Regelmäßige Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, eine Co-Herausgeberschaft. Ihr Debütroman „Alles, was bleibt oder Ein Haus in Wien“ erschien 2018 im Hollitzer Verlag, Wien. Im April 2022 erschien ihr Kurzgeschichtenband „Spaziergänger zwischen den Welten“ im Pilum Literatur Verlag, Strasshof an der Nordbahn. Mitglied beim Literaturkreis Podium, der Literaturgruppe Textmotor sowie der Arbeitsgemeinschaft Autorinnen.
http://www.aga.at/autorinnen/fleischmann_doris.htm
https://www.facebook.com/doris.fleischmann.autorin/
Foto_Portrait Barbara Frischmuth: Franz Johann Morgenbesser
Foto_Portrait Doris Fleischmann: privat
Walter Pobaschnig 13.4.2025