„dass wir wieder lernen, utopisch zu denken“ Christian Lorenz Müller, Schriftsteller _ Salzburg 11.9.2024

Lieber Christian Lorenz Müller, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jetzt, wo mich eine Idee für einen neuen Roman ereilt hat, sitze ich ab spätestens neun Uhr am Schreibtisch. Noch probiere ich herum, suche die geeignete Form und den richtigen Ton. Mal verirre ich mich für zwei, drei Tage, ohne konkret sagen zu können, wohin ich eigentlich gehen will. Aber ich weiß, dass ich in dieser Phase meinen Ahnungen und Emotionen vertrauen muss, vor allem, was die Figuren betrifft. Es ist wie im richtigen Leben: Bei manchen Menschen, die man kennenlernt, merkt man schnell, dass es über laue Durchschnittlichkeit nicht hinausgehen wird; trifft man hingegen jemand, zu dem man sofort den richtigen Draht hat, hofft man beglückt auf neue Erfahrungen.

Am späten Nachmittag arbeite ich meistens in dem Gemeinschaftsgarten, den ich mitbegründet habe. Vor vier Jahren haben wir Beete angelegt, Obstbäume gepflanzt und eine Wasserversorgung eingerichtet. Wenn ich einen Korb voll von Salaten, Gurken, Kräutern und Brombeeren nach Hause bringe, fühle ich jedes Mal aufs Neue tiefe Befriedigung: All die Arbeit, all die Mühe haben sich gelohnt – auch auf literarische Weise, denn ohne das reale Vorbild gäbe es meinen aktuellen Roman „Radieschen-Revolution“ sicher nicht. 

Christian Lorenz Müller, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir über all den aktuellen Krisen und Katastrophen nicht verzagen. Dass wir uns gegen jene, die unsere demokratisch-freie Gesellschaft zerstören wollen, entschieden wehren und allen, die die Mär vom gerechten starken Mann verbreiten, entgegenhalten, dass es ihnen freisteht, auszuwandern, am besten nach Ungarn, Russland oder China, wo sie sich ruhig Orban, Putin oder Xi zu Füßen werfen können.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wichtig ist, dass wir wieder lernen, utopisch zu denken. Da meines Wissens nur der Mensch dazu in der Lage ist, sich Welten vorzustellen, die es noch nicht gibt, sollte er diese Fähigkeit für sich und alle seine Mitlebewesen nutzen. Noch vor nicht allzu langer Zeit erschien die Vorstellung, dass es Gesellschaften ohne Leibeigene, ohne Sklaven geben könnte, vollkommen absurd; heutzutage zweifelt kaum jemand mehr daran, dass alle Menschen zumindest theoretisch frei und gleich geboren werden.

Die Literatur nun bietet die wundervolle Möglichkeit, sich auszumalen, wie es sein könnte, wie eine Gesellschaft besser und gerechter gestaltet werden könnte, im Großen wie im Kleinen. Unser Gemeinschaftsgarten ist ein gutes Beispiel dafür, dass etwas, das zunächst nur in der Vorstellung existiert, Wirklichkeit werden kann. Für erhöhte Biodiversität etwas zu tun, war zum Beispiel eines unserer vagen Ziele – und dann konnten wir bereits im zweiten Jahr drei seltene Schmetterlingsarten auf unserem Gelände beobachten! Manchmal geht der positive Wandel schneller als gedacht.   

Was liest Du derzeit?

Sämtliche Romane und Prosastücke von Arno Schmidt. Dieser Dichter der Nachkriegszeit ist zwar nicht vergessen, wird aber viel zu wenig gelesen. Es ist schwer, ihn einer bestimmten literarischen Strömung zuzuordnen, denn er macht so gut wie alles auf ganz eigene, völlig unverkennbare Weise. Was mir besonders gefällt, ist, dass er auf die herkömmlichen Wortkategorien pfeift. Zum Beispiel verbisiert er gerne Substantive: Da „maulwurft“ eine Frau, die ihre Brille verloren hat, schon einmal durchs Gebüsch, und neben ihr „nattert“ es. An Österreich missfielen dem gebürtigen Hamburger übrigens die Berge: „Ich brauche keinen Landschaftsbarock. Eine ordentliche Landschaft hat flach zu sein.“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Nur die Phantasielosen flüchten sich in die Realität.“

(Arno Schmidt)

Vielen Dank für das Interview, lieber Christian, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen: Christian Lorenz Müller, Schriftsteller

Zur Person/über mich: Geboren 1972 in Rosenheim/Bayern. Gelernter Trompetenmacher.
Lebt in Salzburg.

2010 erschien der Roman „Wilde Jagd“ (Hoffmann und Campe), für den der Autor 2012 mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet wurde. Müller erhielt einige weitere Preise und Stipendien, unter anderem den Georg-Trakl-Förderungspreis für Lyrik 2012. Weitere Romane: „Ziegelbrennen“ (2018), „Unerhörte Nachrichten“ (2020) und „Radieschen-Revolution“, sämtlich erschienen im Otto Müller Verlag, Salzburg.

Christian Lorenz Müller initiierte 2013 die Textgespräche, eine Schreibwerkstatt für werdende Autorinnen und Autoren. Gelegentlicher Rezensent, unter anderem für die Salzburger Nachrichten. Er schreibt für den Lyrikblog Der goldene Fisch und ist Mitglied des Nature-Writing-Kollektivs dns – die natur schreibt. Von 2015 bis 2022 verantwortete er den Prosateil der deutschen Literaturzeitschrift Konzepte.

Christian Lorenz Müller (christian-lorenz-mueller.de)

Aktueller Roman von Christian Lorenz Müller:

Ein Umkreisen der zentralen Frage:
Ist es in unserer Gesellschaft noch möglich, eine uneigennützige, vorraussetzungsfreie Freude am eigenen Tun zu haben?

Gerd ist nicht gerade begeistert, als seine Freundin Elfi ein Beet in einem Gemeinschaftsgarten mietet. Trotzdem geht er ihr zur Hand und stellt verwundert fest, dass er einen grünen Daumen hat. Bald schon bindet er voller Eifer Tomaten auf, setzt Kartoffeln und siebt Kompost. Als eine Nachbarin eine skurrile Intrige gegen den Garten anzettelt, zögert er nicht, vehement gegen sie vorzugehen – was aber nur dazu führt, dass Elfi und er kurzerhand des Gartens verwiesen werden. Angespornt durch diese Niederlage gelingt es ihm, am Stadtrand ein neues Grundstück zu pachten, auf dem er den Gemeinschaftsgarten seiner Träume errichten will. Die bunte Truppe, die sich zusammenfindet und Beete anlegt, Hackschnitzel verteilt sowie eine Hütte aufstellt, erfüllt Gerd ganz mit Glück und Stolz, während Elfi realistisch bleibt: Schon die erste Ernte besteht nicht nur aus Karotten, Brokkoli und Kraut, sondern auch aus Neidwurz, Eifersuchtskartoffeln und Lästermelisse. Als Gerd endlich aus seinem idealistischen Traum erwacht, muss er erkennen, dass seine grüne Utopie verloren ist, wenn er sie nicht entschlossen verteidigt.

In einer kräftigen, bildreichen Sprache erzählt Christian Lorenz Müller von der Sehnsucht nach einer Welt, die durch das eigene Handeln ein klein wenig besser wird – und von Wünschen und Überzeugungen, die nur mit einer gehörigen Portion Realismus Wirklichkeit werden können.

https://www.omvs.at/buch/radieschen-revolution/

Radieschen-Revolution, Christian Lorenz Müller, Roman, Otto Müller Verlag

Veröffentlichung: 08/2024

ISBN: 978-3-7013-1320-4

252 Seiten, kartonierter Pappband

Preis: € 26

E-Book: € 21,99

Foto_Portrait: Gabriele Kriks.

Walter Pobaschnig _ 10.9.2024

https://literaturoutdoors.com

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